alles erfahren

In der letzten Woche habe ich ein paar Mal beobachtet, wie ich mich – man nennt es wohl – glücklich fühlte. Dabei sind mir einige hilfreiche Voraussetzungen klar geworden, die zur Erfahrung von „alles ist an seinem Platz“ beitragen können. Als erstes nenne ich folgenden Hinweis: Wenn etwas gut geht, sich freuen, wenn Schmerzvolles erfahren wird, traurig sein etc. – das genügt.

Man könnte diesen Hinweis auch beschreiben mit: sich angemessen verhalten. Kein Buddhist braucht sich ein Dauerlächeln zuzulegen, kein Kontemplativer muss sich mit einem ständigen „An Gott denken“ abmühen, kein Stoiker braucht seine apatheia in ausnahmslos allen Situationen zur Schau zu stellen.

Gemeinhin denkt man, Menschen, die ihr Leben geistlich oder spirituell vertiefen wollen, seien darauf aus, mit spirituellen Methoden zu dauerhaften und über-alltäglichen Erfahrungen von Glück, von eudaimonia, von Glückseligkeit zu gelangen, um nicht mehr von den Mühen des Alltäglichen getroffen zu werden. Vielleicht war das am Anfang auch unsere Motivation. Aber wenn wir aufmerksam und ehrlich gesucht und geübt haben, und wenn wir gute Lehrer getroffen haben, verstehen wir, dass eine tiefere Erfahrung von dem, was wir suchen – Befreiung, Gotteinung, Glück, ataraxia – darin liegt, alles zu erfahren, was unser Leben uns schenkt, gibt und auferlegt. Einfach alles erfahren.

Vielleicht haben wir gemeint, dass unsere spirituelle Übung dazu führen könnte, nicht mehr ungeduldig mit anderen Menschen zu sein oder nicht mehr zornig. Aber es gibt Situationen, in denen es angemessen ist, zornig zu sein. Vielleicht ist unser Ideal gewesen, versöhnt zu leben. Aber es gibt Situationen, in denen es angemessen ist, Rachegefühle und -gedanken zu durchleben. So werden wir wieder zu „normalen“ Menschen. Der Unterschied ist dabei jedoch – wenn es denn eine Rolle spielte – dass wir uns dabei sehen können: wie wir uns freuen, wenn etwas gut geht, wie wir Schmerz und Ohnmacht erleben, wenn andere Menschen uns schaden, wie wir Trauer empfinden, wenn wir Abschied nehmen usw. usf. Und dieses, dass wir uns dabei sehen können, das wird uns genügen und uns eine Ahnung davon geben, wie „alles an seinem Platz ist“. – Zum anderen Hinweis ein nächstes Mal.

(Freilich könnte ich diesem Eintrag auch noch christliches Kolorit hinzufügen. Denkt es euch selber, wenn ihr es braucht, oder schlagt dazu im Buch Kohelet, d.h. Prediger das dritte Kapitel auf.)

5 Kommentare

  1. Mailin

    Da bekommt man fast das Gefühl, wieder ein bischen freier atmen zu können. Doch keine „bösen Gedanken“ also, die man sich möglichst schnell austreiben muss.
    Erfahren, das ist gut, wieviel in mir steckt, betrachten.
    Hmm, vielleicht sind „spirituelle Übungen“ ja doch nicht ganz so schrecklich, wie ich immer dachte?

  2. beisasse

    nee, schrecklich (= gefühlig?) sind spirituelle übungen nicht. aber kapiert habe ich das, was ich da gesagt habe auch nicht auf dem meditationskissen, sondern in meinem „normalen“ tag, vielleicht habe ich gerade abgewaschen oder so.

  3. Mailin

    Ja, ich glaube ich meinte mit „schrecklich“ eigentlich „gefühlig“.
    Bei dem Abwasch soll man ja ganz besonders gut „Achtsamkeit“ lernen, habe ich gehört.

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