sieben tage ohne sinn

Vor einem Monat sah ich gross plakatiert Werbung für ein Buch ungefähr mit dem Titel „Die Sinn-Diät“, der Untertitel verrsprach nach meiner lückenhaften Erinnerung so etwas im Sinne von „mit philosophischen Lebensweisheiten zu mehr Glück“. Autorin ist eine Rebekka Irgendwas. (Warum ich mich jetzt nur an den Vornamen erinnere, weiss ich nicht.) Das Buch habe ich mir nicht gekauft, aber den Titel finde ich nach wie vor reizvoll: Die Sinn-Diät. Man mag wohl einwenden, das was die Menschen gegenwärtig wenig besitzen, sei Inspiration oder Lebensmut etc., wozu dann bitte schön eine Entschlackung von Sinn, Ziel, Hoffnung und Zukunft? Der Grund, so vermute ich, dass uns so etwas fehlt, liegt nicht an einem Mangel an Sinn, sondern an einer Inflation von Sinn-Vorschlägen. Diese verursacht wahrscheinlich einen enormen Sinn-Überdruss, so dass eine Sinn-Diät tatsächlich empfehlenswert wäre, anstatt diesen Überdruss und die Lebens-Langeweile aggressiv auszuagieren.

Auch die  „Wolke des Nichtwissens“, eine Anleitung zu einem kontemplativen Leben aus dem 14. Jahrhundert, empfiehlt, sich zu beschränken im Gebet und in einem spirituellen Leben. Anstatt sich zu unterhalten, anstatt sich mit frommen Geschichten und Bildern zu „entertainen“, soll man zu einer ganz einfachen und opaken Hinwendung zu Gott zurückkehren. Alle Gedanken und Bilder – der Welt aber auch von Gott – sind abzuweisen mit einem „Ich weiss es nicht.“

Wenn wir jetzt mit Palmsonntag in die Heilige Woche eingetreten sind, ist die Versuchung gross, wieder viel von Sinn zu reden. Ich bitte diejenigen, die predigen und diejenigen, die Predigten zuhören, Abstand von dem Gedanken zu nehmen, so viel Sinn in Gewalt und gewaltsamen Tod zu sehen. Sagt doch einfach „Was für ein sinnloser Tod!“ und enthaltet euch, irgendwelche spitzfindigen oder frommen Erklärungen in ihn hinein zu deuten. Schämt ihr euch denn nicht? Gewalt und Tod und Hinrichtung und Selbstopfer erfordern andere Reaktionen als Dogmen, Theologie und religiöse Sinn-Inflation. So wie die Bachsche Matthäuspassion anhebt, das wäre die angemessene Richtung: „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen …“

6 Kommentare

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  2. Mailin

    Was für ein sinnloser Tod!
    Das ist aber gar nicht schön, weil ein sinnloser Tod noch viel trauriger ist als ein sinnvoller Tod.
    Irgendwie unbegreiflich. Passt nicht in meine Konzept.
    Was für ein sinnvolles Leben!
    Schon besser.
    Komisch, meine Heiligung im Tod Gottes zu vermuten, aber ich fange jetzt NICHT an, darüber nachzudenken…

  3. Markus

    So etwas wie Sinn existiert gar nicht. Sinn als etwas Außerhalbes ist ein Phantom. Es gibt nichts Außerhalbes. Das vermeintlich Außerhalbe ist das unerträgliche Innerhalbe der Angst. Und die Sinn-Suche ist die Fluchtbewegung von Innen in ein Außen, das es nicht gibt.
    Guter Vorschlag: Mal sieben Tage allen Sinn fahrenlassen. Damit auch alles Außerhalbe.
    Sodann – Gott? Nein, auch ein Sinn-Wort. Aufgefallen?

  4. beisasse

    mailin: ich weiss gar nicht warum mir nicht früher aufgefallen ist, wie zynisch ich die kombination „sinnvoller + tod“ finde.

    christian: hiermit erteile ich dir die lizenz zum sinnfreien wandern. gez. seine beisassigkeit

    markus: ich weiss nicht, ob sinn „existiert“ oder nicht. wo ich dir zustimmen kann, ist dass die sinn-*suche mit hoher wahrscheinlichkeit tatsächlich eine fluchtbewegung ins aussen ist. man könnte statt „sinn-verzicht“ auch „such-verzicht“ sagen: oder positiv ausgedrückt: du bist angekommen, hör auf zu suchen.

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