Beiträge vom Dezember 2007
Meine Schwächen nerven mich. Ja, es gibt (wer hätte das gedacht?) Schatten in mir, die mit Scham verbunden sind. Nun wird man sagen: Aber wir haben doch alle unsere Schwächen. Tja, aber meine Unzulänglichkeiten stören mich trotzdem!
So – und jetzt muss man genau hinschauen und richtig diagnostizieren. Und die Diagnose wäre in diesem Fall Ruhmsucht, wenn man einen Begriff der sogenannten Achtlasterlehre von Evagrius verwenden will. Oder ein übertriebenes Festhalten an einer verkehrten Idee von … Reinheit? Heiligkeit? Weisser Weste? Besser als andere sein wollen? etc.
Und dann kommt in einigen Tagen die Jahreswende. Ein neues noch „unberührtes“ Jahr verführt immer leicht zu dem Vorhaben, „ab jetzt“ alles richtig machen zu wollen. Es ist genau dieses Gefühl, das wir in der Schule hatten, wenn wir ein neues Schulheft anfingen und uns vornahmen, bis zur letzten Seite Ordnung und Klarheit walten zu lassen. Zwei Gedanken:
- Ganz realistisch müssen wir einsehen, dass wir vielleicht einige unserer Schwächen bis an unser Lebensende behalten werden. Vielleicht ist das Ziel gar nicht, unsere Unzulänglichkeiten zu bezwingen und unsere Schatten auszumerzen. Sie liessen sich zum Beispiel immer gut dazu benutzen, die Grundbewegung spiritueller Praxis konkret einzuüben: stetige und immer erneute Umkehr.
- Wenn wir schon bei einem neuen Jahr verspüren, dass es eine neue Chance gibt: Warum spüren wir das nicht bei jedem neuen Tag? Könnten wir doch verstehen, dass bereits jeder neue Tag uns gegeben ist, um aufzustehen und eben an unseren Unzulänglichkeiten zu wachsen.
So. Aber was ich mir jetzt wirklich mal vornehme, ist mit verkehrten Ideen von Reinheit und Heiligkeit und Sündlosigkeit ein für alle Mal fertig zu werden. Na gut, vielleicht doch nicht „ein für alle Mal“, aber ich möchte es immer wieder versuchen.
Kategorien: fragen · üben
Mit Tag(s) versehen: Achtlasterlehre, Schwächen
Unendlich viele Zeiten waren verflossen,
seit Gott im Anfang Himmel und Erde erschuf
und den Menschen nach seinem Abbild formte.
Viele Jahrhunderte waren vergangen
seit der Allmächtige
nach der Grossen Flut den Regenbogen in die Wolken stellte -
das Zeichen des Bundes und des Friedens.
Zweitausend Jahre waren vergangen
seit der Berufung Abrahams, der Vater unseres Glaubens,
als er aus Ur in Chaldäa fortzog.
Eintausenddreihundert Jahre,
seit Mose das Volk Israel aus Ägypten herausgeführt hat;
tausend Jahre seit der Salbung Davids zum König.
In der fünfundsechzigsten
Jahrwoche nach der Weissagung Daniels,
in der hundertvierundneunzigsten Olympiade,
siebenhundertzweiundfünfzig Jahre
nach Gründung der Stadt Rom,
im zweiundvierzigsten Regierungsjahr
des Kaisers Octavianus Augustus,
als auf dem ganzen Erdkreis Friede war.
Da wollte Jesus Christus,
ewiger Gott und Sohn des ewigen Vaters,
die Welt heiligen durch seine liebevolle Ankunft.
Durch den Heiligen Geist empfangen
und nach neun Monaten von Maria, der Jungfrau,
zu Bethlehem in Juda geboren,
wird er Mensch.
So feiern wir heute den Tag seiner Geburt,
das hochheilige Weihnachtsfest.
„Martyrologium von Weihnachten“, aus: Te Deum. Das Stundengebet im Alltag [Dezember 2007], Maria Laach/Stuttgart 2007, S. 247f.
Kategorien: liturgie
Mit Tag(s) versehen: Messe, Weihnachten
Herr Jesus Christus,
dir ist alle Gewalt gegeben:
So komm
und hilf uns mit starker Hand.
Mögen Sünde und Schuld uns auch oft
den Weg zu dir versperren,
deine Gnade und dein Erbarmen
holen uns nur um so schneller heim zu dir.
Aus: Alfred Schilling, Orationen der Messe in Auswahl. Ein Beitrag zum Problem ihrer Übertragung in unsere Zeit, Essen (Verlag Hans Driewer), 6. Auflage, 1969. (1. Auflage 1967)
Kategorien: liturgie
Mit Tag(s) versehen: Advent, Messe, Tagesgebet
Irgendwann kamen wir doch mal darauf, dass man vom blossen Lesen über den kontemplativen Weg noch lange nicht zu einem kontemplativen Menschen wird. Aber ich komme in diesen Tagen wirklich nicht dazu, sitzen zu üben. Wenn man nicht dazu kommt – so dachte ich – darf man wenigstens, um weiterhin inspiriert und motiviert zu bleiben, doch mal wieder „nur“ lesen, oder? Oder auch einen Podcast hören:
Es gibt ein Interview mit P. Thomas Keating OCSO beim NCR (National Catholic Reporter), betitelt mit „The gift of contemplative prayer“. Thomas Keating ist einer der wichtigsten Protagonisten in einer Art kontemplativen Laienbewegung. „Centering prayer“ ist in Amerika scheinbar zu einer mehr oder weniger „normalen“ Gebetsweise geworden. Da hat man fast den Eindruck, so wie dortige Gemeinden ihren Strickkreis oder Seniorenkaffee oder sonstwas haben, gibt’s auch daneben eine Centering-prayer-Gruppe.
[Was ich sonst so mache: Gestern spielte ich in einem Dorfkirchlein während der Marktzeit Orgel, was mir wirkich Spass machte. Ausserdem probe ich mit den Kinderchören für das Weihnachtsspiel am Heiligabend. "Proben" besteht allerdings vor allem darin, Lösungen für den Engel-Zickenkrieg zu finden o.ä.]
Kategorien: kontemplativ
Mit Tag(s) versehen: podcast, Thomas Keating
Gemeinde oder (christliche) Gemeinschaft als Familie verstanden – von Peter gibt es einen kritischen Blick auf dieses Assoziationsfeld. Die Sorge muss ich unterstreichen, dass eine (christliche) Gemeinschaft unsere Sehnsucht nach Beheimatung nicht vollends sättigen kann. Viele Konflikte entstehen durch diese unangemessene Erwartung.
Die Benediktsregel begibt sich in ein anderes Assoziationsfeld. Es heisst da:
„Wir wollen eine Schule für den Dienst des Herrn errichten …“ (Prolog 45)
Das Kloster im benediktinischen Geist (vielleicht sähe das in einer franziskanischen Gemeinschaft anders aus) versteht sich also als eine Lern-Gemeinschaft „unter der Führung des Evangeliums“ (Prolog 21). Vielleicht hilft uns das Metaphernfeld von „Schule“, unsere Erwartungen an christliche Gemeinschaft neu zu überdenken.
Kategorien: kirche · monastic
Mit Tag(s) versehen: Benediktsregel, Gemeinschaft
Ich weiss nicht, ob ich schon einmal dem Vorurteil begegnen musste, der kontemplative Weg sei ein „weicher“ (oder seichter) Ersatz für die wirklich handfesten Grundübungen von Bibellesen, (mündlichem) Gebet und dergleichen. Sicherlich gibt es einige Präsentationen von christlich-spiritueller Praxis, wo ich selbst den Eindruck habe, dass man den Leuten wenig zutraut. Aber da bin ich auch etwas milder geworden: Spiritualität mit Wellness-Charakter kann ein Einstieg sein. (Mehr aber auch nicht. Damit kommt man eben nicht sehr weit.) Womit sollen denn Anfänger sonst anfangen? Mit täglich vier Stunden Sitz-Meditation oder was?
Nun begegnete ich also tatsächlich dem Vorurteil von der Seichtheit spiritueller Praxis. Meine spontane Replik (in Gedanken) war: Du Blödmann, kannst dich wahrscheinlich nicht mal fünfzehn Sekunden am Stück auf eine Sache konzentrieren, ähm, kann ich auch nicht, aber ich will es können, weisst ja gar nicht, dass das alles schlichtweg auch eine Art Arbeit ist.
Kategorien: kontemplativ · üben
Mit Tag(s) versehen: Wellness-Spiritualität
„Um zu dem zu kommen, was du nicht verschmeckst,
musst du einen Weg gehen, wo du nicht verschmeckst.
Um zu dem zu kommen, was du nicht weisst,
musst du einen Weg gehen, wo du nicht weisst.
Um in den Besitz dessen zu kommen, was du nicht besitzest,
musst du einen Weg gehen, wo du nicht besitzest.
Um zu dem zu kommen, was du nicht bist,
musst du einen Weg gehen, wo du nicht bist.“
Aus: Johannes vom Kreuz, Worte von Licht und Liebe. Briefe und kleinere Schriften, Freiburg im Breisgau (Herder), Seite 191.
Heiliger Johannes vom Kreuz, … (Thorsten: Bitte ergänzen)
Kategorien: kontemplativ · üben
Mit Tag(s) versehen: Communio Sanctorum, Johannes vom Kreuz
Seitdem ich darüber nachdenke, wie ich meinen Tag strukturiere und meine Aufgaben ausführe (siehe den Eintrag „Ich bin unproduktiv„), beobachte ich auch, wieviel Zeit etwas in Anspruch nimmt.
Besonders bei kurzen Aktionen täuscht man sich. Wie lange dauert es, sich Tee zu kochen? Die Zeit zwischen Weckerklingeln und auf der (Gebets-)Matte stehen und sagen „Herr, öffne meine Lippen …“ – wie lang ist das? Viel zu oft sagen andere, mit denen man zusammenarbeitet: „Könntest du mal eben etc.“ Dabei hat das „mal eben“ eine konkrete Ausdehnung in der Zeit, die nur in der Vorstellung gerade mal eine Minute dauert, aber in Wirklichkeit viel grösser ist. Vielleicht sollten wir in unserer eigenen Sprache diese Formulierung nicht mehr benutzen. Anstatt etwas nur „mal eben“ zu machen, sollten wir sowieso das zu Erledigende schlicht machen. Mit einer realistischen Einschätzung davon, wieviel Zeit sie in Anspruch nimmt.
Die Selbstbeobachtung, wie lange etwas dauert, ist eine unerlässliche Bestandsaufnahme, damit wir in der Planung unseres Tages nicht unrealistisch viel aufschreiben, was rein zeitlich nicht zu schaffen ist.
[Nachtrag: Es ist schon wieder passiert! Ich veranschlagte für diesen Eintrag 15 Minuten. Insgesamt dauerte es aber doppelt so lang. Manno!]
Kategorien: üben
Mit Tag(s) versehen: Selbstmanagement, Zeitmanagement
O Herr, wir bitten dich:
Gib uns allen ein waches Herz
und lass uns nicht müde werden,
deinem Sohn die Wege zu den
Herzen der Menschen zu ebnen.
Dann werden wir selbst an sein Kommen denken
und uns zeilebens mühen,
dir ehrlich und treu zu dienen.
Aus: Alfred Schilling, Orationen der Messe in Auswahl. Ein Beitrag zum Problem ihrer Übertragung in unsere Zeit, Essen (Verlag Hans Driewer), 6. Auflage, 1969. (1. Auflage 1967)
Kategorien: kirche · liturgie
Mit Tag(s) versehen: Advent, Messe, Tagesgebet
Nach zwei Proben (einmal Chor, dann Chor und Orchester) folgt nun morgen eine Generalprobe und fertig ist das gesungene Evangelium von der Geburt des Herrn in Musik gesetzt vom Kantor in St. Thomas in Leipzig, Johann Sebastian Bach.
Da ich die ersten drei Kantaten des sogenannten Weihnachtsoratoriums eher vom Blatt singe, gilt es jetzt bis übermorgen soviel (Noten-)Text zu pauken, dass ich auch ein wenig auf die Hinweise vorne vom Dirigentenpult achten kann, anstatt an dem Gedruckten zu kleben. Andere singen das ja schon seit so und so vielen Jahren. Ein Mit-Tenor sagte, er hätte es zum ersten Mal mit 9 Jahren gesungen, als Sopran. Und seitdem habe er nun alle Stimmen mal ausprobiert. Dieses Werk begleitet ihn also schon Jahrzehnte lang. Interessante Vorstellung, oder?
Nach zwei Proben kennt man die Leute in so einem Projektchor natürlich noch nicht so gut. Es ist übrigens auch keine Kantorei oder so. Und in zwei Proben, wo man ganz schnell mal durch alle Chor-Nummern huscht, weiss man natürlich auch nicht so, wie die musikalische Leitung die geistliche Bedeutung dieser Musik einschätzt. Und ist das überhaupt wichtig?
Spüren die anderen den Kontrast in dem sanften Wiegenlied-Choral („Ach, mein herzliebes Jesulein“), dessen Zeilen vom Orchester unterbrochen werden, das ihm, dem Kind in dem „rein sanft Bettelein“ mit Pauken und Trompeten jetzt schon die klingenden Insignien eines königlichen Herrschers in die unbeholfenen Fingerchen drückt?
Werden die Mächtigen dieser Welt nervös, hören sie, wie ihnen „ihre“ Repräsentationsmusik weggenommen und einem Kind minderbemittelter Eltern zugeeignet wird? (Nur zum Teil komponierte Bach neue Nummern – einige Sätze sind aus Huldigungskantaten an das sächsische Herrscherhaus entnommen und neu textiert.)
Kategorien: bücher, musik etc. · kirche
Mit Tag(s) versehen: Bach, Weihnachtsoratorium