ein neues kellion

Beiträge vom Januar 2008

braucht man neben einer spirituellen praxis eine psychologische reflexion?

Januar 30, 2008 · 2 Kommentare

In Ken Wilbers „Integrale Spiritualität“ wird auch ein Punkt angesprochen, der eine Vermutung von mir bekräftigt: In den spirituellen Traditionen, die alle in einer prämodernen Welt zur Sprache gefunden haben, fehlt eine Kompetenz, nämlich ein hilfreicher Umgang mit dem Schatten, der dort eher objektiviert und abgespalten wird. Wilber schreibt (S. 169):

„In diesem Kapitel geht es um den Schatten … In den grossen Weisheitstraditionen finden wir trotz all ihrer Weisheit absolut nichts zu diesem Thema. Ich weiss das, ich habe es zusammen mit Studenten und Lehrern 30 Jahre lang überprüft und wir sind zu einer eindeutigen Schlussfolgerung gelangt: Das Verständnis von psychodynamischer Unterdrückung und ihrer Behandlungsmethoden ist ein ausschliesslicher Beitrag der modernen westlichen Psychologie.“

Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich so entschieden stimmt. Aber selbst, wenn es, sagen wir, nur wenig zu diesem Feld in unseren spirituellen Traditionen gibt, bedeutet es, dass eine psychologisch-therapeutische Reflexion eine nicht zu vernachlässigende Dimension in einer spirituellen Praxis ist.

Auch Panikkars Feststellung einer (nötigen und sich gerade vollziehenden) grundlegenden Verschiebung im Archetyp des Monastischen unter dem Stichwort „verwandeln/integrieren statt entsagen“ weist ja in dieselbe Richtung.

Dabei habe ich die Ahnung, dass es nicht reicht, wenn der geistliche Begleiter auch ein wenig psychologisch geschult ist. Es wäre wohl besser, mit einem zweiten psychologisch-therapeutischen Berater im Gespräch zu sein. Ich kann mir weder vorstellen, dass unsere neurotischen Ablagerungen weggebetet werden können, noch dass wir unsere Schatten allein durch kontemplative Praxis wieder integrieren.

Wie auch immer man zu diesem Verhältnis von Psychologie und Spiritualität steht: Es braucht unbedingt eine Reflexion. Wenn ich z.B. an die „Wolke des Nichtwissens“ denke und an die Anweisung, alles, was nicht Gott sei, unter die „Wolke des Vergessens“ zu treten, dann könnte man doch erstmal befürchten, dass hier möglicherweise ein paar Neurosen gezüchtet werden. Ich habe da wirklich keinen Einblick, aber ich wünschte, schlaue Leute würden sich das mal angucken. (Dem Wilber traue ich nicht so ganz.)

Kategorien: kontemplativ · üben
Mit Tag(s) versehen: ,

(6-8)

Januar 28, 2008 · 9 Kommentare

(6) Kann man Humor lernen?

(7) Wie kann ich Humor kultivieren?

(8) Wo taucht „Humor“ in einer systematischen Zusammenschau spiritueller Praxis auf? Wo ist ihr Ort?

Kategorien: fragen · kontemplativ
Mit Tag(s) versehen: ,

noch eine catholische fussnote zu emerging church

Januar 28, 2008 · 7 Kommentare

Noch eine catholische Fussnote zur Emerging Conversation (die andere gab es hier) – diesmal von keinem geringeren als Richard Rohr, in einem Interview beim National Catholic Reporter. Ganz abgesehen davon, dass das ganze Interview sehr interessant ist (ich habe noch im Ohr wie Rohr ein Zitat bringt, das so geht: „God comes to you – disguised as your life.“), antwortet er im zweiten Teil des Podcasts auf die Frage nach der Zukunft der Christenheit mit zwei Stichworten:

  1. Die Zukunft der Christenheit habe eine markante ökumenische Prägung.
  2. Und dann fragt er den Interviewer, ob er schon einmal was von der Emerging Church gehört habe … sehr witzig! (Dann umreisst er das mit drei Stichworten: a) Augenmerk auf soziale Gerechtigkeit, b) Offenheit für die kontemplative Dimension und c) „honest scholarship about Jesus“ – hier kann man also ein Fallbeispiel für die Situation beobachten: „Erklär mal schnell Emerging Church!“)

ncrcafe.org > Fr. Richard Rohr: Seeing with God’s eyes

Kategorien: kirche
Mit Tag(s) versehen: ,

prä/trans-verwechslung

Januar 24, 2008 · 2 Kommentare

Warum ist es so schwierig, zwischen redlichen Erkundungen im Bereich Spiritualität und Esoterik zu unterscheiden? Zwischen „seriöser“ spiritueller Praxis und „Wellness-Spiritualität“?

Neben einigen anderen Stichworten in Ken Wilbers „Integrale Spiritualität“ ist die Skizzierung der sogenannten Prä/Post-Verwechslung (öfter eigentlich „Prä/Trans-Verwechslung“ genannt) ein erhellender Hinweis für mich gewesen. (S. S. 80f.) In der Folge, z.B. von prärational – rational – postrational können das erste und das dritte Glied leicht verwechselt werden.

Ich versuche mal ein eigenes Beispiel: So könnte die Anrede an Gott als „Vater“ einerseits prä-rational gemeint sein. Nämlich verbunden mit einer sehr konkreten Vorstellung eines Patriarchengottes. Ein post-rationaler (oder trans-rationaler) Gebrauch dieser Anrede wüsste um die Berechtigung auch anderer Bilder und Namen innerhalb eines oder mehrer kultureller Rahmen. Einen rationalen Gebrauch von „Vater“ als Gottesanrede gibt es nicht. Da würde man sagen, dass das überhaupt nicht geht. Die Verwechslung geschieht also dadurch, dass in den beiden anderen Stufen, prä-rational und post-rational (oder trans-rational), die Verwendung von „Vater“ als Gottesanrede möglich ist.

Nun weist Ken Wilber auf eine Gefahr hin, die sich direkt in der Sparte „Spiritualität“ ereignet: Unter dem Dach des Post-Rationalen kann das Prä-Rationale leicht unbemerkt zum Blühen kommen. Das neu entfachte Interesse an einer spirituellen Dimension des Lebens gibt es einerseits (post-rational) als Ergebnis einer pluralistischen Offenheit, durch eine redliche Begegnung von westlicher und östlicher Spiritualität etc. Dieses Interesse kann aber auch (prä-rational) von einem Überdruss am Rationalen herkommen oder von der Angst vor Grenzverwischungen und damit zu einer regressiven Rückkehr zum Prä-Rationalen, zum „Traditionellen“ führen. Man kann in einer spirituellen Lebenspraxis engagiert sein als ein „Erwachsen werden“ (post-rational oder trans-rational) oder als eine Art infantile Nabelschau (prä-rational). Interessant, oder?

Damit lässt sich jedenfalls gut erklären, warum neben Erkundungen im Feld „Spiritualität“, die auf einem hohen Niveau stehen, auch das ganze esoterische Feld mitwächst. Mit dem Hinweis auf die Prä/Trans-Verwechslung können wir nun genauer hinschauen.

Kategorien: fragen
Mit Tag(s) versehen: , ,

ken rudolf wilber

Januar 23, 2008 · 7 Kommentare

Wer ist eigentlich Ken Wilber? Erstmals stolpert man über einen echten Menschen mit diesem Namen, der ja sonst – na, ihr wisst schon – für den männlichen Begleiter von Barbie steht. Aus zweiter Hand (jemand sortierte Bücher aus) bin ich letztes Jahr zu „Mut und Gnade“ gekommen. (Es scheint noch mehr Leute zu geben, die das aus ihrem Regal rausschmeissen: Man schaue einmal auf die 93 „Gebraucht“-Angebote bei amazon.de …) Das habe ich aber nur halb gelesen. Ich bin jung und habe Angst vor Krankheit und Tod! Ehrlich. („Mut und Gnade“ schildert wie Ken Wilber seine krebskranke Frau begleitet. Nebenbei erfährt man einiges über sein Denken.)

Für die Bahnfahrt letzte Woche fiel mir dann „Integrale Spiritualität“ (den Untertitel verschweigen wir hier lieber, der ist zu offensichtlich verkaufsorientiert) in die Hände. Ich kann hier keine Rezension schreiben. Dafür wurde zu viel Material ausgebreitet und ich weiss auch gar nicht, ob ich den Punkt des integralen Ansatzes überhaupt verstehe. Aber die nächste Bahnfahrt kommt im nächsten Monat. Da kann ich das Buch ja noch einmal lesen.

Was ich jetzt allerdings schon sagen kann, ist dass es mich wundert, wie jemand in unserer Jetzt-Epoche wieder neu einen grossen systematischen Entwurf des Weltverstehens in Angriff nehmen möchte. Ich dachte, diese Zeiten wären vorbei. Aber vielleicht ist jetzt auch die Zeit der Fragmentation vorbei. Hier will jemand die Scherben der Moderne und Postmoderne auffegen und die Dinge neu zusammenfügen. Ist Ken Wilber so eine Art Rudolf Steiner des 21. Jahrhunderts? Und warum findet man ihn im Buchladen eher in der Esoterik-Ecke?

Kategorien: bücher, musik etc.
Mit Tag(s) versehen:

unter leuten sich selbst begegnen

Januar 21, 2008 · 4 Kommentare

Das ist ja schön, wenn die Kommentare noch tiefere Einsichten zu Tage fördern als der kommentierte Blogeintrag. Dies ist zum Beispiel der Fall bei den Kommentaren zu „sehen kann man am besten immer noch mit den augen“. Jetzt muss ich das wohl revidieren und neu formulieren zu: „Sehen kann man am besten immer noch mit den Augen plus einem sinnvollen Bezugsrahmen für die Interpretation.“

Eines der interessantesten Überraschungen meiner Reise war, unter Leuten zu sein (bei einem mehrtägigen Kurs zum liturgischen Gesang) – und dabei unerwartet viele aggressive Pakete abzuschiessen. Es ist so einfach, relativ zurückgezogen zu leben und seine eigene Wut zu ignorieren. Und dann sieht man sich für vier Tage in eine Zufallsgemeinschaft hinein geworden und die Wutpakete nehmen in verschiedensten Formen Gestalt an.

Also, wenn man meinen sollte, man hätte seine Verletzungen irgendwie gemeistert, gehe man einfach mal wieder unter die Leute, zu Leuten, die man sich nicht selbst ausgesucht hat. Dann wird man mal sehen, was da noch alles zum Vorschein kommt. Der Stress ist da ja eigentlich noch viel grösser als bei der Sitz-Meditation, oder?

Nebenbei habe ich was über Semiologie (im gregorianischen Choral) gelernt.

Kategorien: kontemplativ · üben
Mit Tag(s) versehen: ,

sehen kann man am besten immer noch mit den augen

Januar 17, 2008 · 4 Kommentare

Ich mache mich heute auf eine kurze Reise. Hier noch eine Notiz während des Frühstücks:

Viele spirituelle Versprechungen gehen dahin, den Blick für eine „andere“ Wirklichkeit zu öffnen. Allerorten hört man auch immer wieder, dass man nur mit dem Herzen gut sähe, das Wesentliche sei den Augen verborgen. (Gibt es noch andere, die von diesem Zitat aus dem Kleinen Prinzen ermüdet sind?)

Nun, auf dem kontemplativen Weg, den wir gehen, sind die Augen immer noch die besten Werkzeuge, um zu sehen. Und es ist diese Wirklichkeit (im Gegensatz zu einer nicht näher bestimmten „anderen“), um die es uns geht – um keine andere. Auch die anderen Sinne sind daher willkommene Werkzeuge.

Im Nachklang von Epiphanias, dem Fest der Erscheinung des Herrn, erinnern wir daran: „… und wir sahen seine Herrlichkeit.“

Kategorien: kontemplativ · üben
Mit Tag(s) versehen: ,

wut als luxusgut

Januar 14, 2008 · 1 Kommentar

Der Hobby-Psychologe rät ja oft dazu, die Wut immer rauszulassen.
Komisch, mich befriedigt im Moment viel mehr, still und heimlich zu wissen, dass ich recht habe (klaro!), und dass ich berechtigtermassen (selbstverständlich!) wütend auf die da (in N.) bin. Und dass ich mich so schön korrekt benehme (ich brülle nicht rum, ich schreibe keine verbitterten Briefe voller Vorwürfe etc.). Als ob korrektes Benehmen offensichtlich machen würde, wie sehr ich der Geschädigte bin und Unterstützung und Bedauern verdiene. Nun ja: Warum denn die Wut raus lassen? Es ist wunderbar sie erst einmal zu geniessen. (Derzeit am liebsten mit einer kleinen Kanne guten Tees und in einem aufgeräumten Zimmer.)

Kategorien: üben
Mit Tag(s) versehen: , ,

feuilleton-postmoderne > buckshot lefonque

Januar 11, 2008 · Kommentar schreiben

Heute in der Reihe „Produkte der Feuilleton-Postmoderne der 90er Jahre“ erinnern wir an das Projekt des Jazz-Saxophonisten Branford Marsalis, der mit Buckshot Lefonque Jazz und Hip-Hop verquirlt. Das Album heisst „Music Evolution“ (1997), deren gleichnamige Single auch gleich einen Merksatz für postmodernes Handeln mitliefert:

… add a little this,
take out a little that
then you’ll come up with that jazz called rap …

[Nachtrag: Buckshot Lefonque bei last.fm]

[Nachtrag: Man mag sich fragen, wie der Beisasse denn jetzt auf einmal gerade auf diese Platte kommt. Beim Aufräumen und Ausmisten (von Büchern und CDs etc.) - was mir im Moment wirklich Spass macht und sehr befriedigt - wird sicherlich noch das eine oder andere ins Licht gehalten werden, bevor es weggeschmissen wird.]

Kategorien: bücher, musik etc.
Mit Tag(s) versehen: ,

mönch spielen für 9,99 euro

Januar 10, 2008 · Kommentar schreiben

verkleidung

Wir haben alle unsere Vermeidungsstrategien. Der Unterschied zwischen Laien und Ordensleuten ist nur die (gesellschaftlich anerkannte) Verkleidung. Aber was soll dieser Seitenhieb? Meine Kleidung ist ja auch anerkannt. Und gerade heute ist ein gesellschaftlich anerkannter Pulli angekommen, den ich mir bei grundstoff.net bestellt habe, wo u.a. Kleidung der Continental Clothing Company vertrieben wird.

Kategorien: monastic
Mit Tag(s) versehen: