du bist mit einem defekt geboren

Und immer bleibt ein Schatten des Zweifels, der mein Leben bestimmt. Unbewusst und undeutlich gibt es in mir die Überzeugung, dass es nicht richtig ist, dass ich existiere. Und zweitens: dass Gott es nicht wirklich gut mit mir meint (und eigentlich auch sonst keiner) – wobei ich das nicht mal ganz so schlimm finde.

Zur ersten Überzeugung tragen alle möglichen Leute bei. Und Leute, die mich vom Gegenteil überzeugen wollen, scheitern immer wieder. Und wie will man mit dem christlichen Glauben kommen, der einem mit einem unreflektierten Begriff von Ursünde schon sagt: Du bist mit einem Defekt geboren.

12 Kommentare

  1. Stefan

    Was heißt das: Wir sind alle mit einem Defekt geboren? In einer Welt, die keine Schönheitsfehler tolleriert und Ungeborene abtreibt, wenn sie nur den Hauch einer Behinderung haben, ist dieser Gedanke skandalös. Aber er kann gerade von diesem Zeitgeist auch frei machen. Nicht nur die anderen sind behindert, die Mongoloiden und die Spastiker, die Legastheniker usw. Wir alle haben einen Defekt, der uns demütig machen sollte. Wann immer ich mich sauwohl fühle und mich für einen begnadeten Überfliege halte(n sollte), dann muss ich mir klar machen: ich habe einen Defekt. Und es ist allein Gottes Gnade, die mich vollkommen macht. Schau also all die anderen „Defektiven“ mit gnädigen Augen an und mach sie vollkommen!

  2. beisasse

    es kann uns demütig machen oder leben verhindern. aber sich unwert fühlen ist nicht demut. und wozu ist demut überhaupt gut?

    das schlimme ist nicht der defekt (was immer damit auch gemeint sein mag oder was immer auch die anderen einen defekt bei mir nennen), sondern die daraus gezogene konsequenz, dass ich dafür „bestraft“ werde, oder von anderen menschen abqualifiziert werde etc. das ist skandalös.

    wir machen uns immer lustig über den sozialpädagogen-slang von „du bist okay – ich bin okay“, dabei ist eine der grössten verunsicherungen für viele menschen der verdacht, dass sie vielleicht „nicht okay“ sind. und dass das dann lebensverhindernde auswirkungen für sie hat.

  3. textomat

    Ich selber bin wohl auch sowas wie „defekt“ und die gedanken die du beschreibst sind mir nicht fremd. Meine gesamte jugend hindurch habe ich mich auf grund vieler verletzungen immer mehr in meine festung der einsamkeit zurückgezogen, und den kontakt mit anderen jugendlichen gemieden.

    Jetzt gehe ich auf die 30 zu und so langsam bröckeln die mauern. Und ja es ist skandalös das „man“ darunter zu leiden hat das andere menschen nicht akzeptieren können das jemand anders ist als sie. Und wofür ich mich selber hasse ist das ich obwohl ich es besser wissen müsste oft genau so handle und andere verletze wegen ihrer „defekte“.

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  5. beisasse

    hi vita – und wahrscheinlich sind wir nicht nur zu zweit :-)

    moin, textomat – andere wiederum abzuqualifizieren ist eben der versuch, sich selbst einen wert zu geben (nach dem motto „es gibt immer noch kleinere leute aus ich“). aber wahrscheinlich sollte man andere strategien suchen, um sich von dem behaupteten defekt zu lösen.

  6. Christin(a)

    Ich kenne es auch, dass das Gefühl, ständig zu „versagen“ oder „defekt“ zu sein, regelrecht Verzweiflung und Wut auslöste… Ich finde aber den Gedanken tröstlich, dass wir schon erlöst SIND, wir wissen es nur noch nicht…
    Angelus Silesius meint an einer Stelle:“Mensch, nichts ist unvollkomm’n. Der Kies gleicht dem Rubin. Der Frosch ist ja so schön, wie Engel Seraphim“…;-)…un weiter: „wer mir Vollkommenheit, wie Gott hat, ab will sprechen, der müsste mich zuvor von seinem Weinstock brechen“.
    Und Demut ist meiner Meinung nach in den Köpfen zu negativ besetzt. „Gedemütigt werden“ will keiner ernsthaft, zumindest so, wie wir es verstehen. Im christlichen/spirituellen Kontext kann das vielleicht nochmal ganz anders aussehen, wenn das Herz „steigt“, wenn ich mich verneige – dann entsteht Demut doch eigentlich auch aus einer achtsamen Haltung…

    Wie gut, dass Du hier solch‘ existentielle Befürchtungen, Fragen und Ärgernisse aufwirfst, über die wir uns gemeinsam Gedanken machen können!
    Grüße in den Norden!

  7. inge

    wo steht denn das mit der ursünde? für alle. und wer sagt, dass das was eva und adam vor zig-millionen jahren GETAN haben, auf mich weitervererbt wurde? der christliche glaube sagt, dass wir ebenbild gottes sind. also hat gott dann auch einen defekt(!) oder aber wir sind vollkommen? so wie gott? von dem wir gar nicht genau wissen wie er denn so ist. es gibt diesen spruch, angeblich von nelson mandela, der gesagt haben soll: zu versagen und fehler zu haben das sei gar nicht die grösste angst von menschen, sondern sich selbst im vollen licht erstrahlen zu sehen, davor hätte man am meisten angst. (?)

  8. beisasse

    das muss ich noch einmal wiederholen, was angelus silesius sagt: „nichts ist unvollkommen.“ – und dass unsere grösste angst ist: angst vor uns selbst mit den enormen guten möglichkeiten in uns. – das sind einsichten von mystikern und nicht-theologen. vielleicht sollten wir uns mehr an sie halten als an die amtlichen und selbsternannten theologen.

  9. zwanzigtassen

    Your original entry was very moving. Thank you for having the courage to say those things, and so honestly. Especially as you are clearly aware that you are not unique in feeling this. The older I get, the more I suspect that the majority of people know this feeling, at least to some extent. What kind of culture have we constructed …? how did we get here…..?
    One of my main problems with Christianity (well, o.k., that“s an understatement) is its negative attitude towards humanity’s human-ness. I much prefer the Buddhist honest-but- loving-kind gaze. We all suffer, but we can end this suffering. Yes, nobody else will ever be able to convince you of your worth if you yourself are not ready to dare to accept it.

  10. Pingback: ohne vokabular sprechen « ein neues kellion

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