notiz vom oktober 2009: „keine bestimmung, kein plan, keine wiederkehr, keine strafe, nur ledigkeit, durchlässig.“
notiz von gestern: „niemand ist schuld, weder die eltern, noch die anderen, noch gott, noch das schicksal. wir sind im frieden, denn dass die dinge so sind wie sie sind, war niemandes absicht, weder das, was wir gut nennen, noch das, was wir schlecht nennen. wir schulden niemandem dank, aber auch verdient keiner unseren tadel. dieses auszuhalten ist die grosse versöhnung.“
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Ich frage mich, woher ich das weiss. Habe ich das irgendwo gelesen? Hat es mir jemand gesagt? Oder erweisen sich diese Notizen einfach nur als pragmatische Ansichten, mit der ein gewisser Grad von Ataraxie erreicht wird, eine Nouvelle Ledigkeit? Mich würde interessieren, wo ich das einordnen könnte, in welche Tradition ich mich damit einreihe.
Höre gerade sehr viel die Platte „Dowland: In Darkness Let Me Dwell“. Durch die „unhistorische“ Besetzung mit Sopransaxophon (auch mal Bassklarinette) und Kontrabass neben der Laute wirkt es einfach viel kräftiger als andere „historisch informierte“ Interpretation. Das so bekannte „Come again“ kann wieder sehr viel Spass machen.
version1
der tathagata, der jesus sagen hörte: „klopft an die tür und es wird euch aufgetan.“, erwiderte ihm: „welche tür?“
version 2
ich hörte den lehrer sagen: „klopft an und es wird euch aufgetan.“ daraufhin schlug ich ihn windelweich und ging um die tür herum.
kommentar
das mit dem anklopfen beschäftigt mich ja irgendwie schon. mit den beiden obigen szenen wollte ich nur zum ausdruck bringen, wie „wahnhaft“ und „in den wind“ unser streben ist, etwas zu sein, zu einer gruppe zu gehören, etwas darzustellen, etwas zu erreichen, glück zu finden etc. und dann ist da eine tür, von der wir denken, wir könnten nur zufrieden mit unseren leben sein, wenn genau sie sich öffnet. bei kafka ist sie schon immer offen gewesen. und mit dem mann, der vor der tür wartet, verharren wir in der verbitterten ansicht, die tür sei geschlossen. was ist diese tür wirklich? der tathagata hätte gewiss behauptet, da sei gar keine tür (version 1). und die unbekümmertheit in version 2 will diese tür einfach lächerlich machen und alles, was diese tür für uns symbolisiert.
version 3
nachdem ich drei jahre vergeblich an die tür geklopft hatte, gab ich auf. da hörte ich es klopfen. und als ich aufmachte, liess ich mich selbst ein.
zu denen, die auf der spirituellen suche sind, sagte er: „wer da bittet, verliert seine selbständigkeit, und wer sucht, verpasst das ‘das-was-ist’, und wer da anklopft, für den wäre es besser, er würde gar nicht erst rein gelassen.“ (logion 3)
in der reihe der selbsterfundenen jesusworte gibt es bereits:
zu denen, die ihm nachfolgten, sagte charlie braun: „scheitern müsst ihr schon noch selber.“
der wortlaut dieses logion wird in der sammlung der selbsterfundenen jesusworte als logion 3 wiedergegeben. allerdings gibt es dort eine weitere variante in einer anderen handschrift, die nach textkritischer überzeugung der ursprüngliche text gewesen sein muss: „zu denen, die ihm nachfolgten sagte er: p i s s e n müsst ihr schon noch selber.“
Mit der Religion aller Verlierer aufgewachsen, beherrschen wir nichts so gut wie Fragment zu sein und unfertig und uns mit unserer Durchschnittlichkeit zufrieden zu geben. Der römische Sakro-Imperialismus repräsentiert das leider schlecht, aber es gibt zwei Filme, die uns das Evangelium des Scheiterns verkünden: „Little Miss Sunshine“ (2006, Regie: Jonathan Dayton und Valerie Faris) und „Reine Geschmacksache“ (2007, Regie: Ingo Rasper).
In „Little Miss Sunshine“ bricht eine Familie mit einem schrottig alten VW-Bus auf, um die jüngste Tochter zu einem Talentwettbewerb zu begleiten. Mit dabei ist der ältere Bruder, der seine Nase kaum aus der Nietzsche-Lektüre kriegt und „alle hasst“. Ausserdem der drogensüchtige Opa und der Homo-Onkel, der gerade einen Selbstmordversuch hinter sich hat. Und dann ist da auch noch der Vater, der sich als Motivationstrainer am offenkundigsten dem Diktat des Erfolgs verschrieben hat: „Bist du ein Gewinner oder ein Verlierer?“ – Scheitern ist hier herzzerreissend schrecklich und gleichzeitig sympathisch, wenn man sich nur auf die Bühne traut.
„Reine Geschmacksache“ zeigt uns Wolfgang Zenker, Handelsvertreter für Damenoberbekleidung. Beruflich auf dem absteigenden Ast versucht er den Schein des Erfolgs zu wahren bis er sich selbst und seine Umgebung – sein Konkurrent in der Firma, sein Sohn, der sich in eben diesen Kollegen verliebt, und seine Frau, die nicht ahnt, dass man pleite ist – in die Katastrophe zieht. Man schmunzelt und grinst die ganze Zeit über diesen Loser und freut sich diebisch, wenn alles endlich zusammenkracht – und denkt sich: Wär ja eigentlich auch nicht schlecht, wenn in meinem Leben mal alles, wirklich alles mal zusammenbrechen würde. Scheitern – let’s do it!
„Wie heißt das noch mal, wenn das Noviziat vorbei ist und man, äh, weiterkommt?“
„Triennalprofess.“
„Und danach?“
„Ewige Profess.“
„Und dann?“
„Ähm, … der Tod? Aber das kriegen wir alle anderen auch.“
Ja, der Tod ist unsere letzte Weihe. Im Grunde genommen sind wir schon seit unserem ersten Atemzug zu dieser letzten Weihe berufen. Die Klarheit dieser Berufung ist unübertrefflich.
Manchmal ist es so, als hätten Gottes Füße den Staub dieser Erde nie berührt. Denn würde er das alles hier kenne, müsste er das Projekt „Leben“ widerrufen. Stattdessen hält er an der Idee „Erde“ fest, als hätte er nie Gewalt und Folter und Tod erlitten. Nein, er wird gekreuzigt und behauptet steif und fest: Am Ende wird alles gut. Klar, dass am Ende alles gut wird, denn nach dem Ende kommt ja nichts mehr. Und dann – wenn dann nichts mehr ist – mag auch alles gut werden. Aber dann wäre es ja sowieso egal. Eigentlich möchten wir doch, dass es j e t z t gut ist.
Ich habe auch schon ein paar Reaktionen erhalten. So fragte Walter in einem Kommentar unten, ob die Selbstbezeichnung „Exilant“ nicht auch positiven Klang bekommen könnte. Von einer anderen Freundin (die übrigens ganz schnodderig von „uns Rausgeflogenen“ sprach, einerseits auf die Selbstbezeichnung „Exilant“ bezugnehmend, andererseits auf das Risiko mit dem Fahrrad aus der Kurve rauszufliegen) unterstrich den Sicherheitsfaktor eines geregelten (monastischen) Lebens, mit dem eine Entmündigung einhergehe. Inzwischen aus dem monastischen System ausgestiegen, erlebe sie aber im „normalen“ Leben einen anderen Zwang, nämlich den Zwang zur Dauer-Kommunikation. In diesem Spiel gehe es darum, sich immer mal wieder „zu melden“. Geschieht das nicht, verliert man den Anschluss und wird erneut zum Rausgeschmissenen. Einmal rausgeflogen, immer wieder rausfliegen? Niemals Zugehörigkeit?
Übrigens liesse sich hier ein weiteres Gegensatzpaar fassen:
Kommunikation vs. Stille
Ja, tatsächlich! In diesem Leben – „extra claustrum“, ausserhalb der Klostermauern – müssen wir kommunizieren! Und das geht manchmal bis ins Extreme, okay. Und dabei fällt auch mal Banales und Unnötiges bei ab, na gut. Aber immerhin tun wir unser Bestes und es gibt damit eine Chance der Verständigung.
[1] Ein kleines Treffen der „Initiative Nord“ von Emergent Deutschland in Bremen letzte Woche öffnete mir die Augen dafür, was für eine spezielle Spiritualität von mir und auch im Haus teilweise gelebt wurde und wird. Von einem Text von Madeleine Delbrêl ausgehend, der üblicherweise mit „Fahrradspiritualität“ überschrieben wird, versuchte ich monastische Spiritualität und Exil-Spiritualität (so nenne ich mal unsere Spiritualität) in vier Gegensatzpaaren zu sizzieren. Was ich aber durch den anschliessenden Austausch erst so richtig kapierte war, dass die „Exil-Spiritualität“ nicht vergleichbar ist mit einer herkömmlichen „Gemeinde-Frömmigkeit“.
Im Bereich Meditation und Kontemplation begegnet man immer wieder Menschen, die „mehr“ suchen, mehr als was sie in ihrer Gemeinde oder Pfarrei finden können. Wenn sie katholisch sein sollten und noch nicht gebunden, würden solche Menschen vielleicht überlegen, ob sie vielleicht zum Ordensleben berufen sind. Evangelische Christen werden da eher heimatlose Nomaden bleiben, weil sie keinen schon fertigen Weg gehen können. Wieviele Menschen mit diesem Zug zum „Mehr“ werden Heimat überhaupt finden? Oder wird es eine Aufgabe für sie sein, als Exilanten mit den anderen Menschen in ihrer Umgebung zu leben?
[2] Ich habe lange keine Notizen zur Lektüre der „Wolke des Nichtwissens“ mehr veröffentlicht. Heute schrieb ich aber wieder was: es geht gar nicht um ‘gott’“
[3] Facebook sagt mir, ich sei nicht zum Ordensleben berufen:
Hätte ich den Test doch vor fünf Jahren schon gemacht!