allein vom bloggen über kontemplatives leben, wird man noch kein kontemplativer. auch ein eingehendes studium grundlegender schriften zu diesem thema, macht es noch nicht aus. allerdings: es schadet auch nichts.
in einem kommentar vor ein paar tagen formte sich der gedanke, dass ausreichender schlaf ein teil der übung selbst ist. ausgeschlafensein ist eine günstige bedingung dafür, „absichtsloses anwesendsein“ zu üben. – diesen gedanken versuchte ich weiter zu verfolgen: gibt es nicht auch andere tätigkeiten, die zunächst scheinbar nichts mit dem sitzen-üben direkt zu tun haben, aber doch günstige voraussetzungen dafür schaffen? und da würde z.b. ein kennenlernen der traditionen dieser strömung geistlichen lebens via lektüre sicherlich dazu gehören.
was mir auch noch einfällt ist, dass ich gerne in einem aufgeräumten zimmer sitze. also ist aufräumen für mich auch eine angemessene vorarbeit zum sitzen-üben. in der theravada-tradition des buddhismus ist z.b. auch die einübung in die tugenden eine empfohlene unterstützung der sitz-praxis. (also: wenn man sich in einem wohlwollenden umgang mit anderen menschen übt, so gibt es gute voraussetzungen dafür, dass man während der sitz-praxis nicht irgendwelche streitgespräche weiterspinnt oder situationen in denen man beleidigt wurde, immer wieder als szene in seinem kopf abspielt.)
im moment müssen sich verschiedene (arbeits-, gebets-, ausruh- etc.) vorgänge in meinem tagesablauf zurechtruckeln. da finde ich es zwar schade, dass meine reine sitz-zeit derzeit auf eine kurze zeit geschrumpft ist. andererseits finde ich es auch schön, andere abläufe als darauf bezogen zu verstehen. vielleicht passt ja folgender vergleich:
vom blossen lesen eines kochbuchs, ist man noch nicht dabei, das gericht zu schmecken und zu geniessen. (so macht einem die lektüre z.b. der wolke des nichtwissens noch lange nicht zu einem kontemplativen.) es gibt aber auch einige vor-arbeiten, bevor man zum verschmecken kommt: man geht einkaufen, es gibt mehrere arbeitsschritte des kochens und des tischdeckens. (so gehört ausgeschlafensein oder das aufräumen meines zimmers zu günstigen vorarbeiten, aber auch das üben des „anwesendsein“ bei „gewöhnlichen“ vorgängen: übe ich anwesendsein bei anderen tätigkeiten, wird meine fähigkeit, meine „kondition“, anwesend zu sein auch für die sitz-praxis gestärkt.) – und wer weiss, vielleicht erfährt man den geschmack der kontemplation gar nicht unbedingt an der stelle und zu der zeit, in der man es sich vorstellt, sondern mitten zwischen all den tellern und platten in der waschküche.
9 Antworten bis hierher ↓
wessnet // Oktober 2, 2007 um 4:25 |
Nachdem ich mich eher den Möchtegern-Kontemplationsguerilleros zuordnen würde (nicht, weil die auf dem Bild so knuffig anzusehen sind, sondern weil Ruhezeit für mich derzeit ein Luxusgut ist), traue ich mich fast gar nicht, dazu was anzumerken, aber das ist natürlich gelogen, denn dies ist ja bereits die Einleitung des Kommentars…
Erst mal eingangs: Beten, Ruhe, Ernsthaftigkeit, Konzentration auf das Wesentliche (also auf Gott selbst) und ganz praktische Hilfe für Arme sind die Dinge, die der evangelikalen Szene, der emergenten Szene und überhaupt allen Freikirchlern und der Kontemplationsguerilla gut tun würden. Habe heute einen aktuellen Podcast der icf München angehört, und da sagt der Sprecher doch: „Viel Spaß mit der Predigt“. Sicherlich gut gemeint, aber symptomatisch für die freikirchliche Unterhaltungskultur. Wie geht es weiter? Viel Spaß bei der Beerdigung? Viel Spaß beim Bußgebet? Viel Spaß im Elendsviertel von Kalkutta? Viel Spaß bei der Kreuzigung?
So, genug ausgekotzt, jetzt zur Manöverkritik: Ich finde, Kontemplation, oder nennen wir es doch mal ruhig werden vor Gott, hat nur eine Voraussetzung: Ruhig werden vor Gott. Was ist besser: Ausgeschlafen oder durchnächtigt, hungrig oder mit einer edlen Speise gefüllt, zölibatär lebend oder sexuell ausgelastet usw. ?
Essen ist schon so ein Thema: Fasten und Ruhe können eine interessante und gewinnbringende Kombination sein, aber der Kontemplative kann auch darin verfallen, nur noch an Grillhähnchen zu denken.
Mein Playdoyer wäre, einfach so häufig wie möglich und so konzentriert auf Gott wie möglich still zu werden und sich dabei einen Dreck um alles andere zu kümmern. Eine gewisse Regelmäßigkeit wäre hilfreich, aber auch nicht entscheidend. Also mal schön ausschlafen, mal eine Nacht durchwachen (habe ich in, da haben wir es wieder, Taize mal gemacht, und das war sehr gut), mal fasten, mal bewusst geniessen. Sogar eine Ruhezeit mit drei Bier intus hat ihre Reize und schadet mir nicht. Mir schadet glaube ich nur, wenn ich mich „ablenke“.
Also, Anfängerkommentar, bitte abwatschen, falls das am Ziel vorbei geht. Deine Gedanken motivieren mich auf jeden Fall zu einem neuen Aufbruch in die Stille. Und zum sparsamen Gebrauch von Anführungszeichen ;-)
beisasse // Oktober 2, 2007 um 8:30 |
danke, thorsten. sehr bemerkentswert ist der sportliche ehrgeiz, der in deinen vorschlägen zu spüren ist. dieses „einfach machen!“ ist auch eine gar nicht so schlechte energie, ob nun ausgeschlafen oder durchnächtigt. die trial and error asketen des 4. jh. wären stolz auf dich!
inge // Oktober 6, 2007 um 3:08 |
wenn kontemplativ bloggen keinen kontemplativen macht, dann macht vermutlich kontemplativ-blogs lesen erst recht keinen kontemplativen, klippdachs-sitzgruppen beschriften auch nicht (macht aber beides freude). wie an anderer stelle schon mal erwaehnt, wuerde ich mich zur moechtegern-kontemplationsguerilla zaehlen, nicht etwa, weil mir momentan die zeit fehlen wuerde. es fehlt der feste wille, das wissen wie das ueberhaupt geht „kontemplativ sein“ und eine feste tagesstruktur (braucht man das ueberhaupt unbedingt?). wozu ist kontemplativ sein ueberhaupt gut? anders gefragt – was genau ist ein kontemplativer. gut – wuestenvaeter (anderer ort, andere zeit).
wuerde man einen gut organisierten manager/schreiner/programmieren/mutter/anwalt die ihre arbeit gut machen und die praesent sind fuer ihre mitarbeiter/kollegen/kinder/klienten als kontemplative bezeichenen koennen? ist ein biathlet ein kontemplativer, oder anne sophie mutter?
fragen ueber fragen. ha – da gleich noch eine:
ist ein stossgebet auch etwas kontemplatives?
wenn kontemplation „ruhig werden vor gott“ ist, ist dann ein stossgebet oder bittgebet „aufgeregt werden vor gott“?
beisasse // Oktober 7, 2007 um 4:27 |
danke für die fragen. ich finde sie sehr anregend. – ich denke mit dem stichwort „präsent“ hast du es getroffen. und da kann doch ein stossgebet doch gerade dafür stehen: für den augenblick, für die jetzt vorliegende not, brenzlige situation etc. „präsent sein!“ wach, aufmerksam, anwesend – das braucht überhaupt nicht in so einer spirituellen betulichkeit rüberkommen.
Andrea // Oktober 8, 2007 um 10:34 |
Franz Jalics SJ pflegt(e) immer bei seinen komtemplativen Exerzitien in der letzten Ansprache die Prioritäten im kontemplativen Leben aufzuzählen und erntete immer fröhliches Gelächter aus der Gruppe, wenn er sagte, Priorität Nummer 1 sei genügend Schlaf. Es war ihm aber vollkommen ernst.
wessnet // Oktober 8, 2007 um 3:18 |
Die Trial and error Asketen des 4. Jh. haben mich neugierig gemacht, denn ich habe keine Ahnung, was es mit denen auf sich hat.
Ergo habe ich eine klaffende Wissenslücke und ein Praxisdefizit bei mir ausgemacht und werde mir jetzt erst einmal das frisch erworbene Buch „Praxis christlicher Mystik“ von Richard Reschika vorknöpfen, bevor ich weiter von Dingen rede, von denen ich keine Ahnung habe.
Hast Du ein paar gute Buchempfehlungen zum Thema?
beisasse // Oktober 8, 2007 um 3:54 |
hey, das buch von reschika ist mir auch aufgefallen, aber ich dachte: „nee, lesen bringt nichts – es praktizieren aber schon.“ – aber beim durchblättern sah es schon sehr gescheit und fundiert aus. vielleicht hast du gleich einen ersten guten griff getan.
beisasse // Oktober 9, 2007 um 7:56 |
nett, dass du vorbei geschaut hast, andrea! – ich finde auch, schlaf wird vollkommen unterschätzt und nicht genügend gewürdigt :-)
unschuldige liturgie und koinobiten-bashing « ein neues kellion // Oktober 9, 2007 um 3:12 |
[...] inge hat viele fragen zum kontemplativen leben gestellt. thorsten fragte nach buchempfehlungen zum thema. als blogger muss man aufpassen, [...]