lieder an die gliedmassen jesu

Seit einigen Jahren nimmt man als Passionsmusik neben den Bachpassionen ein anderes Werk neu in den Blick. Dabei handelt es sich um Dietrich Buxtehudes „Membra Jesu nostri“ (1680), ein Zyklus von sieben Kurzkantaten (in Fachsprache „Aria-Concerto-Kantate“ genannt), die an einzelne Gliedmassen des am Kreuz hängenden Christus gerichtet sind: Füße, Knie, Hände, Seite, Brust, Herz und Haupt.

Die recht kurzen (so ungefähr 6-8 Minuten dauernden) Einzelkantaten sind jeweils gleich aufgebaut: Vorangestellt ist eine kurze intrumentale Einleitung („Sonata“) gefolgt von einem vom Stimmen-Tutti vorgetragenen biblischen Votum, das einen assoziativen Bezug zum entsprechenden Körperteil hat. Dann folgen einfach drei solistisch bis dreimehrstimmig vertonte Strophen („Aria“ genannt) der „Ryhthmica oratio“, wobei in der Regel für jede Strophe die Continuo-Bassstimme gleich bleibt. Abgeschlossen werden die drei Strophen mit einer Wiederholung des biblischen Votums.

Bei der „Rhythmica oratio“, der Textgrundlage handelt es sich um mittelalterliche lateinische Gedichte auf die Gliedmassen des am Kreuz hängenden Christus (früher Bernhard von Clairveaux, heute einem anderen Zisterzienser zugeschrieben, nämlich Arnulf von Löwen). Dabei ist das letzte Gedicht dieses Zyklus uns allen wohlbekannt, das durch eine Übersetzung von Paul Gerhardt in die evangelische Tradition – was sag ich, in die Tradition der ganzen Kirche – eingegangen ist: „O Haupt voll Blut und Wunden“.

Ein Freund lieh mir zwei Aufnahmen der „Membra“ (Cantus Cölln und Lautten Compagney) aus, die sehr unterschiedlich sind, mir aber dabei halfen zu verstehen, wohin dieses Werk zielt. Ich fand die Aufnahme von Cantus Cölln etwas blass, ja fast langweilig, während ich gern hörte, wie die Lautten Compagney musizierte. Inzwischen, wo ich die Schlichtheit der Komposition sehe, sehe ich aber ein, dass das eher zurückgenommene Musizieren (in der Aufnahme von Cantus Cölln) gewollt ist: Die Kantaten sollen hier als schlichte musikalisch-sinnlich erfahrbare Betrachtung erklingen und nicht wie verkappte musikalische Theatermonologe, in welchem der Affekt von Schmerz und „Mit-leiden“ quasi realistisch dargestellt wird. Das, was wir bei den (Bach-) Passionen lieben, nämlich das „Theatralische“, dass wir straflos in der Kantorei einmal barbarisch „Weg, weg mit dem! Kreuzige ihn!“ brüllen dürfen – darum geht es bei diesen schlichten Lieder an die Gliedmassen des Gekreuzigten überhaupt nicht. Es braucht bei so einem erotisch aufgeladenen Ansinnen einfach mehr Intimität. Öffentlich die Affekte zu überzeichnen käme einer unangemessenen Entblössung gleich. Stört die Liebe nicht auf!

Hören kann man einen – ähnlich der Aufnahme der Lautten Compagney – eher expressiven Vortrag der „Membra“ durch Jos van Veldhoven und The Netherland Bach Society bei last.fm. Gleiches gilt für den folgenden Ausschnitt „Ad latus“ („An die Seite“) unter der Leitung von René Jacobs (tja, es mag zwar eine „richtige“ Interpretation geben, aber die anderen machen einfach Spass zu hören).

2 Kommentare

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