spiessige identitätsverteidiger

Wenn im Gespräch interkulturelle und interreligiöse Grenzen gestreift werden, ist das Stichwort „Supermarkt“ auch nicht weit. Auch wenn ich selbst die Nase rümpfe, wenn exotische Spiritualitäten billig verkauft werden, so kommt mir die unvermeidliche Warnung vor der Beliebigkeit des „Supermarkts der religiösen Weltanschauungen“ doch wie eine spiessige Angelegenheit vor, die oft nur eine nchgeplapperte Besserwisser-Anmerkung ist.

Inzwischen ahne ich, dass eine Patchwork-Spiritualität eine Praxis und Notwendigkeit ist, die man reflektieren und erlernen muss. In den unendlich scheinenden Möglichkeiten religiöser Sinndeutung und Praxis, ist die Idee einer Reinkultur der Herkunftsreligion eine Illusion und die Selbstbescheidung, bei der eigenen religiösen Kultur bleiben zu wollen, eine unnötige traurige Feigheit. Wer weiss, vielleicht bist du vom Typ her eigentlich jemand, der in der Ästhetik und Praxis des Zen-Buddhismus am ergiebigsten dich mit dem Absoluten verbinden kannst?

Warum sollen wir nicht die religiöse Sprache und Form wählen, die unseren Fähigkeiten und Gaben und Neigungen am besten entspricht? Warum sollten wir mit reiflicher und redlicher Überlegung und nach viel gutem Willen und Kompromissen nicht modifizieren oder hinter uns lassen, was unsere religiöse Entwicklung nicht sonderlich fördert oder gar behindert?

[Für eine eigene Fasson, selig zu werden (1). Eine Notiz nach dem Podium „Zen und Yoga christlich leben?“ auf dem Katholikentag in Osnabrück]

20 Kommentare

  1. wessnet

    Sprache und Form: O.k.. Sonst würden Christen heute Aramäisch, Griechisch oder Hebräisch reden und lesen müssen etc. pp.

    Der Inhalt ist natürlich nicht so einfach mischbar, aber das meinst du eh nicht, oder?

  2. beisasse

    welcher inhalt? – okay, das war jetzt ne zen-antwort. – dein sprach-argument ist sehr anschaulich. aber auch in der theologie als „geisteswissenschaft“ musst du zuerst abendländisch werden. ist das evangelium wirklich komplett in eine andere kultur übersetzbar als die europäische? (es könnte ja sein, dass es evangelium nur jüdisch-hellenistisch-europäisch gibt.)

  3. textomat

    Die Frage ist doch aber kann man Religiöse praktiken aus anderen Religionen einfach herauslösen und mit Christlichen Inhalten Füllen? zum beispiel Zen da wird doch auch von vielen auf Bhuddhistischer Seite gesagt das dies nicht so einfach möglich ist. (stichwort: christliches-zen = vegetarische-fleischspeise)

    Zen Ästhetik sagt mir schon zu. Ebenso fasziniert mich das sufi dhikr, oder die Tanzenden Derwische, aber genausowenig wie man den Sufismus vom Islam trennen kann (was natürlich auch immer wieder versucht wird) kann man denke ich zen vom Bhuddhismus trennen.

    Natürlich haben sich immer schon die verchiedenen Religionen untereinander befruchtet und Inspiriert, und bis zu einem gewissen grad ist das denke ich auch in ordnung.

    Noch eine Frage an dich beisasse. wenn du schreibst „in derPraxis des Zen-Buddhismus am ergiebigsten dich mit dem Absoluten verbinden kannst?“ meinst du dann tatsächlich dass man in Bhuddistischer Praxis näher zu Gott kommt?Oder gilt auch für dich “ ich bin der weg die warheit und das leben….?“

  4. wessnet

    Guter Konter!

    Jetzt muss ich darauf hinweisen, dass sich meine Kenntnisse fernöstlicher Kultur und insbesondere Spiritualität aus Büchern und Filmen (z.B. Kill Bill 2, höhö) ergeben. Nicht gerade eine solide Basis, um ernsthaft mitreden zu können. Ich bin aber waghalsig und versuche es trotzdem:

    Asiatische Religionen werden wohl öfter dem Schüler vom Meister vermittelt. Jesus lebte in Asien, war ein Rabbi und hatte Schüler. Von daher verbiegt vielleicht manchmal eher die westliche Theologie die Lehre des (vorder)asiatischen Rabbi…

    Jesus ist auferstanden und lebt somit noch heute, was den fantastischen Vorteil hat, dass jetzt jeder „Jünger“, also Schüler, werden kann, auch wenn er nicht in Israel lebt, dank dem weltweiten Provider, dem Hl. Geist.

    Der Inhalt ist eben dieses Verhältnis zum Meister. Das ist doch universal kompatibel, oder? Ob ich dem Meister schweigend auf einer Gebetsbank begegne oder mit vielen Worten laut mit anderen bei rotem Tee, ist dagegen wurscht und sollte nach Belieben und persönlichem Kontakterfolg praktiziert werden.

    Was meinst du?

  5. inge

    teilen, blinde sehend machen, einander gutes tun – das sind doch auch formen von (christlicher) frömmigkeit. hier sind form und inhalt identisch.

  6. textomat

    Interessant ist in dem Zusammehang vielleicht auch die Geschichte der Nestorianischen Kirche, die bis nach China und Indien wenn nicht noch weiter nach osten verbreitet war…..

  7. wessnet

    @Inge: Teilen, heilen, Gutes tun sind allerdings keine spezifisch christlichen Tugenden, sondern eher der „kleinste gemeinsame Nenner“ der Religionen . wenn man mal von ein paar krassen Ausnahmen absieht, die das Morden und Brandschatzen vorziehen…

  8. wessnet

    …wir kommen aber a bisserl vom Thema ab: Beisasse, verehrter Meister des fernöstlichen Christentums, lass uns teilhaben an deinen Erfahrungen der bunten Vermengung der verschiedenen Spiritualitätsformen.
    D.h.: Was macht man denn so als Patchwork-Spiritueller in der Kontemplationguerilla?

    (Deine Gedanken inspirierten mich übrigens soeben zu einer neuen Reihe auf meinem Heimatblog: „Was tut der Christ eigentlich so den ganzen Tag?“)

  9. Pingback: Was tut der Christ eigentlich so den ganzen Tag? Teil I: Beten « wessnet
  10. beisasse

    hey leute, als ich die vielen kommentare angezeigt sah, dachte ich zuerst, dass die komentarfunktion vollgespamt wurde! zum glück waren das nur eure schlauen anmerkungen.

    ja, textomat, es wäre gut, jede tradition für sich zu würdigen. mein augenmerk liegt aber in diesem eintrag auf dem phänomen, dass „vermischungen“ und (gegenseitige?) inspirationen bereits geschehen. und auch dies sollte reflektiert geschehen, denn dieser prozess lässt sich nicht mehr aufhalten. deshalb kann man fast gar nicht mehr fragen, ob das geht, ob das erlaubt ist, ob das legitim ist, sondern in welchem masse das geschehen sollte.

    ich möchte ungern eine aussage darüber machen, ob der einzige heilsweg nur in der kirche (und dann bitte schön in der römisch-katholischen) liegt oder nicht. deshalb wählte ich die formulierung: „sich mit dem absoluten verbinden“ oder „das absolute berühren“ – und dafür eignen sich gewiss für verschiedene personen mit ihren eigenen neigungen und begabungen und fähigkeiten verschiedene möglichkeiten. ich bin zum beispiel vollkommen unbegabt, das absolute („reich gottes“) über ekstatische wege zu berühren. deshalb bin ich z.b. kein charismatiker oder meide ich eher religiöse formen, wo es um emotionale massenerfahrung geht. jemand, der auf bildlosigkeit steht und dem es nichts ausmacht, von einem zen-meister mit stöcken geschlagen zu werden, berührt auf dem weg des zen sicherlich „ergiebiger“ das absolute.

    wenn es um das christliche geht, wenn jesus der weg, die wahrheit und das leben ist: wie kann ich ihn „berühren“ oder mich mit ihm verbinden? so würde ich fragen. und thorsten hat das in seinem kommentar umrissen, wie (verschieden) das aussehen könnte.

    inge: suchst du nach dem „einfachen“ und „theologisch unbelasteten“? dahin gehen meine gedanken auch: was ist das wesentlich christliche? aber bitte in wenigen sätzen gesagt.

  11. textomat

    Ja das „berühren“ des Göttlichen ist tatsächlich etwas das jeder anders erfahren kann, und auch sollte.

    was das einfache betrifft so halte ich mich an folgendes:

    Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe16 und mit deinem ganzen Verstand!‹1738 Dies ist das größte und wichtigste Gebot. 39 Ein zweites ist ebenso wichtig: ›Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst!‹

    Denn wie jesus schon sagt daran hängt das ganze gesetz und alle propheten. Wie das nun im alltag aussieht und welche form ich dem ganzen gebe ist für mich erstmal nur zweitrangig. Aber auch das wird wohl in anderen traditionen so gelebt.

    Speziell christlich ist doch eigendlich nur der glaube an den gekreuzigten und auferstandenen Sohn Gottes.

  12. inge

    @beisasse:
    (der beisasse fuerchtet langatmig weibsgeschwaetz?)
    http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/encyclicals/documents/hf_ben-xvi_enc_20051225_deus-caritas-est_ge.html
    @thorsten:
    das typisch christliche ist die liebestat. man erkennt sie an ihren früchten. im christentum ist die liebe das mass aller dinge, ohne die liebe ist alles nichts (auch die patchworkspiritualitaet).
    ich glaube, die christliche liebe eignet sich von ihrem radikalen wesen her nicht dazu, „kleinster gemeinsamer nenner“ zu sein.
    @thorsten: jesus ist niemandem nachgefolgt. jesus nachfolgen heisst seinen eigenen weg gehen (den engen weg gehen, nicht die breite strasse, wie anselm grün auf dem katholikentag so eindringlich sagte)
    @textomat: was ist denn die“ nestorianischen Kirche“?
    @inge: hat sich nicht gut ausgedrückt, denn sobald die liebe zu einer frömmigkeitsübung wird(verkommt) ist was schief gelaufen! die liebe ist die wahrheit, d.h. sie ist bereits der fall. seit karl rahner spätenstens wissen wir, dass es die einfachsten und wahrsten dinge sind, die wir am schwersten begreifen. ich schlage joggen als transkulturelle frömmigkeitsübung vor (3 x pro woche)

  13. wessnet

    @Inge: Stimmt, Liebe ist eine zentrale Tugend und unverzichtbares Element des christlichen Glaubens.

    Die Liebe, besonders die Nächstenliebe, wird aber auch von fast allen Religionen empfohlen. Der Unterschied liegt u.a. in der Motivation.

    Und Jesus ist niemandem nachgefolgt, da er selbst „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ ist. Im Johannesevangelium heißt es nicht, dass er den Weg zeigt, sondern das er der Weg ist. Das ist
    für mich das Zentrum des christlichen Glaubens. Wenn man das weglassen würde, bliebe vom christlichen Glauben nichts sonderlich Originäres über. Ich denke, dass auch Anselm Grün das so sieht, wenn ich seine Bücher richtig lese.

    Berührungspunkte der Religionen kann es daher aus meiner Sicht beim „wie“ geben (wie lebe, liebe, bete, arbeite ich). Probleme gibt es beim „warum“ …

  14. beisasse

    gottes- und nächstenliebe klingt in meinen ohren ganz original nach dem galiläischen wanderprediger, textomat. ich vermute, dass er das und dazu noch das reich gottes als wichtigste seiner botschaften verstand. und dann kamen wir und haben aus ihm die eigentliche botschaft gemacht.

    weibsgeschwätz und dann link zum heiligen vater? also inge!

    thorsten: warum lieben? aus welcher motivation heraus bloss? lass mich mal überlegen … mh …

  15. Pingback: zwingt mich bitte nicht dazu, diesem eintrag eine fromme überschrift zu geben « ein neues kellion
  16. wessnet

    ,,,nicht ironisch werden, wenn es interessant wird. Warum denn lieben? Ich weiss, gute Gründe dafür gibt es genug. Und Liebe ist immer gut und zentral. Aber was steckt dahinter?

  17. beisasse

    pardon, bruder wess. (also früher bei den baptisten redete man sich so an. aber in der CC macht ihr das wohl nicht, wa?) – bezüglich des „warum“: also ein christ liebt aus einer anderen motivation heraus als ein muslim? und ein buddhist liebt aus einer anderen motivation heraus als ein jude? die ironie soll sagen: es gibt für die liebe nur eine motivation, nämlich sie selbst.

  18. wessnet

    ..in der CC müsste man wahrscheinlich nen englischen Begriff erfinden, sch…. Anglismen. Also, kein Thema, Brother Nomad.

    Insofern ist bei näherem Nachdenken eine kleine Selbstkorrektur angebracht: Motivation trifft es nicht richtig, gemeint ist eher die Quelle der Motivation.

    Womit wir irgendwie auf die alte Frage kommen: Ist die Liebe immer DIE Liebe, d.h. wirkt Gott in allen Religionen?

    Um gleich mal was dazu zu sagen: Das ist m.E. keine Frage für die Betrachtung aus der Vogelperspektive, sondern die Frage, wie man selbst damit umgeht. Also: Stimmt alles, meine Liebe, die Nachhaltigkeit der Liebe, meine Beziehung zu Gott – und ist es überhaupt eine Beziehung zu Gott?

    Außerdem: Bitte nicht vergessen zu posten, wie du damit selbst konkret umgehst, das finde ich viel interessanter als diese blöde, jetzt auch noch von mir angestossene Uraltdiskussion, ob Gott in allen Religionen ist. Interessanter ist doch, was man von anderen lernen kann, die auf einem Weg zu Gott sind.

  19. beisasse

    ja, das ist ein superguter hinweis, danke! dass es wirklich eher interessant ist, wie man persönlich damit umgeht. dazu werde ich mal was schreiben. – ansonsten zur „uraltdiskussion“: da gibt es die jona-geschichte, die ironisch (da wären wir wieder) darstellt, dass alle ausser der prophet selbst „fromm“ sind. oder die geschichte von petrus, der überrascht feststellt, dass der heilige geist auch bei nicht-juden (bei cornelius und seinem haushalt) am wirken ist.

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