wir sind nicht getrennt – echt jetzt!

Ein Mann besuchte einen Freund und ass und trank. Von dem vielen Wein wurde er betrunken und fiel in einen tiefen Schlaf. Der Freund, der verreisen musste, wollte ihm Schlaf und Ruhe gönnen und so nähte er viele wertvolle Edelsteine in das Gewand seines Gastes ein. Als der Gast aufwachte, sah er dass er alleine war und ging aus dem Haus, zog von Ort zu Ort, immer auf der Suche nach Arbeit und Unterkunft. Aber: nichts gelang ihm und er fiel in Not und Armut. Sein Gewand hatte er immer noch, auch wenn es inzwischen ganz zerlumpt war. Da trifft er seinen Freund, der verreist war, wieder. Der fragt ihn erstaunt, warum sein früherer Gast denn so ärmlich aussehe. „Ich habe dir doch, während du noch geschlafen hast, viele wertvolle Edelsteine in dein Gewand genäht!“ Der Freund nimmt das Gewand seines Gastes, trennt den Saum auf und zeigt ihm die kostbaren Steine.

Dies ist ein Gleichnis aus dem 8. Kapitel des Lotos-Sutra. (Ich kenne es aus dem sehr empfehlensweten Kommentar zum Lotos-Sutra von Thich Nhat Hanh, Das Herz des Kosmos, S.71f.) Das Gleichnis aus dem Lotos-Sutra spricht natürlich vom Buddha, der in seiner Fürsorge den Menschen allerlei gute und heilsame Lehren anbietet, ja, er legt sie in die Menschen hinein. Allein, sie entdecken sie nicht in sich und suchen vergeblich im Aussen. Auch will das Gleichnis besagen, dass in jedem Menschen jetzt schon die Buddha-Natur verborgen liegt.

Gleichzeitig könnte dieses Gleichnis genauso gut von einem christlichen Mystiker stammen, etwa von Meister Eckhart, der damit veranschaulichen könnte: Wir haben alles, was für unseren geistlichen Weg nötig ist, schon in uns. Oder das Gleichnis könnte bedeuten: Wir denken nur, dass wir im Mangel leben, wir denken nur, wir seien von Gott getrennt – dabei ist uns schon alles gegeben. Wir müssen einfach nur den Saum unseres Gewandes, ein Gewand, das wir schon immer mit uns herumtragen, auftrennen und schauen.

Ein Kommentar

  1. Bhiksuni Ven. Xin Di

    Ein sehr schoener Abschnitt dieses wunderwolle Sutra…“Jede Lebewesen hat Buddha-Natur, die Fahigkeit erleuchtet zu sein, dies ist die Bedeutung des Wort ‚wertvolles Edelstein‘, das an dem Gewand versteckt worden ist. Unseres reines Buddha-Herz, die frei von Hass, Gier und Verblendung, dies ist unseres wahres ICH.
    Anjali :-)

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