eines der acht laster nebst fünf gewissheiten

in der sogenannten acht-laster-lehre, die evagrius in seiner schrift praktikos darstellt, ist auch die traurigkeit mit dabei. sie entsteht dadurch, dass wir nicht das bekommen, was wir uns wünschen, oder wenn wir uns unerreichbares wünschen. (kapitel 10) das gegenmittel zur traurigkeit ist, uns von dingen zurück zu ziehen, an denen wir hängen. (kapitel 19)

ich finde das bemerkenswert, denn wir neigen wohl eher dazu, gegen traurigkeit so vorzugehen, dass wir auf irgendeine weise versuchen, dieses gefühl zu zerstreuen. – aber es wird einem mehr helfen, bei diesem gefühl zu bleiben und es zu durchschauen: „aha – ja, dieses gefühl von traurigkeit [oder ist so etwas wie melancholie gemeint?] kommt daher, dass ich nicht bekommen habe, was ich mir wünschte.“

gleichzeitig meine ich, dass es eine gute gelegenheit dazu ist, zu verstehen und zu durchschauen, dass wenige dinge von dauer sind. in buddhistischer tradition gibt es fünf „betrachtungen“, die man täglich rezitieren und erwägen soll. in der formulierung von thich nhat hanh lauten sie so:

Die fünf Gewissheiten

  1. Es ist der natürliche Verlauf, dass ich alt werde. Es gibt keinen Weg, dem Altern zu entgehen.
  2. Es ist der natürliche Verlauf, dass ich Krankheiten bekommen werde. Es gibt keinen Weg, dem Krankwerden zu entgehen.
  3. Es ist der natürliche Verlauf, dass ich sterben werde. Es gibt keinen Weg, dem Tod zu entgehen.
  4. Es ist der natürliche Verlauf, dass alles, woran ich hänge, und alle, die mir lieb sind, sich verändern. Es gibt keinen Weg, dem Getrenntwerden von ihnen zu entgehen.
  5. Meine Taten sind mein einzig wirkliches Erbe. Den Folgen meiner Taten kann ich nicht entgehen. Meine Taten sind der Boden, auf dem ich stehe.
    [quelle: intersein-zentrum.de]

diese „betrachtungen“ täglich zu rezitieren und sich dieser tatsachen bewusst zu werden, könnte eine praktische umsetzung des gegenmittels zur traurigkeit sein. (wenn sie einen angst machen oder depressiv sollte man das eher unterlassen.)

weitere formulierungen der „fünf gewissheiten“ auf englisch bei dharmastudy.org.

2 Kommentare

  1. Christian Holst

    Luther hast du mittlerweile offenbar weit hinter dir gelassen. ;-) Ich würde zwar zustimmen, dass man sich diesen Gewissheiten täglich stellen muss, aber werden sie dadurch ein geeignetes Mittel gegen Traurigkeit? Ich denke eher, durch das ständige Vergegenwärtigen dieser Gewissheiten »vergleichmäßigt« sich die Traurigkeit und wird zu einer feinen, alltäglichen Melancholie, die einem aber sicher nicht die Lebensfreude verderben muss, sondern einen vielleicht sogar viel mehr den Wert des Augenblicks erleben lässt.

  2. beisasse

    wer ist luther jetzt noch mal? hatte ich mal was mit dem?

    ich denke auch, dass der rat von evagrius eher eine prophylaxe gegen traurigkeit ist. wenn sie da ist, hilft es nicht mehr so viel. aber die analyse ist, denke ich, richtig: traurigkeit entsteht durch entzug von etwas, was wir als angenehm oder erstrebenswert bewerten.

    die traurigkeit geht also nicht weg. auch wenn man sie durchschaut, geht sie nicht weg. aber man lernt etwas durch diese einsichtnahme. mehr ist das nicht.

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