notiz vom oktober 2009: „keine bestimmung, kein plan, keine wiederkehr, keine strafe, nur ledigkeit, durchlässig.“
notiz von gestern: „niemand ist schuld, weder die eltern, noch die anderen, noch gott, noch das schicksal. wir sind im frieden, denn dass die dinge so sind wie sie sind, war niemandes absicht, weder das, was wir gut nennen, noch das, was wir schlecht nennen. wir schulden niemandem dank, aber auch verdient keiner unseren tadel. dieses auszuhalten ist die grosse versöhnung.“
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Ich frage mich, woher ich das weiss. Habe ich das irgendwo gelesen? Hat es mir jemand gesagt? Oder erweisen sich diese Notizen einfach nur als pragmatische Ansichten, mit der ein gewisser Grad von Ataraxie erreicht wird, eine Nouvelle Ledigkeit? Mich würde interessieren, wo ich das einordnen könnte, in welche Tradition ich mich damit einreihe.
Es gibt das Gedankenexperiment, sich die Unwahrscheinlichkeit vorzustellen, dass man existiert. Seit dem Aufkommen lebendiger Organismen haben alle meine Vorfahren überlegt, so recht und schlecht jedenfalls bis sie ihr Erbgut weitergeben konnten – bis zu mir. Wie weit man doch zurück reicht! Ebenso wie meine Eltern sich selbst in mir wiedererkennen können, tun dies auch meine Grosseltern und die Eltern meiner Grosseltern. Und auch sie alle sind wiederum ins Leben gekommen aus einer Anzahl von günstigen oder widrigen Umständen. Ich bin eine Unwiederholbarkeit.
Aber bei mir endet die Linie auch, denn ich werde keine Nachfahren zeugen. Ich stehe am anderen Ende des Urknalls. Kinderlos hoffe ich in den Zustand einzugehen, der da war, bevor das Drama des Lebens sich entrollte.
Hätte, hätte, hätte. Ich hätte früher schon mal über „beziehungsweise LEBEN“ bloggen können, wozu ich ein Kapitel beigesteuert habe. Überhaupt hätte ich mal regelmässiger bloggen können. Egal. Ich erinnere mich, dass ich, als die Belegexemplare vor zwei Wochen ankamen, vom Mit-Autor zum Leser wurde. Das Kapitel von Martin Gommel über spirituellen Rhythmus zum Beispiel – da habe ich frühere eigene Erfahrungen stark wiedergefunden. Dazu bräuchte ich mal Zeit (hätte, hätte, hätte), um was dazu zu sagen.
Was mich besonders aufhorchen liess, war Walters Kapitel „Spiritualität und Volkskirche: Überlegungen zu geistlichen Kernen in evangelischen Volkskirchen“. Allerdings ist vor allem seine Einleitung oder seine Frage impulsgebend. In meinen Worten wiedergegeben: Seit ihrem Aufkommen seien Asketen, Einsiedlerinnen und Mönche die spirituellen Vorbilder für das Volk der Kirche gewesen. (Ich würde sagen: Für die katholische und orthodoxe Christenheit trifft das gewiss immer noch zu.) Für die evangelische Herde sei jedoch das Pfarrhaus an die Stelle des Klosters getreten. Walters Frage daran anschliessend ist: Wer vertritt heute die Funktion des spirituellen Vorbilds und die Funktion, erneuernde Impulse in die Kirche zu geben?
Es gibt darauf vorerst keine Antwort. Was ich allerdings schon sagen kann, ist dass diese Frage nur durch eine konkrete Lebensform beantwortet werden kann. Die Antwort gibt es nur als eine Vielzahl von Experimenten, die gelingen oder auch nicht.
Dass die Klöster und Orden bis heute – so sehr sie auch von innen her verfallen – mit ihrer spirituellen Kultur Impulse zu geben vermögen, liegt nicht zuletzt daran, dass es sich um konkrete Menschen handelt, die – wenn sie auch menschlich scheitern – das Experiment wagen. Das ist viel mehr Wert, als eine reine Phantasie von einer Urgemeinde zu haben. Das wäre eine blosse Träumerei und nazarenische Kunst-Romantisierung. Ich frage also noch einmal, und nun sollte das „wer“ deutlich herausgehört werden: Wer vertritt heute die Funktion des spirituellen Vorbilds und die Funktion, erneuernde Impulse in die Kirche zu geben? Der Blogger-Theologe, der bei Starbucks sitzt vielleicht?
version1
der tathagata, der jesus sagen hörte: „klopft an die tür und es wird euch aufgetan.“, erwiderte ihm: „welche tür?“
version 2
ich hörte den lehrer sagen: „klopft an und es wird euch aufgetan.“ daraufhin schlug ich ihn windelweich und ging um die tür herum.
kommentar
das mit dem anklopfen beschäftigt mich ja irgendwie schon. mit den beiden obigen szenen wollte ich nur zum ausdruck bringen, wie „wahnhaft“ und „in den wind“ unser streben ist, etwas zu sein, zu einer gruppe zu gehören, etwas darzustellen, etwas zu erreichen, glück zu finden etc. und dann ist da eine tür, von der wir denken, wir könnten nur zufrieden mit unseren leben sein, wenn genau sie sich öffnet. bei kafka ist sie schon immer offen gewesen. und mit dem mann, der vor der tür wartet, verharren wir in der verbitterten ansicht, die tür sei geschlossen. was ist diese tür wirklich? der tathagata hätte gewiss behauptet, da sei gar keine tür (version 1). und die unbekümmertheit in version 2 will diese tür einfach lächerlich machen und alles, was diese tür für uns symbolisiert.
version 3
nachdem ich drei jahre vergeblich an die tür geklopft hatte, gab ich auf. da hörte ich es klopfen. und als ich aufmachte, liess ich mich selbst ein.
zu allen, die ihm zuhörten, sagte er: „zum beten gehört auch das nicht-beten.“ als er allein mit seinen engsten freunden war, ergänzte er: „zum beten gehört auch das fluchen.“ (logion 4)
in der reihe der selbsterfundenen jesusworte gibt es bereits:
zu denen, die auf der spirituellen suche sind, sagte er: „wer da bittet, verliert seine selbständigkeit, und wer sucht, verpasst das ‘das-was-ist’, und wer da anklopft, für den wäre es besser, er würde gar nicht erst rein gelassen.“ (logion 3)
in der reihe der selbsterfundenen jesusworte gibt es bereits:
zu denen, die ihm nachfolgten, sagte charlie braun: „scheitern müsst ihr schon noch selber.“
der wortlaut dieses logion wird in der sammlung der selbsterfundenen jesusworte als logion 3 wiedergegeben. allerdings gibt es dort eine weitere variante in einer anderen handschrift, die nach textkritischer überzeugung der ursprüngliche text gewesen sein muss: „zu denen, die ihm nachfolgten sagte er: p i s s e n müsst ihr schon noch selber.“
Mit der Religion aller Verlierer aufgewachsen, beherrschen wir nichts so gut wie Fragment zu sein und unfertig und uns mit unserer Durchschnittlichkeit zufrieden zu geben. Der römische Sakro-Imperialismus repräsentiert das leider schlecht, aber es gibt zwei Filme, die uns das Evangelium des Scheiterns verkünden: „Little Miss Sunshine“ (2006, Regie: Jonathan Dayton und Valerie Faris) und „Reine Geschmacksache“ (2007, Regie: Ingo Rasper).
In „Little Miss Sunshine“ bricht eine Familie mit einem schrottig alten VW-Bus auf, um die jüngste Tochter zu einem Talentwettbewerb zu begleiten. Mit dabei ist der ältere Bruder, der seine Nase kaum aus der Nietzsche-Lektüre kriegt und „alle hasst“. Ausserdem der drogensüchtige Opa und der Homo-Onkel, der gerade einen Selbstmordversuch hinter sich hat. Und dann ist da auch noch der Vater, der sich als Motivationstrainer am offenkundigsten dem Diktat des Erfolgs verschrieben hat: „Bist du ein Gewinner oder ein Verlierer?“ – Scheitern ist hier herzzerreissend schrecklich und gleichzeitig sympathisch, wenn man sich nur auf die Bühne traut.
„Reine Geschmacksache“ zeigt uns Wolfgang Zenker, Handelsvertreter für Damenoberbekleidung. Beruflich auf dem absteigenden Ast versucht er den Schein des Erfolgs zu wahren bis er sich selbst und seine Umgebung – sein Konkurrent in der Firma, sein Sohn, der sich in eben diesen Kollegen verliebt, und seine Frau, die nicht ahnt, dass man pleite ist – in die Katastrophe zieht. Man schmunzelt und grinst die ganze Zeit über diesen Loser und freut sich diebisch, wenn alles endlich zusammenkracht – und denkt sich: Wär ja eigentlich auch nicht schlecht, wenn in meinem Leben mal alles, wirklich alles mal zusammenbrechen würde. Scheitern – let’s do it!
In dem Film „Billy Elliot“ wird der elfjährige aus dem Arbeitermillieu stammene Billy bei einem Ballettvortanzen gefragt, was das für ein Gefühl sei, wenn er tanze. Bestimmte Sätze aus seiner stammelnd suchenden Rede liessen mich aufhorchen. Als wären sie ebenso Stichworte zur Meditation, zur Übung „in die Gegenwart zu kommen“. Besonders trifft mich die Aussage „Irgendwie verschwinde ich“.
„Keine Ahnung. – Ein ganz gutes Gefühl. – Es ist alles steif und so, aber wenn ich einmal loslege, … dann … dann vergess ich alles, und … irgendwie verschwinde ich. – Irgendwie verschwinde ich. Als würde sich mein ganzer Körper verändern. Als wär Feuer in meinem Körper. Ich bin einfach da … und fliege … wie ein Vogel. Wie Elektrizität. … Ja – wie Elektrizität.“ (Billy Elliot)
Dabei scheint mir ganz klar zu werden, dass „verschwinden“ und „ganz dabei sein“ wie zwei Flügel sind, mit denen man bei jeglicher wichtigen Tätigkeit sich fortbewegt. Und beim Flügelschlag berührt sich beides. Vielleicht würde jemand anderes sagen, „verschwinden“ und „ganz dabei sein“ sei gar dasselbe.