mit verkehrten ideen von reinheit und sündlosigkeit fertig werden

Meine Schwächen nerven mich. Ja, es gibt (wer hätte das gedacht?) Schatten in mir, die mit Scham verbunden sind. Nun wird man sagen: Aber wir haben doch alle unsere Schwächen. Tja, aber meine Unzulänglichkeiten stören mich trotzdem!

So – und jetzt muss man genau hinschauen und richtig diagnostizieren. Und die Diagnose wäre in diesem Fall Ruhmsucht, wenn man einen Begriff der sogenannten Achtlasterlehre von Evagrius verwenden will. Oder ein übertriebenes Festhalten an einer verkehrten Idee von … Reinheit? Heiligkeit? Weisser Weste? Besser als andere sein wollen? etc.

Und dann kommt in einigen Tagen die Jahreswende. Ein neues noch „unberührtes“ Jahr verführt immer leicht zu dem Vorhaben, „ab jetzt“ alles richtig machen zu wollen. Es ist genau dieses Gefühl, das wir in der Schule hatten, wenn wir ein neues Schulheft anfingen und uns vornahmen, bis zur letzten Seite Ordnung und Klarheit walten zu lassen. Zwei Gedanken:

  1. Ganz realistisch müssen wir einsehen, dass wir vielleicht einige unserer Schwächen bis an unser Lebensende behalten werden. Vielleicht ist das Ziel gar nicht, unsere Unzulänglichkeiten zu bezwingen und unsere Schatten auszumerzen. Sie liessen sich zum Beispiel immer gut dazu benutzen, die Grundbewegung spiritueller Praxis konkret einzuüben: stetige und immer erneute Umkehr.
  2. Wenn wir schon bei einem neuen Jahr verspüren, dass es eine neue Chance gibt: Warum spüren wir das nicht bei jedem neuen Tag? Könnten wir doch verstehen, dass bereits jeder neue Tag uns gegeben ist, um aufzustehen und eben an unseren Unzulänglichkeiten zu wachsen.

So. Aber was ich mir jetzt wirklich mal vornehme, ist mit verkehrten Ideen von Reinheit und Heiligkeit und Sündlosigkeit ein für alle Mal fertig zu werden. Na gut, vielleicht doch nicht „ein für alle Mal“, aber ich möchte es immer wieder versuchen.

5 Kommentare

  1. dermob

    Ich finde diese „Reinheitsgedanken“ auch ein wenig überbewertet. Am Ende kommt man doch nur dahin, sich um sich selbst zu drehen.
    Ich habe für mein Leben entschieden mich nicht um Reinheit zu bemühen, solange Menschen um mich herum an unnötigem Leid und Schmerz leiden. Wie will ich denn am Ende rechtfertigen, dass ich eigentlich nur mit mir beschäftigt war?

  2. inge

    1. den balken im eigenen auge sieht man selbst nicht.
    2. „froehlich sein, gutes tun und die spatzen pfeifen lassen“ (don bosco) – ein gutes neues jahr allen!

  3. vita

    Witzig, der Text trifft genau das, was ich grad in meinem Blog beschrieb (ohne das hier vorher gelesen zu haben). Ich genieße das Gefühl, dass ein neues Jahr beginnt.

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