Ich habe auch schon ein paar Reaktionen erhalten. So fragte Walter in einem Kommentar unten, ob die Selbstbezeichnung „Exilant“ nicht auch positiven Klang bekommen könnte. Von einer anderen Freundin (die übrigens ganz schnodderig von „uns Rausgeflogenen“ sprach, einerseits auf die Selbstbezeichnung „Exilant“ bezugnehmend, andererseits auf das Risiko mit dem Fahrrad aus der Kurve rauszufliegen) unterstrich den Sicherheitsfaktor eines geregelten (monastischen) Lebens, mit dem eine Entmündigung einhergehe. Inzwischen aus dem monastischen System ausgestiegen, erlebe sie aber im „normalen“ Leben einen anderen Zwang, nämlich den Zwang zur Dauer-Kommunikation. In diesem Spiel gehe es darum, sich immer mal wieder „zu melden“. Geschieht das nicht, verliert man den Anschluss und wird erneut zum Rausgeschmissenen. Einmal rausgeflogen, immer wieder rausfliegen? Niemals Zugehörigkeit?
Übrigens liesse sich hier ein weiteres Gegensatzpaar fassen:
Kommunikation vs. Stille
Ja, tatsächlich! In diesem Leben – „extra claustrum“, ausserhalb der Klostermauern – müssen wir kommunizieren! Und das geht manchmal bis ins Extreme, okay. Und dabei fällt auch mal Banales und Unnötiges bei ab, na gut. Aber immerhin tun wir unser Bestes und es gibt damit eine Chance der Verständigung.
Freilich, die Improperien sind ein alt-ehrwürdiges Stück in der Liturgie des Karfreitags. Inhaltlich sind sie allerdings nicht ein nur Musterbeispiel von Antijudaismus in christlicher Liturgie, sie vermitteln auch eine fragwürdige Haltung des Gekreuzigten. Es handelt sich um ein Stück Fiktion, was uns die Improperien bieten. Und diese Fiktion malt sich aus, wie der Gekreuzigte das Volk anspricht im Sinne von „Vierzig Jahre lang habe ich dich durch die Wüste geführt. Du aber bereitest das Kreuz deinem Erlöser. Was habe ich dir getan? Antworte mir! etc.“ Schulden wir Gott etwas?
Zum ersten Mal hörte ich dieses Jahr die Improperien in einem Gottesdienst am Karfreitag gelesen. Ich war irritiert, auch wenn ich den Inhalt ja schon – wenn auch nur als eine Art musikhistorisches Museumsstück – kannte. Ist er diesen Weg freiwillig gegangen oder nicht? Wenn ja, was sollen dann solche Vorwürfe?
Eine gnadenhafte, freiwillige Gabe aber verpflichtet uns zu nichts. Oder was für Hintergedanken sollten da doch noch vorhanden sein? Wir wissen, wie schmerzlich es ist, Liebe zu schenken, wenn sie nicht erwidert wird. Aber durch die Enttäuschung hindurch wissen wir auch, dass es genügt, zu lieben. Denn wer möchte schon mit einer Liebe geliebt werden, die man sich selbst durch Geschenke erkauft hätte? Es wäre besser, gar nicht geliebt zu werden, als Zuwendung zu erfahren, zu der man den anderen erst überreden musste, zu der er sich „verpflichtet“ fühlte. Wir schulden Gott nichts. Diese Freiheit ist seine Gabe.
Aber auch folgendes gilt es zu erwägen: Gott schuldet uns nichts. Wie sind wir bloss auf die Idee gekommen, es sei seine Aufgabe, uns vor leidvollen Erfahrungen zu schützen und uns Lebenssorge und zermürbenden Alltag zu ersparen? Was zeigt uns die Geschichte vom leidenden Gott anderes, als dass er auch nur ein Mensch ist, dem nichts erspart bleibt? Was also sollten wir von ihm erwarten?
Es genügt, zu leben. Und diese Freiheit zum Ausgangspunkt zu nehmen, dass wir Gott nichts schulden und dass er uns nichts schuldet. Vielleicht können wir uns so neu begegnen und versöhnen – mit dem Leben, das wir haben, und vielleicht auch mit dem Gott, den wir nie gekannt haben.
Das Gedicht von Johannes vom Kreuz lernte ich letztes Jahr im Gründonnerstagsgottesdienst kennen. Beeindruckt davon hatte ich natürlich auch Lust, Musik dazu zu schreiben. Ich versuchte mich an einer eigenen gereimten Fassung und so entstand so etwas wie der kleine Bruder von dem Taizélied „De noche“ (auch nach einem Wort von Johannes vom Kreuz?). Allerdings bin ich mir nicht sicher, wie „alltagstauglich“ das Lied mit seinen 11 kurzen Strophen ist. Das ist wohl auch der Grund, weswegen ich bis jetzt, wo sich Gründonnerstag wieder jährt, nicht mit Noten und einem „Hörbeispiel“ rausgerückt bin. Tja, vielleicht gibt es ja den einen oder anderen sprachgewandten Menschen, der an dem Text noch ein paar Verbesserungen anbringen kann. Oder ein paar Musikbegabte, die eine schöne – vielleicht mit Orgel oder Gitarre begleitete – Aufnahme machen könnten?
Schlagen wir ein neues Kapitel auf. Vielleicht wäre es auch einmal nett, das neue kellion zu einem neuen Loft auszubauen – aber das werden wir sehen. Auf alle Fälle, ist es Zeit, nach neuen, anderen Formen der Heiligkeit zu suchen und zu forschen. Lange genug waren wollten wir vom Meister der Benediktsregel lernen, übten das Stundengebet und die Lectio, liebten die Liturgie und den Gesang. Nachdem wir Schiffbruch erlitten haben, Veleumdung und Feindschaft, Feigheit und Enge durch Mönche des Klosters N., ist deutlich genug: Dieser Ort muss gemieden werden – wenigstens für eine längere Zeit. Vor allem innerlich muss dieser Ort gemieden werden. Durch die räumliche Nähe und den kirchlichen und beruflichen Zusammenhang, in dem ich stehe, wird es nicht zu vermeiden sein, das Gelände zu betreten.
Wir müssen jetzt ganz engagiert danach fragen, was eine Spiritualität von Laien sein könnte. Es ist eigentlich vor allem die Neugier – und nicht die Verbitterung, die mich lockt, nach neuen Geschichten und Begriffen zu suchen. Und gleichzeitig befürchte ich, dass ich gänzlich unbegabt bin für die Art von Heiligkeit, die hier gefragt wäre. Ich denke da an Dorothy Day, der „katholischen Anarchistin“, oder an Madeleine Delbrêl, mit ihrem konkreten sozialen Einsatz. Aber irgendwie ahne ich: Etwas nicht zu können ist auf dem Weg der Heiligkeit der beste Ausgangspunkt.
Auf dem Weg dorthin, werde ich vielleicht auch einfach erst einmal damit beschäftigt sein, das Alte zu verlernen.
Nachtrag: Das Projekt, die Wolke des Nichtwissens erneut zu lesen, ist nicht aufgegeben. Der letzte Eintrag passt ganz gut zum Stichwort „verlernen“: vergessen und nicht-wissen
Nachtrag 2: Ich habe auch irgendwie gerade das Bedürfnis nach selbstverordnetem Autismus, deshalb ist die Blogroll entfernt worden.
Nachtrag 3: In den Kommentaren zu diesem Eintrag wird der Fokus revidiert: Das Verlernen steht im Vordergrund – das Neue wird von alleine erscheinen oder auch nicht. Danke, Markus, für die Kurskorrektur.
Im evangelischen Kalender ist man seit einer Woche in die Vorfasten vorgerückt. Man beginnt, an die Fastenzeit zu denken (Soll ich dieses Jahr mal den Fastenkalender „Sich entscheiden“ besorgen?), aber auch an das Triduum (Gibt es diesmal einen Psalm, der uns durch die drei Tage begleiten kann?). Und so stelle ich für Leute, die noch weiter denken, eine Aufnahme des Exsultet zur Verfügung:
Wichtige Anmerkung: Die Fassung des Exsultet von Norbert Lohfink (Übersetzung) und Erwin Bücken (Vertonung) wurde an einigen wenigen Stellen für eine evangelische Feier angepasst. Das betrifft den Wechselgruss („Der Herr sei mit euch etc.“) und auch die Idee (nach einer englischen Fassung der Evangelical Lutheran Church in America), die Gemeinde in den Ruf „Dies ist die Nacht“ mit einzubeziehen.
Was wäre, wenn Jaques Berthier, der „Hauskomponist“ von Taizé mal etwas für die Jesuiten komponiert hätte? Folgende Zeilen stammen aus dem Exerzitienbuch von Ignatius, die Musik hat offensichtlichen Taizé-Klang (hier hören). Aber es funktioniert doch gut, oder?
Te magis novisse,
magis Te amare,
magis Te sequi,
Te Christe, Te Christe rogamus.
(Dich mehr erkennen,
dich mehr lieben,
dir mehr folgen,
dich, Christus, bitten wir.)
T: nach D. Böhler SJ, J.M. Steinke SJ (nach GÜ 104)
M: Yotin Tiewtrakul
Die Aufnahme habe ich in einem Morgengebet in der Krypta gemacht.
Im Wesentlichen geht es bei den Anfragen darum, wie man Elemente von (Fremd-)Traditionen übernehmen kann, ohne sich mit ihrem Kontext zu identifizieren. Die emergenten Freunde entdecken liturgisches Handeln, liturgische Sprache, gestalten Kreuzwege, geben sich einem monastisch anmutenden Rhythmus von Tagzeitengebeten hin, praktizieren Yoga und Meditation usw. usf.
Nein, es geht jetzt gar nicht darum, ob man das darf oder nicht, sondern um die Reflexion, ob die ausgeliehen Elemente überhaupt in einem anderen Kontext leben und überleben können.
Nach langer Erfahrung und Beobachtung kann ich zum Beispiel sagen, dass es im evangelischen Kontext eigentlich keinen Atmungsraum (?) für das Stundengebet gibt. Wenn man es tut, tut man es als Vereinzelter oder, wenn’s hoch kommt, als kleine Gruppe. Bete ich als katholischer Christ das Stundengebet, bin ich in einen grösseren Kontext eingebunden. Und dieser Raum gehört wesentlich zur Idee von Stundengebet.
Wo gerne über kontextuelle Theologie geredet wird, sollte man keine kontextvergessene spirituelle Praxis diagnostizieren müssen. Aber das geschieht natürlich auch überall dort, wo man im Zuge eines Trittbrett-Buddhismus sprachlich oder deko-mässig mitzieht. (Und neben dem Trittbrett-Buddhismus steht gleich auch das asketische iro-schottische Mönchtum mit seiner strengen Beicht- und Busspraxis merkwürdigerweise in hohem Ansehen.)
So – lange genug an diesem Eintrag herumgebastelt. Nehmt es also bitte erst einmal als Entwurf auf.
Ich würde gerne wissen, was eigentlich gemeint war, wenn dazu aufgefordert wird, Gott ein „neues“ Lied zu singen (siehe Psalmen 96, 98, 149). Was konnte in einer solchen Kultur der Erinnerung und steten Wieder-Erinnerung, in einer Kultur, dessen Hauptmedium der Überlieferung nicht die Schrift ist, sondern Mund und Ohr, „neu“ bedeuten? Was wir allerdings unter „neu“ verstehen, ist kaum auszumerzen. Da sind wir einfach im 19. Jahrhundert stecken geblieben. Besonders im Bereich der Künste. Dort leben wir mitnichten in der Postmoderne, sondern immer noch unter dem Anspruch eines übersteigerten Künstlerbildes, der Originalität aus seinem eigenen Innenleben generieren soll. Singet dem Herrn ein postmodernes Lied.
„The hills are alive with the sound of music …
I know I will hear, what I’ve heard before …“
Rodgers/Hammerstein, The Sound of Music
Hier wurde schon gefragt, was franziskanische Spiritualität sei. Wenn ich heute etwas zu evangelischer Spiritualität sage, führt das bestimmt wieder zu Verwirrung, welchem Lager dieses Blog wohl zugehört. Egal. Es ist nämlich wichtig.
Man könnte ja schnell sagen, evangelische Spiritualität sei biblische Spiritualität oder irgendwas mit „Pathos für das Profane“ (Paul Tillich), oder man denkt an das alte Schlagwort von der „Kirche des Wortes“ (oder neu: „Kirche der Freiheit“) und hat dann gleich weitere Assoziationen von Wortlastigkeit, „nur mit dem Kopf“ etc. Meine Ahnung ist: Der genuine Ausdruck von evangelischer Spirituatlität (mit Betonung auf „Spiritualität“) liegt nicht in einer biblischen Frömmigkeit, sondern im Gesang und in der Musik.
Dass die evangelische Kirchenliedtradition wesentlich für eine evangelische Identität ist, zeigt sich in der Initiative der badischen und württembergischen Landeskirchen, die eine Liste von Kernliedern erstellt hat. Hier wurde klar erkannt: Im Grunde sind es auf einer nicht-diskursiven („tieferen“) Ebene theologische Überzeugungen, die evangelische Christen verbinden, sondern ihr Liedgut und ihr gemeinsames Singen. Das, was für die katholische Tradition die Patristik ist, ist für die evangelische Identität ihre Kirchenliedtradition. Die Liederdichter der evangelischen Kirche sind ihre „Väter“ und „Kirchenlehrer“.
Also Freunde, plappert nicht einfach nach, dass es bei den Katholiken so sehr viel sinnlicher zugehe im Gottesdienst. Das stimmt einfach nicht. Gesang und Musik ist dort oft unterentwickelt. Aber egal, was auf eurer Lohnsteuerkarte bei Konfession eingetragen ist: Singt mal wieder! Hier ist die Liste der Kernlieder der badischen und württembergischen Landeskirchen aus dem Evangelischen Gesangbuch:
All Morgen ist ganz frisch und neu 440
Ausgang und Eingang (Kanon) 175
Befiehl du deine Wege 361
Christ ist erstanden 99
Der Mond ist aufgegangen 482
Ein feste Burg ist unser Gott 362
Geh aus, mein Herz, und suche Freud 503
Gelobt sei Gott im höchsten Thron 103
Gott gab uns Atem, damit wir leben 432
Gott liebt diese Welt 409
Großer Gott, wir loben dich 331
Herr, bleibe bei uns (Kanon) 483
Ich bin getauft auf deinen Namen 200
Ich lobe meinen Gott 272
Ich singe dir mit Herz und Mund 324
Jesu, geh voran 391
Jesus Christus herrscht als König 123
Komm, Herr, segne uns 170
Komm, sag es allen weiter 225
Korn, das in die Erde 98
Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren 316/317
Lobet den Herren, alle, die ihn ehren 447
Macht hoch die Tür 1
Meinem Gott gehört die Welt 408
Nun danket alle Gott 321
O du fröhliche 44
O Haupt voll Blut und Wunden 85
O komm, du Geist der Wahrheit 136
Vom Aufgang der Sonne (Kanon) 456
Vom Himmel hoch, da komm ich her 24
Von guten Mächten (in Württemberg auch 541) 65
Weißt du, wie viel Sternlein stehen 511
Wir haben Gottes Spuren festgestellt [Ausgabe] Württemberg: 656, [Ausgabe] Baden: 665
Es werden derzeit ja einige Gedenktage begangen, die wegen der Fastenzeit und der Karwoche verschoben wurden. So wurde gestern, am Montag, der Verkündigung gedacht. Da kramte ich doch gleich mal ein Volkslied aus dem 16. Jahrhundert heraus, das mir im Advent schon gefallen hat:
Ich weiss nicht, wie das so ankommt, ein Stück aus dem gregorianischen Repertoire mit nur einer Stimme und dann in so einem trockenen Raum. Und für mich war das ja auch komisch, zuerst so ein volkstümliches Lied aufzunehmen und dann diese artifizielle Musik …
Nun denn, überhaupt sei hiermit also darauf aufmerksam gemacht, dass man jetzt das neue kellion auch hören kann: