boring church

ausgehend von meiner schon einmal geäusserten frustration über die angebots-kirche (die von inge im kommentar verlinkten tierchen sind herrlich!), hat meine launenhaftigkeit am letzten wochenende das konzept der boring church entwickelt. boring church heisst: weg von der angebots-kirche, von der sensations-kirche, hin zu dem, was kirche – gähn – schon immer gemacht hat. (was das ist, wisst ihr selbst.) endlich sich von dem druck entledigen, dass man irgendetwas anbieten muss, damit xyz. zum beispiel, damit wildfremde leute kommen.

dazu fiel mir heute wieder ein, wie christian am sonntag aus dem evangelium vorgelesen hat und dabei dieser satz fiel:

„es ist öde hier.“
(markus 6,35)

wenn nun die vertreter der boring church ein fesches siegel haben wollten, dann müsste dieser satz auf latein (natürlich!) am rand des stempels prangen, oder? (wozu ein siegel? andrea schlug vor: damit man gemeinden, liturgien, lieder, aktionen etc. mit dem gütesiegel der boring church auszeichnen kann. ist doch klar! „es ist öde hier!“)

aber im ernst: niemals werden wir der konkurrenz der unterhaltungs-medien standhalten können. unser eigenes werden wir nur durch die schaffung eines wohltuenden raumes von nicht-unterhaltung profilieren können. es wird geredet und gelabert und durch den kakao gezogen in comedy, daily soap, talk- und reality-show. und in diese wort-übersättigung hinein wollen wir dann auch noch den logos quetschen? nein, auffallen können wir nur noch durch eine kultur der neuen askese. hier gibt’s nichts zu gucken! geht bitte woanders hin!

böswillige werden nun sicherlich von der ersten loge her fragen, ob denn leere kirchenbänke wohl auch zu dieser kultur der neuen askese gehören. yep. tragfähige spiritualität kann man nicht am drive-in abholen. sie wird erst im alltäglichen trainiert und gewinnt dadurch ihre kraft. und das halten eben nicht viele durch. das ist einfach zu langweilig.

in der boring church gibt es nur sowas wie eucharistiefeier, kirchenkaffee, gut gemeintes nachbarschafts-engagement, eine jugendarbeit, die gerade noch so klappt, und so was in der art, ihr versteht schon. dazu gehört eine portion mut, findet ihr nicht?

geschrieben von: Veröffentlicht unter kirche

11 Kommentare

  1. wessnet

    Da ist ein kleiner Widerspruch drin – mit Askese auffallen wäre ja schon wieder auf Andere gerichtet.

    Künstliche Verknappung wäre auch mal ne lustige Idee, so nach dem Motto: Immer ein Stuhl weniger als Leute kommen…

    Mein Ideal ist eine Gemeinde, wo jeder das tut und auch tun darf, was sein ihm konkret eingeflüsterter Auftrag ist, und das kann bekanntlich so manches sein. Vielleicht mal sieben Jahre Gebet – oder sieben Jahre eine alte Frau besuchen. Wenn das genau so läuft, ist das gewiß weder für mich noch für Besucher boring.

    Unabhängig davon pflichte ich Dir bei, dass wir eine neue Kultur der Kontemplation brauchen, die auch offen praktiziert wird. Hast Du selbst eigentlich viel Zeit für selbige?

  2. holstblog.de

    Wobei ja in meinem, von dir dankenswerter Weise verlinkten, Beitrag gesagt wird, dass in den Reality Shows auch eine Wendung hin zum Unspektakulären stattfindet. Familie sucht Opa usw. Spaßeshalber habe ich mal bei Wikipedia „Kirchenmarketing“ eingegeben und dort gibt es ja tatsächlich einen Artikel dazu!! Und jede Menge Fachliteratur. Wahrscheinlich dauert es nicht mehr lange, bis es an irgendeiner theologischen Hochschule oder Fakultät den ersten Aufbaustudiengang Kirchenmarketing gibt.

    Nichtsdestotrotz finde ich dein Konzept vollkommen überzeugend. Je lauter marketingmäßig gebrüllt wird, umso mehr stumpft die Wahrnehmung ab und es muss noch lauter gebrüllt werden, damit beim Adressaten was passiert. Aus der Stille (oder auch Langeweile, d.h. Abwesenheit von äußeren Reizen) heraus hingegen kann man jede feinste Nuance wahrnehmen. Es gibt dafür auch irgendeinen Begriff, das Meyersche Gesetz oder sowas in der Art, aber das fällt mir leider grad nicht mehr ein.

  3. beisasse

    thorsten: stimmt, ich finde auch, dass man tun sollte, was einem liegt. hauptsache, wir sind für uns selbst überzeugt, dass es für uns wichtig ist. – was sitzen-üben (mit „kontemplation“ würde ich meinen mund zu voll nehmen) angeht, so erkämpfe ich mir langsam wieder meine zeiten. und die beträgt derzeit seit der diagnose „überarbeitung“ 15 minuten am morgen. wir erinnern uns: bei jalics steht an erster stelle: schlaf.

    christian: ganz genau! wenn man die frequenz der reize runter stellt, werden „kleine ereignisse“ zu warhnehmungs-festen. – aber man muss sich das trauen.

  4. wessnet

    Das ist ehrlich…

    Ich war ein öfter mal in Taize, interessant, dass man dort auch mal zwei Stunden auf dem Höckerchen „sitzkniet“, ohne, dass es boring wird.

    Taize ist eigentlich schon „boring church“, oder? Nix außer gemeinsam singen, beten, arbeiten, keine „organisierte Arbeit, wer kommt, der kommt.

    Das ist mir auf Dauer aber ne Spur zu wenig Verkündigung, aber eine gute Anleitung zur Stille.

  5. beisasse

    ja, tz ist ein gutes beispiel für „‚boring‘ church“ (toll, so viele anführungszeichen zu verwenden.) – ja, wenn man wach sitzen üben will, geht das nur, wenn man einigermassen ausgeschlafen ist. schlafen ist sozusagen die andere / erste hälfte der kontemplations-„arbeit“ :-)

  6. Pingback: kontemplatives gebet > das drumherum « ein neues kellion
  7. Phil

    Darf in der boring church denn Latein gebetet werden?
    Gregorianische Choräle gesungen werden?
    Die außergewöhnliche Form des römischen Ritus als Angebot neben der gewöhnlichen Form gefeiert werden?
    Dürfen die Predigten einen Menschen aufrütteln und ihm zeigen, wohin der Weg zu Gott geht?
    Darf ein Kirchengebäude der boring church Bilder enthalten?
    Darf Orgelmusik gespielt werden?

    Bitte nicht falsch verstehen, aber im augenblick kommt es mir an zu vielen Stellen vor, daß die Argumentation vieler Wohlmeinender christen sich in den Schwanz beißt. Man will zum Wesentlichen, zur anbetung Gottes – und diskutiert über abstrakte Kunst.

    Man will keinen Event-katholizismus, freut sich aber wie Bolle und postet wild bilder von Priestern, die die Messe tridentinisch feiern.

    Events sind an sich keine schlimme sache! Das sollte man nicht vergessen. Und streng genommen: Event-Katholizismus ist das Wesen unseres Glaubens in der Messe, wir vergegenwärtigen das große Event der Geschichte!

  8. beisasse

    herzlich willkommen in meinem bescheidenen kellion, phil. zu deinen sechs ersten fragen: ja, gerne. – die hauptsache ist, dass man es gern macht, und es erlaubt ist, sich von einem gewissen erfolgsdruck zu lösen. – ich denke, wir fahren beide unterschiedliche filme: für mich ist im moment einfach sehr wichtig einmal aussprechen zu dürfen: ich will diesen druck nicht! und du willst vielleicht gerade sagen: es ist gut, sich zu bemühen, vor allem um schönheit. [da der link bei dir schlecht angezeigt wird, hab ich ihn eingearbeitet, hoffe, das ist in deinem sinn.]

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