kontextlosigkeit

In Anspielung an den Titel eines bekannten Grundbuches der Emerging Conversation, erklärt uns Scot McKnight, warum er „not a Catholic or Eastern Orthodox“ sei. Ich hab seine Ausführungen nur überflogen, denn die Anfragen, die an ihn herangetragen werden, brachten mich schon zum Grübeln.

Im Wesentlichen geht es bei den Anfragen darum, wie man Elemente von (Fremd-)Traditionen übernehmen kann, ohne sich mit ihrem Kontext zu identifizieren. Die emergenten Freunde entdecken liturgisches Handeln, liturgische Sprache, gestalten Kreuzwege, geben sich einem monastisch anmutenden Rhythmus von Tagzeitengebeten hin, praktizieren Yoga und Meditation usw. usf.

Nein, es geht jetzt gar nicht darum, ob man das darf oder nicht, sondern um die Reflexion, ob die ausgeliehen Elemente überhaupt in einem anderen Kontext leben und überleben können.

Nach langer Erfahrung und Beobachtung kann ich zum Beispiel sagen, dass es im evangelischen Kontext eigentlich keinen Atmungsraum (?) für das Stundengebet gibt. Wenn man es tut, tut man es als Vereinzelter oder, wenn’s hoch kommt, als kleine Gruppe. Bete ich als katholischer Christ das Stundengebet, bin ich in einen grösseren Kontext eingebunden. Und dieser Raum gehört wesentlich zur Idee von Stundengebet.

Wo gerne über kontextuelle Theologie geredet wird, sollte man keine kontextvergessene spirituelle Praxis diagnostizieren müssen. Aber das geschieht natürlich auch überall dort, wo man im Zuge eines Trittbrett-Buddhismus sprachlich oder deko-mässig mitzieht. (Und neben dem Trittbrett-Buddhismus steht gleich auch das asketische iro-schottische Mönchtum mit seiner strengen Beicht- und Busspraxis merkwürdigerweise in hohem Ansehen.)

So – lange genug an diesem Eintrag herumgebastelt. Nehmt es also bitte erst einmal als Entwurf auf.

6 Kommentare

  1. Onkel Toby

    Ich glaube, ich verstehe die Frage nicht so richtig. Ich sehe keine Probleme darin, sich bei anderen spirituellen Praktiken zu bedienen. Entweder, sie überleben und bringen einen weiter, oder eben nicht. Ich glaube nicht, dass es von Belang ist, wie gross der Raum ist, den den man eingebunden ist.

    Es lässt sich ja auch sagen: Es ist ja grade das kontextuelle an „postmoderner“ Thologie, dass es das Prinzip des Sampling (oder die „Bricolage“) der spirituellen Praxis einführt. No?

  2. inge

    kontextlosigkeit kann auch ein grosser vorteil sein und den leuten einen zugang zu religioesen praktiken ermoeglichen, denen z.b. aufgrund ihrer „katholischen“ oder „protestantischen“ erziehung (oder viel mehr fehlformen davon) ein zugang z.b. zu einer fruchtbaren gebetspraxis verwehrt ist. vielleicht können manche beten erst ausserhalb ihres erziehungskontextes lernen?

  3. Albrecht Lorenz

    ich sehe auch kein prolem darin, das sich nicht-landeskirchler, nicht-mönche, nicht-katholiken der symbole,, traditionen oder liturgien dieser bedienen.
    klar, die gefahr liegt offen da: lobpreis á la hillsong „rührt nicht mehr an“ und so wird das nächste geistliche fastfoodhäppchen genommen, was grad da liegt, und in 5 jahren ist es wieder das harmonium :-D
    dennoch liegt in jedem trend auch eine chance. die chance die wir grad haben, ist das wir durch die emerging church selbst unsere tradionen reflektieren. desweiteren leistet diese selbstbedienungsmentalität, dass man darüber hinaus die traditionen der anderen kennenlernt, inkl. sinn und geschichte.
    die traditionen, die in den letzten jahren sehr sehr eingestaubt sind, müssen wir wieder neu für uns entdecken.
    klar lauten die letzten worte der sterbenden christenheit »das haben wir schon immer so gemacht« (zitat von einer dozentin), ich denke, jede generation sollte tradition immer wieder neu entdecken und mit leben füllen. wichtig ist, das der sinn dahinter klar ist. und wenn der sinn da ist, ist verständniss für den inhalt da. und wenn man das beides in eine neue form bringt, kann denke ich was tolles neues entstehen, was doch wieder was altes ist, was nicht heißt das es schlecht ist.

  4. Wolf Paul

    Ich glaube nicht, dass der Titel des Posts von Scot McKnight eine Anspielung auf irgendeinen Buchtitel ist.

    Vielmehr bezieht sich der Titel auf die Frage, die ihm ein Briefschreiber gestellt hat: Angesichts der Wertschaetzung, die Du (Scot) der Tradition, wie sie sich in der katholischen Kirche bzw. den Ostkirchen manifestiert, entgegenbringst, warum bist Du noch nicht entweder zur katholischen Kirche (Why are you not Catholic) oder zu einer der Ostkirchen (Why are you not Orthodox) uebergetreten.

    Im Sinne einer Anspielung auf den Buchtitel wuerde sich Scot ja sehr wohl als „catholic“ (im nicht-konfessionellen Sinn) bzw ganz sicher als „orthodox“ (ebenfalls im nicht-konfessionellen Sinn, also „rechtglaeubig“) bezeichnen.

  5. beisasse

    danke für eure kommentare. und ein herzliches willkommen an die herren lorenz und paul! – ich hoffe, dass ich in einem weiteren eintrag aufgreifen kann, was ihr hier mitteilt. hier schon einmal in kürze:

    onkel toby: so lange wir im spiel-modus bleiben, reicht das wohl aus. aber unsere sehnsucht nach authentizität will den spiel-modus auch immer überschreiten.

    inge: bei dir wird etwas deutlich, in welcher richtung es eigentlich angemessen ist: wir müssen gäste des kontextes werden. stattdessen bedienen wir uns im fremd-kontext als wären wir dort kunden und somit könige.

    albrecht: freikirchliche frömmigkeit hat nicht nur überkommenes „einstauben“ lassen, sondern als starke gegenfolie verwendet. ich finde, dass man das nicht schweigend übergehen sollte. ich glaube, das ist es, was mich auf einer persönlichen und unsachlichen ebene verstimmt.

    wolf: dein kommentar hat mich dazu bewogen mcknights eintrag ganz zu lesen. ich finde, es reicht zu sagen, man sei nicht abc, weil man halt xyz gewohnt ist. denn meistens klappt es nicht, zutreffende aussagen über abc zu machen – weil man abc nämlich nicht von innen kennt.

  6. Pingback: herr p. und seine plätzchen « ein neues kellion

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s