ein neues kellion

Beiträge vom März 2009

ausgesparte schamgegend in „membra jesu nostri“

März 23, 2009 · 33 Kommentare

Skizze zu den Gliedmassen der "Membra Jesu nostri"

Skizze zu den Gliedmassen in "Membra Jesu nostri"

Der Grund, weswegen ich mich hinsetzte und die Reihenfolge der Gliedmassen in den „Membra Jesu nostri“ von Dietrich Buxtehude anschauen wollte, war meine Verwunderung über die Platzierung der Widmungskantate „Ad manus“, an die Hände. Die Reihenfolge „An die Füsse“ – „An die Knie“ – „An die Hände“ weist ja offensichtlich eine Lücke auf. Aber wie naiv habe ich geguckt! Eine intelligente Person sagte mir im Gespräch über meinen kurzen Aufsatz, es sei doch klar, warum der Blick des Betrachtenden die Linie von den Füssen (1) über die Knie (2) nicht weiter nach oben zieht, sondern zur Seite ausweicht, um zu den (3) Händen zu springen: Der „keusche“ Blick weicht der Scham des Gekreuzigten aus, spart sie aus und setzt deshalb bei der Seite (4) neu an. Von dort aus kann die Blickrichtung „nach oben“ ohne Erröten verfolgt werden. So man also emphatisch sagen kann: „Hey, dieser Gott hat einen Körper!“, so müsste man einschränken: Aber Eier hat er nicht. Oder darf er nicht haben. (Im Gegensatz z.B. zu Shiva, dessen Phallus zum Kultobjekt werden kann.) Ist dieser Gott ein Mann nach dem vorherrschenden Rollenbild? Eher nicht.  „Er tat seinen Mund nicht auf …“

(Ganz, ganz nebenbei: Gründet die Missachtung der Frauen in der Kirche vielleicht darin, dass die Kirchenfunktionäre und Hierarchen auch keine „echten“ – weil zölibatäre – Männer sind, so dass sie wenigstens über die Ausübung von struktureller Macht „Männlichkeit“ beweisen wollen?)

Nachdem mir diese Aussparung der Schamgegend so deutlich geworden ist, klafft da für mich in dem Gedicht- bzw. Kantatenzyklus eine Lücke. Als ob die Vermeidung das Verhüllte umso mehr hervorhebt. Was das bedeutet weiss ich noch nicht.

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zur reihenfolge der gliedmassen in buxtehudes „membra jesu nostri“

März 16, 2009 · 1 Kommentar

Ich habe mich weiter mit Buxtehudes „Membra Jesu nostri“ beschäftigt und auf fünf knappen Seiten etwas aufgeschrieben über die Reihenfolge der Gliedmaßen des Gekreuzigten, so wie sie im Kantatenzyklus stehen. Verglichen werden diese mit anderen Listen von Körperpartien und zwar aus dem Hohenlied. Ich fand das für mich selbst ganz interessant, besonders die Erfahrung, sich das wirklich einmal bildlich aufzumalen und vorzustellen. Als ich mit einer Freundin am Telephon darüber sprach, sagte sie so etwas wie „Hey, dieser Gott hat einen Körper!“ Ja, genau. Mich würde interessieren, was die Körperlichkeit dieses Gottes mit dem gegenwärtigen Wahn eines gesunden und durchtrainierten und selbst geformten Körpers macht. Ja, Buxtehudes musikalische Betrachtungen der Gliedmassen des Gekreuzigten ist eine Gelegenheit, sich der Körperlichkeit Gottes zu nähern und der eigenen.

Yotin Tiewtrakul: Zur Reihenfolge der Gliedmassen in Buxtehudes „Membra Jesu nostri“ [pdf-Datei]

(Witzig, das alles auf aufzuschreiben und sich wie ein Student zu fühlen, der ein Referat vorbereiten soll.) Mein vorangegangener Eintrag zu Buxtehudes „Membra Jesu nostri“ hiess „lieder an die gliedmassen jesu“.

Kategorien: bücher, musik etc. · g'tt · hören · nix
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alles erfahren

März 12, 2009 · 5 Kommentare

In der letzten Woche habe ich ein paar Mal beobachtet, wie ich mich – man nennt es wohl – glücklich fühlte. Dabei sind mir einige hilfreiche Voraussetzungen klar geworden, die zur Erfahrung von „alles ist an seinem Platz“ beitragen können. Als erstes nenne ich folgenden Hinweis: Wenn etwas gut geht, sich freuen, wenn Schmerzvolles erfahren wird, traurig sein etc. – das genügt.

Man könnte diesen Hinweis auch beschreiben mit: sich angemessen verhalten. Kein Buddhist braucht sich ein Dauerlächeln zuzulegen, kein Kontemplativer muss sich mit einem ständigen „An Gott denken“ abmühen, kein Stoiker braucht seine apatheia in ausnahmslos allen Situationen zur Schau zu stellen.

Gemeinhin denkt man, Menschen, die ihr Leben geistlich oder spirituell vertiefen wollen, seien darauf aus, mit spirituellen Methoden zu dauerhaften und über-alltäglichen Erfahrungen von Glück, von eudaimonia, von Glückseligkeit zu gelangen, um nicht mehr von den Mühen des Alltäglichen getroffen zu werden. Vielleicht war das am Anfang auch unsere Motivation. Aber wenn wir aufmerksam und ehrlich gesucht und geübt haben, und wenn wir gute Lehrer getroffen haben, verstehen wir, dass eine tiefere Erfahrung von dem, was wir suchen – Befreiung, Gotteinung, Glück, ataraxia – darin liegt, alles zu erfahren, was unser Leben uns schenkt, gibt und auferlegt. Einfach alles erfahren.

Vielleicht haben wir gemeint, dass unsere spirituelle Übung dazu führen könnte, nicht mehr ungeduldig mit anderen Menschen zu sein oder nicht mehr zornig. Aber es gibt Situationen, in denen es angemessen ist, zornig zu sein. Vielleicht ist unser Ideal gewesen, versöhnt zu leben. Aber es gibt Situationen, in denen es angemessen ist, Rachegefühle und -gedanken zu durchleben. So werden wir wieder zu „normalen“ Menschen. Der Unterschied ist dabei jedoch – wenn es denn eine Rolle spielte – dass wir uns dabei sehen können: wie wir uns freuen, wenn etwas gut geht, wie wir Schmerz und Ohnmacht erleben, wenn andere Menschen uns schaden, wie wir Trauer empfinden, wenn wir Abschied nehmen usw. usf. Und dieses, dass wir uns dabei sehen können, das wird uns genügen und uns eine Ahnung davon geben, wie „alles an seinem Platz ist“. – Zum anderen Hinweis ein nächstes Mal.

(Freilich könnte ich diesem Eintrag auch noch christliches Kolorit hinzufügen. Denkt es euch selber, wenn ihr es braucht, oder schlagt dazu im Buch Kohelet, d.h. Prediger das dritte Kapitel auf.)

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lieder an die gliedmassen jesu

März 5, 2009 · 2 Kommentare

Seit einigen Jahren nimmt man als Passionsmusik neben den Bachpassionen ein anderes Werk neu in den Blick. Dabei handelt es sich um Dietrich Buxtehudes „Membra Jesu nostri“ (1680), ein Zyklus von sieben Kurzkantaten (in Fachsprache „Aria-Concerto-Kantate“ genannt), die an einzelne Gliedmassen des am Kreuz hängenden Christus gerichtet sind: Füße, Knie, Hände, Seite, Brust, Herz und Haupt.

Die recht kurzen (so ungefähr 6-8 Minuten dauernden) Einzelkantaten sind jeweils gleich aufgebaut: Vorangestellt ist eine kurze intrumentale Einleitung („Sonata“) gefolgt von einem vom Stimmen-Tutti vorgetragenen biblischen Votum, das einen assoziativen Bezug zum entsprechenden Körperteil hat. Dann folgen einfach drei solistisch bis dreimehrstimmig vertonte Strophen („Aria“ genannt) der „Ryhthmica oratio“, wobei in der Regel für jede Strophe die Continuo-Bassstimme gleich bleibt. Abgeschlossen werden die drei Strophen mit einer Wiederholung des biblischen Votums.

Bei der „Rhythmica oratio“, der Textgrundlage handelt es sich um mittelalterliche lateinische Gedichte auf die Gliedmassen des am Kreuz hängenden Christus (früher Bernhard von Clairveaux, heute einem anderen Zisterzienser zugeschrieben, nämlich Arnulf von Löwen). Dabei ist das letzte Gedicht dieses Zyklus uns allen wohlbekannt, das durch eine Übersetzung von Paul Gerhardt in die evangelische Tradition – was sag ich, in die Tradition der ganzen Kirche – eingegangen ist: „O Haupt voll Blut und Wunden“.

Ein Freund lieh mir zwei Aufnahmen der „Membra“ (Cantus Cölln und Lautten Compagney) aus, die sehr unterschiedlich sind, mir aber dabei halfen zu verstehen, wohin dieses Werk zielt. Ich fand die Aufnahme von Cantus Cölln etwas blass, ja fast langweilig, während ich gern hörte, wie die Lautten Compagney musizierte. Inzwischen, wo ich die Schlichtheit der Komposition sehe, sehe ich aber ein, dass das eher zurückgenommene Musizieren (in der Aufnahme von Cantus Cölln) gewollt ist: Die Kantaten sollen hier als schlichte musikalisch-sinnlich erfahrbare Betrachtung erklingen und nicht wie verkappte musikalische Theatermonologe, in welchem der Affekt von Schmerz und „Mit-leiden“ quasi realistisch dargestellt wird. Das, was wir bei den (Bach-) Passionen lieben, nämlich das „Theatralische“, dass wir straflos in der Kantorei einmal barbarisch „Weg, weg mit dem! Kreuzige ihn!“ brüllen dürfen – darum geht es bei diesen schlichten Lieder an die Gliedmassen des Gekreuzigten überhaupt nicht. Es braucht bei so einem erotisch aufgeladenen Ansinnen einfach mehr Intimität. Öffentlich die Affekte zu überzeichnen käme einer unangemessenen Entblössung gleich. Stört die Liebe nicht auf!

Hören kann man einen – ähnlich der Aufnahme der Lautten Compagney – eher expressiven Vortrag der „Membra“ durch Jos van Veldhoven und The Netherland Bach Society bei last.fm. Gleiches gilt für den folgenden Ausschnitt „Ad latus“ („An die Seite“) unter der Leitung von René Jacobs (tja, es mag zwar eine „richtige“ Interpretation geben, aber die anderen machen einfach Spass zu hören).

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eine höhere choreographie

März 1, 2009 · Kommentar schreiben

Seit dem letzten Eintrag, fühle ich eine gewisse Anziehung ausgehen von der Figur des tanzenden Shiva. Ich habe wirklich absolut keine Ahnung von der indischen Religion, aber irgendwo muss ich aufgeschnappt haben, dass Shiva das Prinzip der Zerstörung symbolisiert, oder auch beides: zerstören und erschaffen in einem dauernden Wechsel eines kosmischen Tanzes. Auch wenn ich in einigen Dingen vielleicht gerade zum „zerstören“ hinneige, so ist doch beides – zerstören und erschaffen – zusammen gebunden in einer einzigen Geste, in einem einzigen Tanz.

Das Alte verlernen“ – im letzten Eintrag als anstehende Aufgabe erkannt – darf nicht zu einer neuen Einseitigkeit werden. Es ist bloss einer von vielen Tanzschritten innerhalb einer schöneren Choreographie.

Kategorien: weg
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