Leider beschäftigen sich alle zu sehr mit Sinn und der Abwehr von Sinnabwesenheit. Auch Religion und insbesondere ihre Riten zielen darauf ab, das Absurde zu bannen und in Schach zu halten. Keiner ist bereit, Karsamstag, den Zwischenraum, die Leerstelle auszuhalten.
Man muss aufhorchen, wenn im römischen Kult der Kirche, die sonst dazu neigt, alles mit Feiern und Liturgien zu überladen, am Karsamstag keine Riten vorgesehen sind. Zu Karsamstag fällt niemandem was ein. Ein Unschuldiger liegt im Grab. Es ist das Ende. Und es zieht sich hin.
Beim Meditieren sind wir bereit, alles da sein zu lassen, Karfreitag (Verzweiflung) und Ostern (Freude), aber eben auch die Leerstelle des Karsamstags. Dies setzt sich fort im alltäglichen Leben: Ein kontemplativ Übender ist bereit, alles zu erfahren, alle Neins der Welt und auch als Glück entdeckte Bejahung. Alles darf durch ihn und durch seinen Körper hindurch gehen, während er so erfährt, dass er verbunden ist mit den Dingen, mit allen Dingen dieser Welt.
Wieder befinden wir uns im Kalender der Kirche an der Schnittstelle von Ende und Anfang. Bemerken und erfahren wir das Dazwischen?
Jemand bat mich, eine Singweise für das Jesusgebet zu finden. Ich schrieb etwas auf und nahm es auf, damit man die Idee einmal hören kann. Es fehlt ein Liegeton – den müsste man sich noch dazu vorstellen, und: unendliche Wiederholungen dieses Ein-Satz-Gebetes.
Gebetsweisen und -methoden sollten nicht Gegenstand von „Meinungen“ sein. Wenn ich also berichte, dass die Praxis des Jesusgebets nicht meine ist, ist das keine Aussage darüber, wie ich sie finde oder dass ich diese oder jene Meinung darüber habe. Ich kenne eine Frau, die diesen Weg beschritten hat und intensiv damit lebt. Sie hat aber auch gewagt, sich auf den Rahmen, nämlich ostkirchliche Frömmigkeit und Theologie, einzulassen. So scheint mir das stimmig zu sein. Obwohl ich selbst also überhaupt keine Ahnung habe, empfehle ich für Menschen, die sich für diese ostkirchliche kontemplative Tradition interessieren, folgendes Buch:
Ich habe die Intuition, dass dieses sehr dünne Bändchen (72 Seiten) für Anfänger eher geeignet ist und einen nicht so sehr verwirrt wie das Grundbuch dieser Gebetspraxis („Aufrichtige Erzähungen eines russischen Pilgers“ hrsg. von Emmanuel Jungclaussen).
NB. Ist es nicht erstaunlich, wie viele verschiedene Weisen des kontemplativen Übens es gibt?
Leute, Leute! Gibt es denn eine Religion, die bei der anfallenden Zunahme von Sinn-Abwesenheit überhaupt etwas sagen kann? Keine Religion vermag dem Leben, wie es ist, zu begegnen. Das Leben ist so groß und gar nicht deutbar – auch nicht mit Religion. Was also, können wir tun? Klar, meine Spezialität ist, mich auf mein Meditationskissen zu setzen. Heute morgen jedoch entfuhr mir ein unwilliges „Ach, ist doch alles Quatsch!“ Auch das, kann sehr befriedigend sein: Sich einfach gegen die Sinn-Abwesenheit auflehnen und das Universum anpöbeln. Und: weinen, weinen, weinen.
notiz vom oktober 2009: „keine bestimmung, kein plan, keine wiederkehr, keine strafe, nur ledigkeit, durchlässig.“
notiz von gestern: „niemand ist schuld, weder die eltern, noch die anderen, noch gott, noch das schicksal. wir sind im frieden, denn dass die dinge so sind wie sie sind, war niemandes absicht, weder das, was wir gut nennen, noch das, was wir schlecht nennen. wir schulden niemandem dank, aber auch verdient keiner unseren tadel. dieses auszuhalten ist die grosse versöhnung.“
—
Ich frage mich, woher ich das weiss. Habe ich das irgendwo gelesen? Hat es mir jemand gesagt? Oder erweisen sich diese Notizen einfach nur als pragmatische Ansichten, mit der ein gewisser Grad von Ataraxie erreicht wird, eine Nouvelle Ledigkeit? Mich würde interessieren, wo ich das einordnen könnte, in welche Tradition ich mich damit einreihe.
Höre gerade sehr viel die Platte „Dowland: In Darkness Let Me Dwell“. Durch die „unhistorische“ Besetzung mit Sopransaxophon (auch mal Bassklarinette) und Kontrabass neben der Laute wirkt es einfach viel kräftiger als andere „historisch informierte“ Interpretation. Das so bekannte „Come again“ kann wieder sehr viel Spass machen.
Der Gott-Tinnitus besteht darin, zu jeder Zufälligkeit, den Grundton von Sinn und All-Intention zu vernehmen. Religion ist eine Art zwanghafte Geistestätigkeit, die alles mit Sinn auflädt.
Man kann an Sinn ersticken. Darum sind wir froh über unsere Fragmenthaftigkeit. Wir verteidigen unsere Lücken und preisen das Dazwischen, den Hohlraum, das Zimzum, denn sonst wären wir nicht und hätten keine Luft zum Atmen. Genervt von dem Sinn-Gott, der ähnlich wie der Igel überall, wo wir hinkommen, sein „Ich bin schon da!“ zuruft, werden wir aufmerksamer für die Zwischenräume, wo „nichts“ ist, jene Leerstellen, durch die überhaupt Bewegung und Flexibilität möglich sind. Dich preise ich, alles ermöglichender Hohlraum.
Es gibt das Gedankenexperiment, sich die Unwahrscheinlichkeit vorzustellen, dass man existiert. Seit dem Aufkommen lebendiger Organismen haben alle meine Vorfahren überlegt, so recht und schlecht jedenfalls bis sie ihr Erbgut weitergeben konnten – bis zu mir. Wie weit man doch zurück reicht! Ebenso wie meine Eltern sich selbst in mir wiedererkennen können, tun dies auch meine Grosseltern und die Eltern meiner Grosseltern. Und auch sie alle sind wiederum ins Leben gekommen aus einer Anzahl von günstigen oder widrigen Umständen. Ich bin eine Unwiederholbarkeit.
Aber bei mir endet die Linie auch, denn ich werde keine Nachfahren zeugen. Ich stehe am anderen Ende des Urknalls. Kinderlos hoffe ich in den Zustand einzugehen, der da war, bevor das Drama des Lebens sich entrollte.
In meinem letzten Eintrag („vom kloster zum evangelischen pfarrhaus zum starbucks„) vertrat ich die Überzeugung, dass die Antwort auf die Frage, woher Lebendigkeit für das Morgen, nur aus Experimenten von Menschen oder Gruppen bestehen kann, die irgendeine Art von Leben wagen. Berechtigterweise merkte Walter an, eine Struktur könne helfen, dieses Leben sichtbar zu machen. (Dies wohl gegensteuernd gesagt zu meiner Skepsis gegenüber „am Reissbrett ausgedachten“ Methoden, Strukturen, Plänen etc.) Und auch ich kann nachvollziehen, dass Strukturen wahrscheinlich durchschlagender sind als Einzelpersonen.
Woher aber eine Struktur nehmen? Welche sollen wir uns als Vorbild nehmen? Die Apostelgeschichte? Die Benediktsregel? Bonhoeffers „Gemeinsames Leben“? Und wie kann eine Relecture dieser Text- und Ideenquellen konkret fruchtbar gemacht werden? Trotzdem unterstreiche ich noch einmal: Vor allem sollten wir an konkreten Menschen ablesen, wie für Heute und für das Morgen gelebt werden kann.
An dieser Stelle eine Einladung: Am 25. Oktober September 2010 (Samstag) laden wir vom Ansverus-Haus zum zweiten „Forum Spiritualität Nordkirche“ ein, diesmal unter dem Titel „ecclesiola – Glauben und Leben teilen“. Wir haben als Implsgebende Adelheid Sievers, eine evangelische Eremitin, Uta Gerstner und weitere Mitglieder der Basisgemeinschaft „Brot und Rosen“ (Hamburg) und den Künstler Ludger Trautmann eingeladen. In der Ausschreibung haben wir formuliert:
(…) Evangelische Aufbrüche kommuniäterer Experimente haben bisland explizit klösterliche Ideale (z.B. Armut, Keuschheit und Gehorsam, Stundengebet etc.) in den Blick genommen, wie das Beispiel von Taizé offenbar macht. Heute gilt es jedoch zu fragen: Was für eine eigene, evangelische, oder überhaupt neue Sprache ließe sich finden für das gegenwärtige Aufmerken und Suchen nach Formen von Gemeinschaft?
Wir tasten uns vor mit einem Bild: Das Haus in Bethanien, wo Maria, Martha und Lazarus, die Geschwister, eine gastfreundliche Herberge für den rastlosen Rabbi offen halten. Wir tasten uns auch mit einem Begriff vor: „ecclesiola“ ist die Verkleinerungsform von „ecclesia“. Es bedeutet also „Kirchlein“. Worum es hier geht, ist etwas Kleines, Unscheinbares, was aus ganz pragmatischen Bedingungen her gewachsen ist, und nun eine Sprache sucht. (…)
Man hört wahrscheinlich meine Stimme da raus, oder? Da das Forum erst nächstes Jahr stattfindet, sind Kommentare an dieser Stelle schon mal sehr willkommen!
Hätte, hätte, hätte. Ich hätte früher schon mal über „beziehungsweise LEBEN“ bloggen können, wozu ich ein Kapitel beigesteuert habe. Überhaupt hätte ich mal regelmässiger bloggen können. Egal. Ich erinnere mich, dass ich, als die Belegexemplare vor zwei Wochen ankamen, vom Mit-Autor zum Leser wurde. Das Kapitel von Martin Gommel über spirituellen Rhythmus zum Beispiel – da habe ich frühere eigene Erfahrungen stark wiedergefunden. Dazu bräuchte ich mal Zeit (hätte, hätte, hätte), um was dazu zu sagen.
Was mich besonders aufhorchen liess, war Walters Kapitel „Spiritualität und Volkskirche: Überlegungen zu geistlichen Kernen in evangelischen Volkskirchen“. Allerdings ist vor allem seine Einleitung oder seine Frage impulsgebend. In meinen Worten wiedergegeben: Seit ihrem Aufkommen seien Asketen, Einsiedlerinnen und Mönche die spirituellen Vorbilder für das Volk der Kirche gewesen. (Ich würde sagen: Für die katholische und orthodoxe Christenheit trifft das gewiss immer noch zu.) Für die evangelische Herde sei jedoch das Pfarrhaus an die Stelle des Klosters getreten. Walters Frage daran anschliessend ist: Wer vertritt heute die Funktion des spirituellen Vorbilds und die Funktion, erneuernde Impulse in die Kirche zu geben?
Es gibt darauf vorerst keine Antwort. Was ich allerdings schon sagen kann, ist dass diese Frage nur durch eine konkrete Lebensform beantwortet werden kann. Die Antwort gibt es nur als eine Vielzahl von Experimenten, die gelingen oder auch nicht.
Dass die Klöster und Orden bis heute – so sehr sie auch von innen her verfallen – mit ihrer spirituellen Kultur Impulse zu geben vermögen, liegt nicht zuletzt daran, dass es sich um konkrete Menschen handelt, die – wenn sie auch menschlich scheitern – das Experiment wagen. Das ist viel mehr Wert, als eine reine Phantasie von einer Urgemeinde zu haben. Das wäre eine blosse Träumerei und nazarenische Kunst-Romantisierung. Ich frage also noch einmal, und nun sollte das „wer“ deutlich herausgehört werden: Wer vertritt heute die Funktion des spirituellen Vorbilds und die Funktion, erneuernde Impulse in die Kirche zu geben? Der Blogger-Theologe, der bei Starbucks sitzt vielleicht?