ein neues kellion

vom kloster zum evangelischen pfarrhaus zum starbucks

Oktober 9, 2009 · 14 Kommentare

Hätte, hätte, hätte. Ich hätte früher schon mal über „beziehungsweise LEBEN“ bloggen können, wozu ich ein Kapitel beigesteuert habe. Überhaupt hätte ich mal regelmässiger bloggen können. Egal. Ich erinnere mich, dass ich, als die Belegexemplare vor zwei Wochen ankamen, vom Mit-Autor zum Leser wurde.  Das Kapitel von Martin Gommel über spirituellen Rhythmus zum Beispiel – da habe ich frühere eigene Erfahrungen stark wiedergefunden. Dazu bräuchte ich mal Zeit (hätte, hätte, hätte), um was dazu zu sagen.

Was mich besonders aufhorchen liess, war Walters Kapitel „Spiritualität und Volkskirche: Überlegungen zu geistlichen Kernen in evangelischen Volkskirchen“. Allerdings ist vor allem seine Einleitung oder seine Frage impulsgebend. In meinen Worten wiedergegeben: Seit ihrem Aufkommen seien Asketen, Einsiedlerinnen und Mönche die spirituellen Vorbilder für das Volk der Kirche gewesen. (Ich würde sagen: Für die katholische und orthodoxe Christenheit trifft das gewiss immer noch zu.) Für die evangelische Herde sei jedoch das Pfarrhaus an die Stelle des Klosters getreten. Walters Frage daran anschliessend ist: Wer vertritt heute die Funktion des spirituellen Vorbilds und die Funktion, erneuernde Impulse in die Kirche zu geben?

Es gibt darauf vorerst keine Antwort. Was ich allerdings schon sagen kann, ist dass diese Frage nur durch eine konkrete Lebensform beantwortet werden kann. Die Antwort gibt es nur als eine Vielzahl von Experimenten, die gelingen oder auch nicht.

Dass die Klöster und Orden bis heute – so sehr sie auch von innen her verfallen – mit ihrer spirituellen Kultur Impulse zu geben vermögen, liegt nicht zuletzt daran, dass es sich um konkrete Menschen handelt, die – wenn sie auch menschlich scheitern – das Experiment wagen. Das ist viel mehr Wert, als eine reine Phantasie von einer Urgemeinde zu haben. Das wäre eine blosse Träumerei und nazarenische Kunst-Romantisierung. Ich frage also noch einmal, und nun sollte das „wer“ deutlich herausgehört werden: Wer vertritt heute die Funktion des spirituellen Vorbilds und die Funktion, erneuernde Impulse in die Kirche zu geben? Der Blogger-Theologe, der bei Starbucks sitzt vielleicht?

Kategorien: bücher, musik etc. · fragen · kirche · monastic · üben
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14 Antworten bis hierher ↓

  • mypastorbuddy // Oktober 9, 2009 um 11:29 | Antworten

    Letzterer bestimmt nicht, weil Blogs liest doch kein Mensch (außer den anderen Bloggern).

    Was schreibt Walter denn, warum es im evangelischen Bereich die Pfarrhäuser nicht mehr sind. Auflösung von Familienstrukturen? Autoritätsverlust in der Rolle des Pfarrers?

    Wenn es nicht hier und da doch noch der/die PastorIn ist, die Vorbild ist (oder einzelne aus irgendwelchen Gründen spirituelle Leute, die sich noch in der Volkskirche als Gemeindeglieder aufhalten), würde mir gar keiner einfallen, der „spirituelle“ Impulse gibt. Andere Erneuerungsimpulse gibt es ja en masse.

  • simondevries // Oktober 9, 2009 um 11:30 | Antworten

    Uups. Ich wollte eigentlich als „Simon“ schreiben :-)

  • beisasse // Oktober 9, 2009 um 11:50 | Antworten

    der grund – das ist meine eigene wahrnehmung – ist, dass viele deiner kollegen_innen stark zwischen familie und beruf trennen, um beides getrennt voneinander zu schützen. das finde ich auch legitim.

    wie stark monastische kultur die kirche geprägt hat, sieht man an der formung des priesterbildes. monastische spiritualität strahlte so stark aus, dass priester ebenso sich an klösterlichen idealen ausrichten sollten: so kam es zur zölibatspflicht und zur vorschrift des breviergebets.

    was für eine gruppe ist es heute, die so stark ausstrahlt, dass der rest der kirche den entsprechenden lebensstil als wegweisend empfindet? tv-moderatoren dann vielleicht? an der strahlkraft von kleriker_innen zweifle ich eher.

  • markus // Oktober 9, 2009 um 12:02 | Antworten

    Sehr gute Gedanke, finde ich. Deinem Schlusssatz stimme ich allerdings nur um die Ecke gedacht zu. Sicher, es sind Vorbilder. Sind es allerdings auch gute Vorbilder? Hat der Starbucks-Lifestyle die Kraft, die ein Zisterzienser-Mönch, ein aufopfernder Dorfpfarrer oder die Nonne auf der Pflegestation haben? Ich würde sagen, nein.

  • beisasse // Oktober 9, 2009 um 1:00 | Antworten

    okay, vielleicht muss walter seine bestandsaufnahme korrigieren. anscheinend leben viele immer noch von der strahlkraft dieser alten formen, wobei unsere projektion denen auch noch einen qualitäts-bonus zuschreibt. bei vorbildern ist selten die frage, ob sie gute oder schlechte vorbilder sind. es gilt da eher eine emotionale begeisterung. und nur deshalb „funktionieren“ diese vorbilder auch. im gegensatz zu am reissbrett erfundenen methoden oder strategien wie z.b. gemeinde sein soll etc.

    meine frage ist, ob wir wirklich von konkreten menschen inspiriert werden, oder nur von der löchrig werdenden aura einstiger spiritueller kraft.

    man könnte fragen: brauchen wir überhaupt neue vorbilder? ich meine: ja. denn: ein klausurierter mönch kann mir nicht beibringen, wie ich in komplexen beziehungszusammenhängen agieren kann. am ehesten kann mir die pastorin zwischen pfarrberuf und kindererziehung wohl was beibringen über den spagat von beruf und familie.

  • markus // Oktober 9, 2009 um 1:36 | Antworten

    Das sehe ich ähnlich. Es braucht das Beispiel, dass man sieht, das inspiriert, das zum handeln anregt. Zumindest bei mir sind es tatsächlich einige Ordensmenschen, eben dann, wenn sie „sichtbar“ werden, und nicht nur die Aura der Geschichte. Dem normalen Stadt- oder Landbewohner geht es wohl noch viel mehr so: was er nicht im Alltag sieht, gibt es nicht. Das kann dann leider auf Ordensleute, Pfarrer und „Kaffeehaus-Christen“ gleichermaßen zutreffen.

  • Walter // Oktober 9, 2009 um 4:09 | Antworten

    Wie viele solcher Vorbilder wir haben, wage ich nicht zu schätzen. Es werden gar nicht so wenige sein. Aber uns fehlt ein Muster, eine Struktur, in der das besser sichtbar werden und sich ausdrücken kann. So eine Struktur – wie etwa das Pfarrhaus oder das Kloster – kann auch die nicht ganz so vorbildhaften Individuen tragen. Sie gibt Menschen ein Rollenvorbild, damit sie nicht alles selbst erfinden müssen.
    Die Schwäche des Musters „Pfarrhaus“ besteht darin, dass es keine geistliche Zelle aus mehreren ist, sondern auf den Amtsträger (und evtl. seine Familie – aber kann man das heute voraussetzen?) zugeschnitten ist. Eine Person – das ist einfach zu wenig. Auf die Dauer bringt das Resignation und/oder Neurose. Dass einige es trotzdem ganz gut hinkriegen, will ich nicht bestreiten – aber was würden die erst mit geeigneteren Strukturen alles bewirken können!

  • wessnet // Oktober 9, 2009 um 7:00 | Antworten

    Der exkatholische Freikirchler sagt dazu: Das müssen wir dann wohl selbst machen. Die Kleriker dürfen gerne mitmachen! Und bitte auch viele Frere Rogers und so. Und Bob Dylan sei auch aufgerufen, mal ne richtige Weihnachtsplatte zu machen!

  • beziehungsweise leben / Weitere Reaktionen // Oktober 9, 2009 um 8:03 | Antworten

    [...] gesamten Eintrag »Vom Kloster zum evangelischen Pfarrhaus zum Starbucks« findest du unter dem Link eben und ich lade dich auch ein dort deine Gedanken zu [...]

  • Depone // Oktober 9, 2009 um 8:24 | Antworten

    Freue mich sehr die Gedanken hier zu lesen. Ich denke die Frage nach den Vorbildern, Vordenkerinnen und „Vorlebern“ erscheint mir auch sehr wichtig.

    Allerdings möchte ich hier auch im Sinne von Yotins Beitrag oben auf Bloggerinnen und Blogger hinweisen. Meiner Ansicht nach sind die Blogs interessant auf denen aus dem Leben geschrieben wird – für mich heißt das, dass Menschen dort das mitteilen was sie bewegt – und da finde ich eine Menge Inspiration. Diese Mitteilungen verstehe ich jedoch nicht darauf beschränkt dass aus dem Leben erzählt wird, sondern dass auch Gedanken und Ansätze beschrieben werden. In diesem Sinne möchte ich sowohl der Aussage, das Blogs von niemandem ausser von Bloggern gelesen werden – meine Erfahrung zeigt mir etwas anderes. Und auf der anderen Seite denke ich auch, dass das Leben vieler Bloggerinnen und Blogger so viel Tiefe und Ausdauer widerspiegelt wie das von Menschen die in monastischen Gemeinschaften leben. Für mein Leben finde ich zumindest in Blogs auch deswegen Anregungen für mein Leben weil sie von Menschen geschrieben werden die in ähnlichen Situationen leben wie ich…

  • Simon // Oktober 10, 2009 um 8:35 | Antworten

    @beisasse: Zur Trennung von Beruf und Familie (bzw. eigenem Privatleben) – ich halte das auch für legitim insbesondere im Hinblick auf die Vereinnahmung ganzer Familien in der Vergangenheit. Da muss man schon gut überlegen, was man den Kindern und dem Ehepartner antut (letzterer konnte es ja zumindest noch mitentscheiden, in welche Rolle er/sie sich begibt). Meine Hoffnung ist aber auch, dass das Pendel irgendwann wieder in die andere Richtung schlagen wird und wir nicht ausschließlich auf Abgrenzung setzen müssen, sondern über neue Formen der Integration beider Bereiche nachdenken können.

    TV-Moderatoren halte ich auch für die falsche Gruppe. Es müssen schon Leute vor Ort sein, denen es gelingt, unter denselben Bedingungen wie ich ein gelingendes Leben zu führen.

    @Walter: Das finde ich sehr bedenkenswert, dass es nicht um einzelne Personen als Vorbilder, sondern um eine Struktur geht. Vielleicht wird es ja auch verschiedene Strukturen in Zukunft geben können/müssen. Es mag ja immer noch Pastoren(familien) geben, die Bindekraft für einen Ort haben (ob das immer das Gesundeste ist, ist noch eine weitere Frage). Einen besonderen Charme haben für mich auch (kommunitäre) Gemeinschaften, um die herum Gemeinden entstehen. Das passiert ja momentan auch an verschiedenen Orten.

    Ich fände interessant für unsere Kirche, was auf Dauer passiert, wenn innerhalb bestehender Ortsgemeinden solche Gemeinschaften entstehen und mit herausfordernden Lebensformen manche tradierte Gemütlichkeit in Frage stellen. In gewisser Weise passiert das ja bei euch, Walter.

  • regula nova « ein neues kellion // Oktober 10, 2009 um 9:56 | Antworten

    [...] about ← vom kloster zum evangelischen pfarrhaus zum starbucks [...]

  • tiefebene // Oktober 11, 2009 um 8:54 | Antworten

    Ich merke (auch an deinem folgenden Post http://kellion.wordpress.com/2009/10/10/regula-nova/) , dass ich vielleicht in einen Gegensatz von Person und Struktur gerutscht sein könnte, der nicht meine Absicht ist. Ich bin überzeugt, dass wir tatsächlich Menschen brauchen, die entschlossen etwas beginnen und dann sehen, was daraus wird. Etwas Einfaches anfangen ist im Augenblick wichtiger als lange Theorien.
    Aber das werden wahrscheinlich nicht individuelle Versuche sein, sondern sie werden von (vielleicht kleinen) Gemeinschaften getragen werden. Und dabei wird sich dann hoffentlich eine Struktur entwickeln, die auch für andere, nicht so pionierhafte Leute, hilfreich ist.
    Das Bindeglied zwischen Person und Struktur scheint mir der von dir, Yotin, eingebrachte Begriff der Regel zu sein. Sie erlaubt es, einmalige Erfahrungen für andere nachvollziehbar zu machen. Also hoffen wir auf einen neuen Benedikt (ich meine den Mönchsvater, nicht den Papst) und tun inzwischen das, was wir können.

  • beziehungsweise leben / 4ntworten von Walter Faerber // November 16, 2009 um 11:39 | Antworten

    [...] In einem Kommentar zu deinem Kapitel las ich von dem Spannungsfeld in dem sich die Familie des Pfarrers befindet. Inwiefern ist deine [...]

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