ein neues kellion

Beiträge vom Juni 2007

jedes ding ist vom andern verschieden

Juni 29, 2007 · 1 Kommentar

Seine machtvolle Weisheit hat festen Bestand: *
er ist ja derselbe seit ewigen Zeiten.

Nichts ist hinzuzufügen, nichts zu entfernen.*
Er braucht keinen, der ihn berate.

Voll Anmut sind all seine Werke, *
bis hin zum kleinsten Funken und zur flüchtigen Erscheinung.

Sie alle leben und bestehen für immer, *
für jedes Bedürfnis ist alles bereitgestellt.

Jedes Ding ist vom andern verschieden, *
und keins von denen, die er schuf ist entbehrlich.

Eines ergänzt das andere in seinem Wert. *
Wer kann sich satt sehn an ihrer Herrlichkeit?

(Jesus Sirach 42,21-25)

in den cantica sind entdeckungen zu machen. derzeit beten wir morgens aus der ausgabe responsorialer cantica (von godehard joppich und johannes sell herausgegeben) und da bin ich über die obigen zeilen gestolpert. wer stolpert mit?

Kategorien: liturgie

flora und fauna der bibel: der klippdachs und warum er jetzt zu einem kontemplationsmaskottchen wird

Juni 27, 2007 · 5 Kommentare

der klippdachs begegnete der hausgemeinschaft zuerst in psalm 104. dort ist zu entnehmen, dass sein natürlicher lebensraum felsen bilden.

„was eigentlich ist denn ein klippdachs?“ fragten wir uns. in unseren köpfen bildete sich eine pelzig niedliche kreatur aber eher so in einem cartoon-stil, so dass wir in folge unserer übermässigen phantasie-expeditionen psalm 104 selten ohne lachkrampf beten konnten. regelmässig in vers 18 haute es uns dann raus:

Die hohen Berge gehören dem Steinbock, *
dem Klippdachs bieten die Felsen Zuflucht.

als ich letztens mal im buch der sprichwörter (30,26) blätterte, traf ich ihn wieder, den klippdachs:

Klippdachse sind ein Volk ohne Macht /
und doch bauen sie ihre Wohnung im Fels.

sympathisch, oder? dem wikipedia-artikel lässt sich übrigens entnehmen, dass der klippdachs mit den elefanten verwandt ist. na gut. was aber auch berichtet wird, ist dass klippdachse aufgrund ihrer besonderen iris, die sie stark verengen können, stundenlang direkt in die sonne blicken können. nachts fahren sie ihre temperatur auf 4 °C herunter. und das erste, was sie dann morgens tun, ist sich in der sonne aufzuwärmen.

auch wenn nach dem buch levitikus (11,5) der klippdachs als unrein gilt („Ihr sollt für unrein halten den Klippdachs, weil er zwar wiederkäut, aber keine gespaltenen Klauen hat.“), so ist doch seine fähigkeit, stundenlang direkt in die sonne blicken zu können, ein passenden bild für das kontemplative gebet. denn was tun die verrückten kontemplativen denn anderes als stundenlang in die sonne der sonne blicken zu wollen? und das mit dem aufwärmen in der sonne, da hat man doch gleich die zeilen von tersteegen im kopf, nur ein bisschen anders:

Du durchdringest alles. / Lass dein schönstes Lichte /
Herr, berühren mein Gesichte.
Wie die pelzigen Klippdachse / willig sich entfalten /
und der Sonne stille halten
lass mich so /
still und froh /
deine Strahlen fassen /
und dich wirken lassen.

und was tun kontemplationswütige denn sonst morgens nach dem aufwachen? erstmal eine stunde sitzen!

so genug gespasst.

Kategorien: kontemplativ

eines der acht laster nebst fünf gewissheiten

Juni 24, 2007 · 2 Kommentare

in der sogenannten acht-laster-lehre, die evagrius in seiner schrift praktikos darstellt, ist auch die traurigkeit mit dabei. sie entsteht dadurch, dass wir nicht das bekommen, was wir uns wünschen, oder wenn wir uns unerreichbares wünschen. (kapitel 10) das gegenmittel zur traurigkeit ist, uns von dingen zurück zu ziehen, an denen wir hängen. (kapitel 19)

ich finde das bemerkenswert, denn wir neigen wohl eher dazu, gegen traurigkeit so vorzugehen, dass wir auf irgendeine weise versuchen, dieses gefühl zu zerstreuen. – aber es wird einem mehr helfen, bei diesem gefühl zu bleiben und es zu durchschauen: „aha – ja, dieses gefühl von traurigkeit [oder ist so etwas wie melancholie gemeint?] kommt daher, dass ich nicht bekommen habe, was ich mir wünschte.“

gleichzeitig meine ich, dass es eine gute gelegenheit dazu ist, zu verstehen und zu durchschauen, dass wenige dinge von dauer sind. in buddhistischer tradition gibt es fünf „betrachtungen“, die man täglich rezitieren und erwägen soll. in der formulierung von thich nhat hanh lauten sie so:

Die fünf Gewissheiten

  1. Es ist der natürliche Verlauf, dass ich alt werde. Es gibt keinen Weg, dem Altern zu entgehen.
  2. Es ist der natürliche Verlauf, dass ich Krankheiten bekommen werde. Es gibt keinen Weg, dem Krankwerden zu entgehen.
  3. Es ist der natürliche Verlauf, dass ich sterben werde. Es gibt keinen Weg, dem Tod zu entgehen.
  4. Es ist der natürliche Verlauf, dass alles, woran ich hänge, und alle, die mir lieb sind, sich verändern. Es gibt keinen Weg, dem Getrenntwerden von ihnen zu entgehen.
  5. Meine Taten sind mein einzig wirkliches Erbe. Den Folgen meiner Taten kann ich nicht entgehen. Meine Taten sind der Boden, auf dem ich stehe.
    [quelle: intersein-zentrum.de]

diese „betrachtungen“ täglich zu rezitieren und sich dieser tatsachen bewusst zu werden, könnte eine praktische umsetzung des gegenmittels zur traurigkeit sein. (wenn sie einen angst machen oder depressiv sollte man das eher unterlassen.)

weitere formulierungen der „fünf gewissheiten“ auf englisch bei dharmastudy.org.

Kategorien: buddhismus · üben

jesus war rettungslos verloren – ein gastbeitrag

Juni 22, 2007 · Kommentar schreiben

manchmal sind kommentare so gut, dass sie schon als gastbeitrag angesehen werden können. dank an den pädagogen im freundeskreis! hier sein kommentar zu „unser gott rettet nicht“:

„Ja, auch Jesus war rettungslos verloren. Gott schwieg beharrlich. Jesus konnte nicht vom Kreuz heruntersteigen. Diese von ihm als Glaubensbeweis geforderte Omnipotenz gab seine Liebesmacht nicht her. Gott ist schwach; er wird mit Jesus gekreuzigt, besiegt, eben weil er nur Liebe ist. Eine Liebe, die den Menschen nicht zwingen kann, zu lieben. Eine Liebe die grenzen- und bedingungslos ist. Sie kennt kein ‘wenn’ und ‘weil’.

Gott kann nur lieben. Gott muss lieben: ‘Wann immer dich Gott bereit findet, muß er wirken und sich in dich ergießen, ebenso, wie wenn die Luft klar und rein ist, die Sonne sich ergießen muß und sich dessen nicht zu enthalten vermag. Es wäre gewiß ein großer Mangel an Gott, wenn er nicht große Werke an dir wirke und großes Gut in dich gösse, wenn er dich entsprechend ledig und entblößt vorfindet.’ (Eckhart zit. in: Schiwy 2001, S. 99)

Ja, Gott ist mit uns in der Leere, im Willkürlichen, im Grausamen, im Rachsüchtigen, auch wenn sich seine Präsenz zuweilen nicht entfalten kann, weil die Konzentration des Lebensverhindernden machtvoller ist.

Nachtmeerfahrten können als Teil eines heilsamen Prozesses der Transformation, der Wandlung zum rettenden Ufer führen oder aber Ertrinken zur Folge haben. Das Kreuz, das Menschen tragen müssen, kann erlösen oder töten. Menschen, die ertranken, konnte Gott nicht retten, obwohl er wollte. Die Liebe Gottes braucht Freiheit. Er bleibt machtlos, obwohl und weil er all-liebend ist.“

Kategorien: fragen

unser gott rettet nicht

Juni 21, 2007 · 1 Kommentar

unser gott rettet nicht. jedenfalls ist es das, was in der jesusgeschichte passiert: zu ungerechtigkeiten schweigt er, und scheitert mit uns, ja geht mit uns ins leere. was hilft uns das? die einzige „hilfe“ die man da vielleicht noch ausmachen könnte, ist, dass er „mit uns ist“. aber das ist auch schon alles. kyrie eleison.

Kategorien: fragen

tree of contemplative practices

Juni 20, 2007 · Kommentar schreiben

übungen geistlicher praxis. aufgelistet und dargestellt als baum und in zweigen. [auf das bild klicken, um es grösser zu sehen.] bei interesse bitte selber dem link folgen.

(via: Transfiguration Community, quelle: The Center for Contemplative Mind in Society.)

Kategorien: kontemplativ

wo dein atem ist, da ist dein kellion

Juni 19, 2007 · Kommentar schreiben

sehr geehrter bruder romuald,

dafür, dass deine kleine regel mit dem vorschlag beginnt, die eigene zelle – ganz so wie zu beginn des christlichen mönchtums – als eminenten aufenthaltsort eines mönchs, eines menschen, der „allein mit gott“ zu sein wünscht, zu verstehen, scheinst du aber sehr viel herumgekommen zu sein. hat dich die suche nach der zelle umgetrieben? hast du erst spät lernen müssen, dass das eigentliche kellion, die mönchszelle, am sichersten dort auszumachen ist, wo dein atem raum findet?

und dann schlägst du auch noch vor, bei jeder passenden gelegenheit psalmen zu beten. auch das ganz nach dem vorbild des wünstenmönchtums, der alten anachoreten. immer wieder zu diesen worten zurückzukehren, und so zu üben, sich zu sammeln und bei sich und somit bei gott zu sein. nicht eingeengt in einer abteiarchitektur von stundengebet und liturgie, sondern in der schlichten entfaltung des sinnes der psalmengebete.

ich kann mir vorstellen, dass es nicht wenige menschen gibt, die in deinem sinne allein mit gott sind. vielleicht mussten sie das mühsam lernen, weil sie sich das nicht selber ausgesucht haben. vielleicht gibt es in seniorenheimen den einen oder anderen, der dem geiste nach dein bruder oder deine schwester wäre. oder wieder andere, die in urbanen häuserschluchten sich ohne soziale kontakte wiederfinden. mit ihnen allen bist du im gebet verbunden. gut das zu wissen.

dein beisasse

Kategorien: kontemplativ · monastic
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gib gott nicht alles

Juni 15, 2007 · 1 Kommentar

„mach mit mir, was dir gefällt“? „zu allem bin ich bereit“? – wie auf den seiten der gemeinschaften, deren spiritualität sich auf charles de foucauld bezieht, erklärt wird, handelt es sich bei dem sogenannten „gebet der hingabe“ nicht um ein gebet, das er in diesem wortlaut so gebetet hat. es ist ein gebet, das er bei seiner schriftbetrachtung jesus in den mund gelegt hat.

auf dem faksimile kann man die einleitung noch sehen, und ich versuche mal so gut es geht, das zu übersetzen. im folgenden ist das bekannte „gebet der hingabe“ (das auch im gotteslob unter 5.5 zu finden ist) dann in fetter schrift gesetzt:

„‘Mein Vater, ich lege meinen Geist in deine Hände.’ – Das ist das letzte Gebet unseres Meisters, unseres Geliebten. Möge es unseres sein … Und möge es nicht nur im letzten Augenblick unser [Gebet] sein, sondern in all unseren Momenten: ‘Mein Vater, ich überlasse mich dir; mach mit mir, was dir gefällt. Was du auch mit mir tun magst, ich danke dir. Zu allem bin ich bereit, alles nehme ich an. Wenn nur dein Wille sich an mir erfüllt und an allen deinen Geschöpfen, so ersehne ich weiter nichts, mein Gott. In deine Hände lege ich meine Seele. Ich gebe sie dir, mein Gott, mit der ganzen Liebe meines Herzens, weil ich dich liebe und weil diese Liebe mich treibt, mich dir hinzugeben, mich in deine Hände zu legen, ohne Maß, mit einem grenzenlosen Vertrauen. Denn du bist mein Vater.‘“

mein hinweis dazu: gib gott nicht alles. ja, du kannst gott gar nicht alles geben. das sagen leute nur so, ohne zu wissen, was „alles“ eigentlich bedeutet. oder irgendein lied lässt sie das aussprechen. es ist ganz unmöglich ihm „alles“ zu geben. – allerdings: gib ihm gerne, wenn du das möchtest, was da ist. was du eben grad zu geben hast. was du in deiner hosentasche gerade findest. ein feuerzeug, ein bisschen kleingeld, eine abgelaufene s-bahn-karte. auf diese weise lässt sich vielleicht gut üben, ihm irgendwann vielleicht mal „alles“ zu geben? - also, was habt ihr gerade in der hosentasche?

Kategorien: üben

bloss nicht von brennenden dornbüschen sich beeindrucken lassen!

Juni 13, 2007 · 6 Kommentare

nochmal zu dem vorschlag, eine woche lang mal so zu tun, als hätte gott keine bestimmte meinung zu meinen entscheidungen. (am liebsten würde ich das ganze kommende jahr so leben!)

es ist doch ganz einfach: gott mag rufen, aber die antwort muss ich schon selber geben. gott mag ja rufen, aber wieso sollte er sein rufen sich selber beantworten? meine persönliche antwort kann nicht von aussen kommen, sondern nur von mir selbst. keiner – und auch nicht irgendein blödes zufälliges ereignis – kann mir meine antwort flüsternd vorsagen, wie das noch in der grundschule ging.

also, das nächste mal, wenn gott dir vorschlagen sollte nach ägypten zu gehen, um dem pharao zu sagen, dass er „mein volk ziehen lassen“ solle, dann überleg dir bitte selbst deine antwort und lass dich nicht von brennenden dornbüschen beeindrucken. nur wenn wir für unsere entscheidungen selber verantwortung übernehmen, sind sie auch tragfähig.

mir sagte mal einer, der sich für einen geistlichen begleiter hielt: „sie reden ja immer nur von sich selber, von ihren entscheidungen, von dem, was sie wollen. sie müssen doch fragen-was-gott-von-ihnen-will!“ nee, das ist pillepalle.

Kategorien: üben

eine woche lang so tun, als hätte gott keine meinung

Juni 12, 2007 · 5 Kommentare

vor dem kirchentag verbrachte ich ein paar tage in einer benediktinerabtei bei aachen. da habe ich viel geschlafen und mich ausgeruht. abwechselnd mit zeiten, in denen ich einige wege (ich habe einen neuen sonnenhut!) ausprobieren konnte.

eigentlich wollte ich nach dem kirchentag auch noch einen anderen rückzugsort aufsuchen, aber mit den absprachen dafür hat es nicht so geklappt: man hat mir lange keine rückmeldung gegeben. und weil ich das wie einen hinweis „von oben“ auffasste, dass ich da nicht hinfahren sollte, liess ich das einfach so laufen und fuhr da natürlich nicht hin.

aber in der klarheit, die sich im wechsel von ausruhen und gehen und stundengebet ergab, musste ich mich selbst korrigieren: warum um himmels willen, ist man so schnell geneigt, alles mögliche und zufällige als göttliches zeichen hinzunehmen und dann alles einfach so laufen zu lassen?!

da muss was gegen getan werden! kann man für eine woche nicht mal folgendes ausprobieren:

  1. nimm keine erlebnisse als göttliches zeichen von aussen.
  2. tu so, als würde gott eine woche lang keine bestimmte meinung zu irgendwelchen entscheidungen von dir haben.
  3. überlege, wie du für dich selber gerne entscheiden würdest.

meine güte, warum muss ich so was üben, was andere menschen sowieso schon immer so machen!?

Kategorien: üben