ein neues kellion

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am anderen ende des urknalls

Oktober 19, 2009 · Kommentar schreiben

Es gibt das Gedankenexperiment, sich die Unwahrscheinlichkeit vorzustellen, dass man existiert.  Seit dem Aufkommen lebendiger Organismen haben alle meine Vorfahren überlegt, so recht und schlecht jedenfalls bis sie ihr Erbgut weitergeben konnten – bis zu mir. Wie weit man doch zurück reicht! Ebenso wie meine Eltern sich selbst in mir wiedererkennen können, tun dies auch meine Grosseltern und die Eltern meiner Grosseltern. Und auch sie alle sind wiederum ins Leben gekommen aus einer Anzahl von günstigen oder widrigen Umständen. Ich bin eine Unwiederholbarkeit.

Aber bei mir endet die Linie auch, denn ich werde keine Nachfahren zeugen. Ich stehe am anderen Ende des Urknalls. Kinderlos hoffe ich in den Zustand einzugehen, der da war, bevor das Drama des Lebens sich entrollte.

The Streets – On The Edge Of A Cliff

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goar nix

September 23, 2009 · 3 Kommentare

es ist als ob ich hinter den vorhang gesehen hätte und gesehen habe, dass da nichts ist. kein gericht, keine strafe, keine belohnung, keine hölle, kein himmel, keine götter, kein gott. und es ist überhaupt nicht schlimm, dass da nichts ist. natürlich kann ich nicht sagen, dass ich wirklich hinter den vorhang geschaut habe, nicht in einer ekstase, nicht in einem erleuchtungserlebnis. vielleicht müsste man sagen, so wie ich mich fühle – eine art unbekümmertheit, die still froh macht – ist es so, als wäre das so.

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„we have what we seek“?

April 25, 2009 · 6 Kommentare

Während die Grundregung christlicher Spiritualität die Sehnsucht ist, wäre sie im buddhistischen Zusammenhang problematisch in ihrer Nähe zum Durst, der zum Anhaften und so zur Erfahrung von Leid führt. Der christlichen Grundfigur der Sehnsucht steht aber im Buddhistischen die Einsicht gegenüber, dass das gewöhnliche Bewusstsein bereits Buddhabewusstsein ist, ja, dass in der Welt des Relativen (unwissende Verstrickung mit den Dingen der Welt) das Absolute (traditionell: „Nirvana“) berührt wird. Man denke an den Merkvers der Plum Village Tradition (Thich Nhat Hanh):

I have arrived.
I am home.
Dwelling in the here,
dwelling in the now.
In the ultimate I dwell.

Freilich – auch im Christlichen gibt es die Hochachtung des Augenblicks, des kairos, der überraschenden Offenbarung des Messias „Ich bin’s“ etc., aber mir scheint die Betonung des Fragmentarischen stets stärker zu sein. Besonders unter Evangelischen ist die Redefigur des „gleichzeitigen Schon-Jetzt und Noch-Nicht“ beliebt. Man kann im Christlichen irgendwie nicht ohne das „Noch-Nicht“, nicht ohne das „noch Ausstehende“. So spannt sich die Erwartung bis zu einem verheissenen Irgendwann. Ziel und Heimat wird prophetisch vertagt, in die Zukunft outgesourced.

So lange kann ich aber nicht warten. Leben muss ich jetzt. Sehnsucht erweist sich oft genug als trügerisch. Sie ist nur hilfreich im Verein mit der Zuversicht, dass es „gibt, was ich suche“. Blosse Sehnsucht ohne die Hoffnung, dass sie mich nach Hause führt, treibt ein perfides Spiel mit meinen Kräften und meiner Belastbarkeit. Wenn einer dieses Vertrauen nicht hat, dass sich erfüllen wird, wozu man gerufen ist, sollte dieser auch seine Sehnsucht fahren lassen. So lässt es sich nicht leben. Es wäre besser für so einen, in den Alltäglichkeiten ein Zuhause zu finden, anstatt seine Arbeit schlampig zu machen und auf das ewige Wochenende zu warten, das niemals kommt. Ja, das nenne ich Respekt gegenüber meinen Aufgaben und gegenüber den Gegebenheiten des Tages, wenn ich sie nicht als störende Unvermeidlichkeit auffasse, sondern – auch wenn es schwer ist – mich wirklich um sie kümmere. Wer von der Ewigkeits-Sehnsucht befallen ist, ist wie einer, der telephoniert und gleichzeitig im Internet rumsurft. Er tut nichts ganz in der Gegenwart. Er schielt schon auf das, was als nächstes kommt. Er ist wie einer, der nicht zuhört, sondern schon überlegt, was er sagen könnte, während der andere noch redet.

Um am Schluss alle noch einmal zu verwirren, ein Zitat von Thomas Merton. Ist es nach dem, was ich oben sagte „christlich“ oder „buddhistisch“?

„We have what we seek. We don’t have to rush after it. It was there all the time, and if we give it time it will make itself known to us.“ (Thomas Merton) [Quelle]

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alles erfahren

März 12, 2009 · 5 Kommentare

In der letzten Woche habe ich ein paar Mal beobachtet, wie ich mich – man nennt es wohl – glücklich fühlte. Dabei sind mir einige hilfreiche Voraussetzungen klar geworden, die zur Erfahrung von „alles ist an seinem Platz“ beitragen können. Als erstes nenne ich folgenden Hinweis: Wenn etwas gut geht, sich freuen, wenn Schmerzvolles erfahren wird, traurig sein etc. – das genügt.

Man könnte diesen Hinweis auch beschreiben mit: sich angemessen verhalten. Kein Buddhist braucht sich ein Dauerlächeln zuzulegen, kein Kontemplativer muss sich mit einem ständigen „An Gott denken“ abmühen, kein Stoiker braucht seine apatheia in ausnahmslos allen Situationen zur Schau zu stellen.

Gemeinhin denkt man, Menschen, die ihr Leben geistlich oder spirituell vertiefen wollen, seien darauf aus, mit spirituellen Methoden zu dauerhaften und über-alltäglichen Erfahrungen von Glück, von eudaimonia, von Glückseligkeit zu gelangen, um nicht mehr von den Mühen des Alltäglichen getroffen zu werden. Vielleicht war das am Anfang auch unsere Motivation. Aber wenn wir aufmerksam und ehrlich gesucht und geübt haben, und wenn wir gute Lehrer getroffen haben, verstehen wir, dass eine tiefere Erfahrung von dem, was wir suchen – Befreiung, Gotteinung, Glück, ataraxia – darin liegt, alles zu erfahren, was unser Leben uns schenkt, gibt und auferlegt. Einfach alles erfahren.

Vielleicht haben wir gemeint, dass unsere spirituelle Übung dazu führen könnte, nicht mehr ungeduldig mit anderen Menschen zu sein oder nicht mehr zornig. Aber es gibt Situationen, in denen es angemessen ist, zornig zu sein. Vielleicht ist unser Ideal gewesen, versöhnt zu leben. Aber es gibt Situationen, in denen es angemessen ist, Rachegefühle und -gedanken zu durchleben. So werden wir wieder zu „normalen“ Menschen. Der Unterschied ist dabei jedoch – wenn es denn eine Rolle spielte – dass wir uns dabei sehen können: wie wir uns freuen, wenn etwas gut geht, wie wir Schmerz und Ohnmacht erleben, wenn andere Menschen uns schaden, wie wir Trauer empfinden, wenn wir Abschied nehmen usw. usf. Und dieses, dass wir uns dabei sehen können, das wird uns genügen und uns eine Ahnung davon geben, wie „alles an seinem Platz ist“. – Zum anderen Hinweis ein nächstes Mal.

(Freilich könnte ich diesem Eintrag auch noch christliches Kolorit hinzufügen. Denkt es euch selber, wenn ihr es braucht, oder schlagt dazu im Buch Kohelet, d.h. Prediger das dritte Kapitel auf.)

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wir sind gestalter

November 17, 2008 · Kommentar schreiben

Sinn und Zeit und Tod gibt es nur für den Menschen. Die zyklischen Abläufe von Pflanze und Tier kennen keine gerichtet fortschreitende historische Zeit. So ist der Tod, wie wir Menschen ihn kennen, allen anderen Wesen und Dingen unbekannt.

Wir sind Gestalter, und unser Planen und Handeln richtet die Zeit intentional aus. So muss aber der Tod wie ein Affront erscheinen. Die Dinge jedoch – was haben sie für Projekte? Nie wollen sie etwas anderes sein als was sie sind. Und wenn dann der Prozess des Sterbens eintritt – wie soll sie das beleidigen, die nie vermessen über das, was sie sind, hinaus schreiten wollten?

Die Erfahrung der Geschöpflichkeit ist auch ein Aspekt auf dem kontemplativen Weg. So ganz geschieden ist der Mensch ja nicht von den Dingen, die in ihren zyklischen Abläufen ruhen. Von ihnen kann der Kontemplative lernen und eintreten in den Bereich von „Nicht-Geburt und Nicht-Tod“.

[Nachtrag: Menschliches Eingebundensein in den zyklischen Ablauf der Dinge in einem Film gefasst: "Frühling, Sommer, Herbst, Winter ... und Frühling" (2003) von Kim Ki-Duk.]

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WWBD?

August 20, 2008 · 11 Kommentare

Wenn man seine formale spirituelle Praxis laxer handhabt, führt das natürlich zu anfänglichen Irritationen. Man kann, wenn man seine Gedanken dabei genau beobachtet, sehen, dass sich da etwas einschleicht wie eine Sorge, dass man „keine Belohnung mehr bekommen wird“. Aha. So entlarvt sich ein Teil unserer spirituellen Motivation als dem vulgären Denkschema von Belohnung und Strafe verpflichtet. Wer traut sich im Namen der Gnade, nichts mehr zu tun?

Und dann aber Psalmen zu beten und in der Stille zu sitzen – weil man Lust hat. Auch das kann ja irritierend sein. Oder wenn das Formale (der gewöhnliche Ort, die gewöhnliche Zeit) durchbrochen wird. Etwa wenn ich in der S-Bahn stehe und atme. Ich beschliesse, mich nicht zu langweilen, sondern zu atmen.

Was wäre, wenn man schon erleuchtet wäre? Man hätte auch mit Langeweile zu tun, mit all dem, was einem entgegenkommt, mit Müdigkeit, mit „keine Lust“, mit Menschen, die einen stören, mit DVD gucken, mit mit Freunden treffen, usw. usf. Und der Unterschied ist dann nur, dass man erleuchtet ist. Wisst ihr was, ich glaube, so ist es.

Was würde ein Mystiker oder ein Buddha anders machen als ich? What would Buddha do? Dasselbe, was ich machen würde.

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sich selbst wählen

Juli 16, 2008 · 8 Kommentare

Zwar wurde mir irgendwo einmal erläutert (Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode?), dass wir uns nicht selber setzen können. Aber anders geht es nicht, glaube ich. Wenn wir uns und unser Leben nicht selber wählen, können (und brauchen) wir auch keine Verantwortung zu übernehmen. Wir müssen uns selber sagen, wer wir sind, denn nicht einmal Gott wird es uns sagen.

Es ist fahrlässig, unsere Selbstvergewisserung irgendwo aussen hin zu verlegen: Freunde, Partner, Beruf, Güter, Religion, Gott. Diese Dinge sind schwankend und selten eindeutig. Zwar sieht es in unserem Inneren auch nicht besser aus – auch hier gibt es nichts Beständiges. Aber ich ziehe es vor, meiner eigenen Unbeständigkeit ausgeliefert zu sein als anderen Dingen, die aussen sind und auf die ich nun wirklich keinen Einfluss habe.

Dies als Ergänzung zum gestrigen Eintrag.

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nicht frei vom leiden

Juli 2, 2008 · 8 Kommentare

In unserer menschlichen Existenz ist Leiden nicht zu verhindern. Schon wenn wir essen ist es so, dass für unsere Nahrung pflanzliche und / oder tierische Organismen zerstört werden. Ich erinnere mich, dass ich mich als Kind fragte, warum wir töten müssen, um zu leben. (Thorsten hat wohl als Erwachsener sich für eine Weile dessen enthalten.) Eine buddhistische (?) Rezitation vor dem Essen lautet so:

(…) Dankbar nehmen wir dieses Essen ein.
Ist’s doch die Frucht der Erde, die uns trägt,
Frucht auch der Arbeit von anderen Menschen
und nicht frei vom Leiden anderer Formen des Lebens. (…)

(Sonnenhof Holzinshaus [Hg.], Rezitationstexte, S. 66)

In die Bedingungen unserer Existenz ist also schon eingeschrieben, dass wir leiden und andere auch verletzen. Es geschieht jeden Tag. Es ist ganz normal.

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wir sind nicht getrennt – echt jetzt!

Juni 13, 2008 · Kommentar schreiben

Ein Mann besuchte einen Freund und ass und trank. Von dem vielen Wein wurde er betrunken und fiel in einen tiefen Schlaf. Der Freund, der verreisen musste, wollte ihm Schlaf und Ruhe gönnen und so nähte er viele wertvolle Edelsteine in das Gewand seines Gastes ein. Als der Gast aufwachte, sah er dass er alleine war und ging aus dem Haus, zog von Ort zu Ort, immer auf der Suche nach Arbeit und Unterkunft. Aber: nichts gelang ihm und er fiel in Not und Armut. Sein Gewand hatte er immer noch, auch wenn es inzwischen ganz zerlumpt war. Da trifft er seinen Freund, der verreist war, wieder. Der fragt ihn erstaunt, warum sein früherer Gast denn so ärmlich aussehe. „Ich habe dir doch, während du noch geschlafen hast, viele wertvolle Edelsteine in dein Gewand genäht!“ Der Freund nimmt das Gewand seines Gastes, trennt den Saum auf und zeigt ihm die kostbaren Steine.

Dies ist ein Gleichnis aus dem 8. Kapitel des Lotos-Sutra. (Ich kenne es aus dem sehr empfehlensweten Kommentar zum Lotos-Sutra von Thich Nhat Hanh, Das Herz des Kosmos, S.71f.) Das Gleichnis aus dem Lotos-Sutra spricht natürlich vom Buddha, der in seiner Fürsorge den Menschen allerlei gute und heilsame Lehren anbietet, ja, er legt sie in die Menschen hinein. Allein, sie entdecken sie nicht in sich und suchen vergeblich im Aussen. Auch will das Gleichnis besagen, dass in jedem Menschen jetzt schon die Buddha-Natur verborgen liegt.

Gleichzeitig könnte dieses Gleichnis genauso gut von einem christlichen Mystiker stammen, etwa von Meister Eckhart, der damit veranschaulichen könnte: Wir haben alles, was für unseren geistlichen Weg nötig ist, schon in uns. Oder das Gleichnis könnte bedeuten: Wir denken nur, dass wir im Mangel leben, wir denken nur, wir seien von Gott getrennt – dabei ist uns schon alles gegeben. Wir müssen einfach nur den Saum unseres Gewandes, ein Gewand, das wir schon immer mit uns herumtragen, auftrennen und schauen.

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gott und das nichts

Juni 10, 2008 · Kommentar schreiben

In der Katechesereihe über die Kirchenväter sieht der Bischof der Weltkirche, Benedikt XVI., in Dionysios Areopagita mit seiner kosmischen und mystischen Theologie einen Vermittler zwischen dem Christentum und den asiatischen Religionen:

„Er erscheint uns als der große Vermittler im modernen Dialog zwischen dem Christentum und den mystischen Theologien Asiens, deren Charakteristikum in der Überzeugung liegt, dass man nicht sagen könne, wer Gott ist; von ihm kann nur in negativer Form gesprochen werden; von Gott kann nur mit dem ‘Nicht’ gesprochen werden. Und nur wenn man in diese Erfahrung des ‘Nicht’ eintritt, gelangt man zu ihm. Und hier ist eine Nähe zwischen dem Denken des Areopagita und jenem der asiatischen Religionen zu erkennen. Er kann heute ein Vermittler sein, so wie er es zwischen dem griechischen Geist und dem Evangelium war.“

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