the huron carol (eine deutsche übersetzung)

Wenn wir zu Weihnachten wieder von Gottes Kommen in diese Welt erzählen, sind wir auch erstaunt, dass dieses Kommen Gottes nie aufgehört hat. Im Jahre 1643 hat ein Jesuitenpriester diese Geschichte wieder erzählt in einem Lied, das er in der Sprache der Huron-Indianer (im kanadischen Gebiet) verfasste. Im Jahre 1643 wurde Gott somit als Huron-Indianer geboren. Dieses Lied, das offensichtlich als Kanadas ältestes Weihnachtslied gilt, gibt es auch in einer englischen Version von 1926. Abgedruckt ist es zum Beispiel in „The Hymnal 1982″, dem Gesangbuch der Episkopalkirche (anglikanisch) in Amerika. Von dieser Textvorlage aus, verfasste ich folgenden deutschen Text:

1. Der kalte Wintermond hatt’ alle Vögel schon verbannt,
da wurden Himmelswächter durch den Großen Geist gesandt.
Ihr Glanz war heller als ein Stern, / und Jäger hörten in der Fern’:
Jesous Ahatonhia, Ahatonhia, Jesous Ahatonhia. (Jesus ist geboren.)

2. Ein Hüttendach aus Rinde barg das Kind so zart und fein.
Ein schon zerlumptes Hasenfell schloss seine Schönheit ein.
Die Jäger nahten gar nicht bang, / und lauter tönte der Gesang:
Jesous Ahatonhia, Ahatonhia, Jesous Ahatonhia. (Jesus ist geboren.)

3. Der neue Wintermond scheint nicht so rund und nicht so schön
wie jener Glanz, den ich um jenes schwache Kind gesehn.
Schamanen kamen von weit her / mit Gaben: Pelz von Fuchs und Bär.
Jesous Ahatonhia, Ahatonhia, Jesous Ahatonhia. (Jesus ist geboren.)

4. O Kinder aller Wälder, ihr des Großen Geistes Spross,
das Himmelskind ward euch geborn durch einer Mutter Schoß.
Kommt, singt dem Geist, der an euch denkt, / und durch dies Kind euch alles schenkt!
Jesous Ahatonhia, Ahatonhia, Jesous Ahatonhia. (Jesus ist geboren.)

Ich weiss: Warum soll man etwas in einer Übersetzung wiedergeben, was für einen anderen Kulturkreis gedacht war? Sollte nicht mit dem ursprünglichen Text einer nicht-europäischen Kultur die Weihnachtsbotschaft nahegebracht werden? Warum dann eine Rückübersetzung in eine europäische Sprache? Trotzdem: Durch die Übersetzung werden wichtige Fragen gestellt:

Ist uns bewusst, wie wir selber in deutschen bzw. europäischen Weihnachtsliedern die eigene Kultur in die Geburtsgeschichte eingeschrieben haben? Glauben wir wirklich, dass Gottes Kommen und In-Der-Welt-Sein universal ist? Wenn Gott als Huron-Indianer geboren werden kann, vielleicht kann er auch als kleines Mädchen geboren sein, oder schwarz oder asiatisch oder schwul. Wäre uns das sehr fremd? – Man sagt ja zu Weihnachten so oft: „Gott ist einer von uns geworden.“ Trotzdem dürfen wir nie behaupten, Gott gehöre ausschliesslich zu unserer Gang, zu unserem Clan, zu unserer Clique. Es wird immer ein Teil an dem Geheimnis sein, das uns schmerzlich fremd ist.

deck the hall with boughs of holly (ein deutscher text)

Deck the hall with boughs of holly
Ein Vorschlag, wie man es auf Deutsch singen könnte

1.
Schmückt das Haus mit grünen Zweigen, (Fa la la la la, la la la la)
dieses Fest ruft uns zum Reigen! (Fa la la la la, la la la la)
Füllt die Becher, leert die Fässer, (Fa la la, la la la, la la la)
dann erst wird das Singen besser! (Fa la la la la, la la la la)

2.
Heute fliesst der Wein in Strömen! (Fa la la la la, la la la la)
Lauter soll der Kehrreim dröhnen: (Fa la la la la, la la la la)
Singen, Trinken, Tanzen, Lachen, (Fa la la, la la la, la la la)
Freunde, das sind schöne Sachen! (Fa la la la la, la la la la)

3.
Keiner wird dies Jahr vermissen, (Fa la la la la, la la la la)
denn das neue will uns grüßen. (Fa la la la la, la la la la)
Zechend, lachend mit Geschmetter (Fa la la, la la la, la la la)
trotzen wir dem Wind, dem Wetter! (Fa la la la la, la la la la)

Yotin Tiewtrakul 2011

Textvorlage ist die Version, die in „100 Carols for Choir“ abgedruckt ist. (Da heisst es neben anderen Detailunterschieden statt des sehr verbreiteten „don we now our gay apparel“ in der dritten Zeile der ersten Strophe „fill the mead cup, drain the barrel“.) Weitere philologische Details: http://www.hymnsandcarolsofchristmas.com/Hymns_and_Carols/deck_the_hall.htm

Natürlich ist das sehr speziell. Aber habt ihr einmal versucht, das Englische zu singen? Da ich auf sehr viele mir fremde Wörter stiess, machte mir das nicht viel Spass. Es gibt durchaus viele Weihnachtslieder, auch deutsche, die bar jeglicher theologischen Information sind, aber „Deck the hall“ schiesst doch den Vogel ab. Was kennt ihr für Weihnachtslieder ohne Inhalt? Gibt es ein deutsches Gegenstück zu diesem Trinklied?

 

hark! the herald angels sing (deutsche übersetzung)

1. Boten rufen überall:
„Rühmt das Königskind im Stall!
Friede auf dem Erdenrund!
Gott und Mensch: ein neuer Bund!“
Wer die Neuigkeit gehört,
stimme ein in dieses Lied,
das die Engel uns gelehrt:
„Gott als Kind im Stall verehrt!“
Boten rufen überall:
„Rühmt das Königskind im Stall!“

2. Den Propheten einst schon sahn,
künden Engel heute an.
Eine junge Frau gebar
den, der vor der Welt schon war.
Heil dem Gott in Knechtsgestalt!
Ewigkeit sprang in die Zeit,
kehrte bei uns Menschen ein,
uns „Immanuel“ zu sein.
Boten rufen überall:
„Rühmt das Königskind im Stall!“

3. Friedensbringer unsrer Zeit!
Sonne der Gerechtigkeit!
Licht und Leben, Trost und Heil
unter seinen Flügeln weilt.
Seine Krone legt er ab,
reißt die Menschheit aus dem Grab.
Eine neue Welt entspringt
durch ein kleines schwaches Kind.
Boten rufen überall:
„Rühmt das Königskind im Stall!“

Yotin Tiewtrakul 2011
zu „Hark! the herald angels sing“ von Charles Wesley  u.a. ab 1739

Nie hätte ich gedacht, dass ich einen deutschen Text zu „Hark! the herald angels sing“ machen würde. Erstens gibt es genügend deutsche Weihnachtslieder, die man singen kann. Zweitens ist „Hark! the herald“ so eng verbunden mit der englischen Kultur, dass ich darum fürchten muss, von Kultur-Reinheits-Erhaltern Droh-E-Mails zu bekommen. Drittens ist die Textvorlage aus dem 18. Jahrhundert: Was soll uns diese Sprache noch sagen?

Nun ist es also keine Übersetzung geworden. Vielleicht ist mein Text auch nicht dazu gedacht, gesungen zu werden (obwohl ich sicher bin, dass es funktioniert). Man betrachte meinen Entwurf eher als eine Reflexion zum Thema „England – Deutschland“ bzw. zum Thema „Was ist anglikanisch?“. Reflektiert wird auch die Frage: Wieviel Archaismus und „Poetismus“ kann ich selber aushalten? Gestern sagte A. zum Beispiel zu mir, sie würde das Wort „Boten“ nicht mögen, das klänge so profan und unpoetisch. Aber ich selber mag halt irgendwie auch nicht so oft das Wort „Engel“ einsetzen, weil die Esoterik-Ecke in Bücher-Discountläden diese Mischwesen zwischen Himmel und Erde gezähmt hat.

Wenn ihr den Text auf Liederzetteln o.ä. benutzen wollt, gebt bitte – eigentlich ist das selbstverständlich – meinen Namen an. Vielleicht schreibt ihr auch eine E-Mail. Vorher. Und auch nachher, ob es funktionierte.

very sad, sad piece

brother, sister, let me serve you

1. Lass mich dir die Hände reichen,
und, wie Er, dein Diener sein.
Dass auch du mir dienst, mich stützt, das
möge Gnade mir verleihn.

2. Wir sind Wandrer auf den Straßen.
Als Gefährten auf dem Pfad
wolln wir uns ein Stück begleiten,
teilen, was ein jeder hat.

3. Ich will Christi Licht dir halten
in den Nächten deiner Angst,
spreche dir den Frieden zu, nach
dem dein Herz so sehr verlangt.

4. Weinst du, weinen wir gemeinsam,
lachst du, teile ich dein Glück.
Und am Ende wird’s ein Ganzes,
blicken wir mit Dank zurück.

5. Christi Liebe, Christi Leiden,
beides haben wir geteilt,
alles mündet ein in einen
Lobgesang, der nie verhallt.

6. = 1.

Yotin Tiewtrakul 2011
nach „Brother, sister, let me serve you“ von Richard Gilliard 1977

Das Lied „Brother, sister, let me serve you“ singen wir recht häufig in der Anglikanischen Kirche in Hamburg. Während der Reise letzte Woche mit einigen Freunden ist es uns an zwei verschiedenen Orten begegnet. Einmal auf Iona, dann in St Matthew’s Westminster – zwei seehr unterschiedliche Zugänge zu Frömmigkeit und Liturgie. Es muss etwas Besonderes sein an einem Lied, das einerseits sozial engagierte Christen als auch anglo-katholische Kleriker gerne singen mögen. Eigentlich habe nie daran gedacht, eine deutsche Übersetzung anzufertigen. Aber nun ist es doch passiert. Hier kann man den Komponisten sein eigenes Lied singen hören: Richard Gilliard singt „Brother, sister, let me serve you“:

outside holiness

After struggeling with what to think of my stay in Iona, now back home I feel even enthusiastic about what I learned there about being taken „outside holiness“. The following video has a prayer which sums up pretty well what Iona is all about. Watch it! (Or make an effort to read below my attempt to understand the experience in Iona.)

Iona is not about monasticism.

Let’s repeat that. Iona is not about (continental style) monasticism.

As we were sitting in a pub on our trip home waiting for a bus I was thinking that a pub really is a „Zwischenort“, an „in between place“. It is not made for arriving or being welcomed home. It’s just a place of „passing by“.

How do we design our churches? Some really try to give you the sense of being welcomed, being at home, being protected. The abbey church in Iona indeed is like a fortress, built with big and heavy blocks of stone. However, it is just too cold in there. You couldn’t manage to make yourself comfortable in there for a long time.

The services are short and have a feel of business. Every evening the service is different. And you are never sure if suddenly you are asked during the service to share some thoughts with your neighbour or „are invited“ to be involved in some other way.

The songs, the psalms and the prayers are all in a fresh language. (Über ein Lied sagte jemand aus der Gruppe: „Da ist der Genderbeauftraugte einmal drüber gegangen und hatte nichts mehr zu beanstanden.“) Concerns and good causes are never forgotten.

The energy of Iona is directed to the outside. The main concern is to get involved with the needs of humanity and the environment.

Compare that to the main concept of „stabilitas“ of the Rule of St Benedict. Remember that the first chapter doesn’t speak well at all about traveling monks. The monks on the continent frowned upon that. They wanted to cultivate the land and build a small paradise inside the walls of the cloister. The energy of continental monasticism seems to be directed to the inside, to silence, to internal movements of the soul etc.

Iona has no „style“.

I guess it was so difficult for me to grasp what Iona is all about, because there is no specific „style“. Think of Taizé. The chants from Taizé are their trademark. But it is not only their music but a certain kind of decoration of the church which seem to represent „Taizé“: orange fabric, icons, boxwood bushes, monks in white robes, candles, candles and candles.

But what is Iona? Not the songs. I mean, we just used the hymnary of the Church of Scotland like every other parish in Scotland does I suppose. And it’s also not the „liturgy“ – as I said, they are not very much interested predictable services. (The Monday evening service turned out to be a small National Coming Out Day demonstration for example.) And it’s also not the language in the prayers or songs. There really is no place for all that irish blessings kitsch in Iona.

Isn’t that great? All that is challenging me to discover the paths where I am not „at home“ and meet other people who also have not „arrived“ yet or „attained“ something (heaven, Nirvana, enlightenment, or whatever). Why, why should we continue to dream of a cuddly and warm fireplace while the hearts of those burn who are traveling and on the road meet a stranger on their way to Emmaus?

[urban contemplatives] hamburg > facebook

https://www.facebook.com/pages/urban-contemplatives-hamburg/227623557272295

heute erheb ich mich

Zu dem keltischen Schutzgebet, das unter dem Titel „Breastplate of St Patrick“ bekannt ist, gibt es in England (Vorsicht: MIDI! – Kopfhörer absetzen oder Ton ausschalten!) das Lied „I bind unto myself today“. Da ich das niemals hätte übertragen können, habe ich mich hingesetzt und was anderes probiert. Dabei ist dann „Heute erheb ich mich“ bei heraus gekommen. Ich wusste auch schon beim Verseschmieden, dass ich die Melodie, die im englischen Melodie-Index „Iste confessor“ heisst, verwenden wollte. Die ist dann auch auf der Aunahme zu hören. Wenn man bekanntere Melodien verwenden will: Es passt auch „Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen“ (Evangelisches Gesangbuch 81), was aber ein wenig depri klingt. Oder auch „Christus, das Licht der Welt“ (Evangelisches Gesangbuch 410), was aber ein wenig zu sehr lalala klingt. Das dorische „Iste confessor“ ist herb und meiner Meinung nach doch passender.

das leben ist schneller als das bloggen

Was?! – Wie lange habe ich nicht mehr gebloggt??

wie wiele kalorien hat eine hostie?

Zu Besuch bei „Moot“, einer „new monastic community“ in London. Sonntagabend. (Meine Notizen zum Samstagnachmittag.) Wann sollte das noch einmal losgehen? 18.30? Wir sind sowieso zu früh und es gibt Kaffee und Tee und Kekse, und natürlich geht es auch um 18.30 nicht los. Macht nichts. Man sagt Leuten hallo, man fühlt sich ja schon fast zu Hause in diesem Kirchenraum, wenn man nur einmal einige Leute kennen gelernt hat. Die Freunde vertiefen sich in Gespräche. Da ich aber darauf gerade keine Lust habe, gehe ich schon mal in den hinteren Bereich beim Altar. Dort versucht vergeblich ein ehrwürdiges Chorgestühl Traditionalismus auszustrahlen ob der jungen Leute, die sich langsam dort einfinden. Hallo? In so ein Chorgestühl gehören ja sonst bitte schön Kleriker mit Liturgie-Klamotten oder Chorknaben in weissen Chorhemden mit Spitzen. (By the way, Ian: Do you really think white hoodies for the Moot-clergy look good? Why not dress in your everday clothes and then just put on the stole at the beginning of the eucharistic liturgy?) Stattdessen sitzen hier durch H&M bekleidete Menschen.

Und dann geht es doch irgendwann los: „We meet in the name of our Triune God – Creator, Redeemer, Sustainer.“ Es ist trotz frischer Sprache erkennbar eine Liturgie des westlichen Messtypus. Singen tun wir nur mit einer Handtrommel begleitet, was gut klappt und ein tolles Erlebnis ist, weil begabte Menschen dabei sind, die weitere Stimmen dazu erfinden. Unausweichlich dann eine Predigt – leider auch in einer catholischen Liturgie (Moot ist eine der wenigen Projekte, die aus dem anglo-catholischen Zweig der englischen Kirche erwachsen sind). Doch ich verstehe sprachlich den Mittzwanziger leider nicht, u.a. weil er nuschelt. Das Genre „Predigt“ ist sowieso nicht meins. Ich höre also nicht wirklich zu.

Zur Eucharistie stehen wir im Kreis eng um den Altar. Ian entschuldigt sich, dass statt Hostien (sie hatten keine mehr) auf der Patene kleine Pfannkuchen liegen, die noch vom Treffen vom Vortag übrig waren. Oh-oh, Kohlenhydrate und Kalorien! Ich vertraue darauf, dass das wirklich eine Ausnahme ist und nicht nur ein Trick, um lustig und frech rüber zu kommen. (Nein, ich glaube nicht wirklich, dass das Absicht war.) Wir singen das Sursum corda auf einem Ton und Ian improvisiert über unserem Halteton die Präfation. Die gesungenen Teile der Liturgie, Sanctus, Gloria (ja, es ist an diese Stelle gerutscht) und Agnus Dei funktionieren wieder mit der Trommel begleitet und einer einfachen Vor- und Nachsingen-Struktur. Das ist einfach, angemessen und schön. Wir empfangen das Sakrament, und die Liturgie findet ihren Schluss mit liturgischen Formeln, die man sonst auch kennt: „So let us go into the world loving all those we meet and seeking to discern God whereever we are led. – In the name of Christ. Amen.“

Immer noch um den Altar stehend einige Ansagen, bei denen man merkt, wie familiär es hier zugeht. Danach ist immer noch viel Zeit zum Klönen bevor es dann in den Pub gehen soll. Da wir allerdings zu Mittag woanders schon ein wortreiches Mahl hatten mit vielen neuen und fremden Leuten, verzichten wir für den Abend darauf, noch mehr neue Leute kennen zu lernen. Wir verabreden mit Ian aber in Kontakt zu bleiben und so.

Nun: Was ist anders, was ist besonders? Wenn man nicht nur sagen wollte: nichts, würde ich das so beschreiben: Leute unter 40 feiern gemeinsam Eucharistie und sie wollen was. Sie haben eine Richtung eingeschlagen. Eigentlich frage ich mich, warum es nicht noch mehr solcher Menschen gibt. Was ist das Problem?

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