ein neues kellion

Beiträge vom September 2009

nichts heiliges (an sich)

September 28, 2009 · 4 Kommentare

Wegen des letzten Eintrags witzelten Andi und ich an anderer Stelle über den eventuell ketzerischen Gehalt der Aussage „Da ist ja gar nichts!“ – Auch am letzten Samstag liess ich mich bei einer Café-Gesprächsrunde (zum Thema „lebendiger Umgang mit der heiligen Schrift“) zu einer ähnlichen Aussage hinreissen. Nämlich der, ich würde das Buch, „Bibel“ genannt, so für sich so wie es im Regal stehe ja eigentlich gar nicht für heilig halten. Ich spüre von dem Buch aus keinen besonderen Anspruch an mich. Es ist genau anders herum: Erst wenn ich es lese und die Worte dieses Buches laut werden lasse, und erwarte, dass es eventuell bedeutsam für meine Lebens- und Weltinterpretation sein könnte, dann erst können die gelesenen Worte „heilig“ werden. Jemand rief dazwischen: „Ja, aber dann könnte ja jeder Text heilig werden!“, woraufhin ich ihm mit einem knappen „Genau!“ bestätigte, dass dies durchaus kein Problem für mich darstellt.

Die Bedeutsamkeit und der „heilige Anspruch“ des Textes liegt genauer gesagt eigentlich weder in dem Gegenstand („Buch“) noch in meinem Lesen, sondern in dem, was sich zwischen dem Text und mir ereignet, in dem DAZWISCHEN. Hier wird übrigens das Stichwort der Beziehung, das ja in der Publikation „beziehungsweise LEBEN“ ein starkes Augenmerk erhält, tatsächlich fruchtbar. Es ist die Beziehung zwischen dem eventuell heiligen Text und mir, was Lebendigkeit erzeugt und nicht mein sklavischer Gehorsam gegenüber einem erstarrten religiösen Kodex aber auch nicht die Unterwerfung des Textes mittels meiner exegetischen Werkzeuge.

Später am Tag, beim Vortrag von Propst Horst Gorski, erwies sich meine Ansicht als offensichtlich mögliche evangelische Meinung. Dort ging er ähnlichen Gedankengängen am Beispiel der Rede von „heiligen Orten“ nach. „Da ist ja gar nichts!“ muss also nicht ausschliesslich als Ausruf buddhistischer Wahrnehmung von der Leerheit der Phänomene verstanden werden. Ebenso kann es ein evangelischer Zugriff auf die Dinge sein, die bloss funktional begriffen werden. (Pardon, dies ist ein Blog, ich bin kein Theologe, man verzeihe mir alle denkerischen Unzulänglichkeiten! Übrigens: Der Vortrag von Horst Gorski war sehr anregend! Ich empfehle ihn wirklich zum anhören! Titel: „Der Norden betet – Einsichten und Aussichten zur geistlichen Landschaft einer evangelisch-lutherischen Kirche im Norden“)

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goar nix

September 23, 2009 · 3 Kommentare

es ist als ob ich hinter den vorhang gesehen hätte und gesehen habe, dass da nichts ist. kein gericht, keine strafe, keine belohnung, keine hölle, kein himmel, keine götter, kein gott. und es ist überhaupt nicht schlimm, dass da nichts ist. natürlich kann ich nicht sagen, dass ich wirklich hinter den vorhang geschaut habe, nicht in einer ekstase, nicht in einem erleuchtungserlebnis. vielleicht müsste man sagen, so wie ich mich fühle – eine art unbekümmertheit, die still froh macht – ist es so, als wäre das so.

Kategorien: buddhismus · fragen · g'tt · nix
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welche tür?

September 5, 2009 · 5 Kommentare

version1
der tathagata, der jesus sagen hörte: „klopft an die tür und es wird euch aufgetan.“, erwiderte ihm: „welche tür?“

version 2
ich hörte den lehrer sagen: „klopft an und es wird euch aufgetan.“ daraufhin schlug ich ihn windelweich und ging um die tür herum.

kommentar
das mit dem anklopfen beschäftigt mich ja irgendwie schon. mit den beiden obigen szenen wollte ich nur zum ausdruck bringen, wie „wahnhaft“ und „in den wind“ unser streben ist, etwas zu sein, zu einer gruppe zu gehören, etwas darzustellen, etwas zu erreichen, glück zu finden etc. und dann ist da eine tür, von der wir denken, wir könnten nur zufrieden mit unseren leben sein, wenn genau sie sich öffnet. bei kafka ist sie schon immer offen gewesen. und mit dem mann, der vor der tür wartet, verharren wir in der verbitterten ansicht, die tür sei geschlossen. was ist diese tür wirklich? der tathagata hätte gewiss behauptet, da sei gar keine tür (version 1). und die unbekümmertheit in version 2 will diese tür einfach lächerlich machen und alles, was diese tür für uns symbolisiert.

version 3
nachdem ich drei jahre vergeblich an die tür geklopft hatte, gab ich auf. da hörte ich es klopfen. und als ich aufmachte, liess ich mich selbst ein.

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zum beten gehört auch das nicht-beten

September 3, 2009 · Kommentar schreiben

zu allen, die ihm zuhörten, sagte er: „zum beten gehört auch das nicht-beten.“ als er allein mit seinen engsten freunden war, ergänzte er: „zum beten gehört auch das fluchen.“ (logion 4)

in der reihe der selbsterfundenen jesusworte gibt es bereits:

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gott, der von anfang schweigt

September 2, 2009 · Kommentar schreiben

„Du sagst mir: ‘Im Grunde ist Gott der vollendete Psychoanalytiker, der unerschütterlich schweigt.’ Nur erscheint der Pychoanalytiker erst nach dem Vater, der sich bereits, und zwar mit einem gewichtigen Wort, über das Kind ausgesprochen hat. Gott ist für uns ein Vater, der von Anfang an schweigt, ein Vater, der sich in seiner Art, Dasein zu gewähren, immer schweigsam verhalten hat. Wie jene Menschen, die dir Halt geben durch das Schweigen, das von ihnen ausgeht; die dich, ohne sich einzumischen, veranlassen, dich selbständig auszudrücken; jene Menschen, die uns näher sind als wir uns selbst.“ (Jean-François Six, Beten in der Nacht des Glaubens, Freiburg 1972, Seite 19)

… interessantes Buch mit so ähnlich kurzen Notizen wie oben. Das mit dem „sich nicht einmischen“: Gerade am Wochenende sagte mir ein Freund, dass er ein solches Verhalten seiner Eltern eher als Desinteresse verstanden hat. Und irgendwie umweht ihn da so eine Traurigkeit und ich weiss nicht, wieviel Tatkraft für die Zukunft da ist, bzw. fehlt.

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