gathas (1), (2)

eine neue fassung zweier älterer einträge:

(1)

eine gatha ist in der buddhistischen tradition ein kurzer spruch, der einer handlung vorausgeht und deine aufmerksamkeit zu dem geschehen ruft, das sich gleich ereignen soll. zum beispiel bevor man den telephonhörer abnimmt:

    Worte können Tausende von Kilometern reisen.
    Mögen meine Worte gegenseitiges Verständnis und Liebe bewirken.
    Mögen sie so schön sein wie Juwelen,
    so wundervoll wie Blumen.

    [Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 94]

mir fiel auf, dass ich selbst so etwas kenne. in der zeit als ich noch orgel gespielt habe, sagte ich auch eine „gatha“, bevor ich den orgelmotor anschaltete. ich sagte nämlich:

    der wind weht, wo er will.
    du hörst sein brausen,
    weisst aber nicht, woher er kommt und wohin er geht.

    [joh 3]

und dann drückte ich auf den einschaltknopf und hörte die luftbewegung vom orgelmotor. und dann fing ich an zu üben. oder ich sagte immer folgenden vers, wenn ich in eine kirche eintrat:

    in deinem zelt möchte ich gast sein auf ewig,
    mich bergen im schutz deiner flügel.

    [aus psalm 61]

oder mir fällt auch ein, dass wir in der sakristei ein büchlein haben, wo schriftsprüche drin stehen, die man beim anlegen der liturgischen gewänder sagt: beim schultertuch, bei der albe, beim zingulum, bei der stola. oder dann gibt es auch den vers „herr, öffne meine lippen – damit mein mund dein lob verkünde.“, mit dem die hausgemeinschaft ihr psalmengebet am morgen immer begonnen hat. das sind sozusagen christliche gathas.

eine eher allgemein gehaltene christliche gatha wäre wohl der satz „im namen des vaters und des sohnes und des heiligen geistes.“ aber dieser „spruch“ spricht nicht konkret an, zu was für einem ereignis unsere aufmerksamkeit aufgerufen wird. und das scheint mir die absicht von gathas zu sein: einen wach zu machen für das, was man eigentlich gerade tut, um ganz bei dieser einen sache zu sein, die gerade geschieht.

eine auswahl von gathas von thich nhat hanh bei riversangha.org.

(2)

eine gatha möchte einem dabei helfen, die frage zu beantworten: „was tue ich eigentlich gerade?“

und da es handlungen gibt, die sich jeden tag wiederholen, können sie als erinnerungspunkte benutzt werden, um zu üben, dinge achtsam und aufmerksam zu tun. dafür könnte man sich auch mal eigene verse ausdenken und an ihnen herumfeilen. die idee des selberausdenkens ist auch bei naturewriting.com zu finden. hier ein entwurf für das ankommen in einer kirche oder kapelle und wenn man dann sitzt:

    bevor ich angekommen bin,
    ist mein körper schon da.
    selbstverständlich in der gegenwart
    ist er schon gebet.
    ich muss ihn nur noch bewohnen.

oder auch: manche menschen vergessen, wenn sie die treppen zur krypta herunter gehen, dass sie sich einem raum der stille nähern. schon der weg dorthin ist eine einladung zum schweigen und zur nicht-eile. die könnten vielleicht folgendes gebet bei jeder stufe sprechen:

    wo ich meinen fuss hinsetze,
    begegne ich dir.
    wohin sollte ich noch laufen?

Ein Kommentar

  1. Pingback: thich merton « ein neues kellion

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