ein neues kellion

gott verlernen

Juni 19, 2009 · 3 Kommentare

Ja, durchaus könnte es einen fruchtbaren Austausch von Agnostikern und Kontemplativen geben. Beiden ist gemeinsam, dass sie sich enthalten, etwas über Gott zu sagen. Ja, im Sinne der „Wolke des Nichtwissens“, einer schriftliche Unterweisung zum kontemplativen Gebet aus dem England des 14. Jahrhunderts, besteht „das Geschäft“ des Kontemplativen eigentlich darin, das Wissen um Gott oder alles andere Wissen, alle „Gnosis“, zu vergessen. Jemand schrieb mir in einer E-Mail, dass man bei dem englischen Titel „The Cloud of Unknowing“ das Wort „unknowing“ besser als „ent-wissen“ verstehen könnte, die Vorsilbe „ent-“ im gleichen Sinne verstanden wie in „ent-wirren“, „ent-leeren“ etc. Man könnte es mit der Vorsilbe „ver-“ vielleicht noch zuspitzen: Das Tun des Kontemplativen besteht darin, Gott zu verlernen.

Zum Zusammenhang mit dem Atheismus: Ein Kontemplativer ist – das ist nur meine eigene Meinung – weder bekennend gottgläubig noch bekennender Atheist. Während er „Gott verlernt“ ist er zwar auf dem Weg zu einem Atheismus, aber er kommt niemals bei der atheistischen Position an, sondern bleibt im Niemandsland, im Zwischenland, dort, wo er abends nicht weiss, wo er sein Haupt betten soll. Ein Kontemplativer lässt Gott los, aber er lässt auch die Idee, dass es Gott nicht gäbe, los.

Kategorien: g'tt · kontemplativ
Mit Tag(s) versehen: , , , , ,

3 Antworten bis hierher ↓

  • Noah // Juni 21, 2009 um 11:53 | Antworten

    Er lässt Gott nicht los (gut, das mag es vielleicht vereinzelt auch geben), jedoch die Konzepte von Gott, die ihm ein Hindernis auf seinem Weg sind.

    Die Konzepte von Gott versuchen, das Unsagbare sagbar zu machen. Der Kontemplative hört auf, sich ein (verbales) Bild von Gott zu machen.

    Wie könnte ein Kontemplativer da (verbal) bekennend gottgläubig sein?

  • beisasse // Juni 22, 2009 um 1:21 | Antworten

    danke für die präzisierung, noah. ich wollte, räusper, nur ein bisschen übertreiben … schön, dass du hier vorbei geschaut hast.

  • kernberg // August 11, 2009 um 2:27 | Antworten

    “Ich dank es dem lieben Gott tausendmal, dass er mich zum Atheisten hat werden lassen.”

    Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)

Kommentar schreiben