wir schulden gott nichts

Nachtrag zu den letzten Tagen:

Freilich, die Improperien sind ein alt-ehrwürdiges Stück in der Liturgie des Karfreitags. Inhaltlich sind sie allerdings nicht ein nur Musterbeispiel von Antijudaismus in christlicher Liturgie, sie vermitteln auch eine fragwürdige Haltung des Gekreuzigten. Es handelt sich um ein Stück Fiktion, was uns die Improperien bieten. Und diese Fiktion malt sich aus, wie der Gekreuzigte das Volk anspricht im Sinne von „Vierzig Jahre lang habe ich dich durch die Wüste geführt. Du aber bereitest das Kreuz deinem Erlöser. Was habe ich dir getan? Antworte mir! etc.“ Schulden wir Gott etwas?

Zum ersten Mal hörte ich dieses Jahr die Improperien in einem Gottesdienst am Karfreitag gelesen. Ich war irritiert, auch wenn ich den Inhalt ja schon – wenn auch nur als eine Art musikhistorisches Museumsstück – kannte. Ist er diesen Weg freiwillig gegangen oder nicht? Wenn ja, was sollen dann solche Vorwürfe?

Eine gnadenhafte, freiwillige Gabe aber verpflichtet uns zu nichts. Oder was für Hintergedanken sollten da doch noch vorhanden sein? Wir wissen, wie schmerzlich es ist, Liebe zu schenken, wenn sie nicht erwidert wird. Aber durch die Enttäuschung hindurch wissen wir auch, dass es genügt, zu lieben. Denn wer möchte schon mit einer Liebe geliebt werden, die man sich selbst durch Geschenke erkauft hätte? Es wäre besser, gar nicht geliebt zu werden, als Zuwendung zu erfahren, zu der man den anderen erst überreden musste, zu der er sich „verpflichtet“ fühlte. Wir schulden Gott nichts. Diese Freiheit ist seine Gabe.

Aber auch folgendes gilt es zu erwägen: Gott schuldet uns nichts. Wie sind wir bloss auf die Idee gekommen, es sei seine Aufgabe, uns vor leidvollen Erfahrungen zu schützen und uns Lebenssorge und zermürbenden Alltag zu ersparen? Was zeigt uns die Geschichte vom leidenden Gott anderes, als dass er auch nur ein Mensch ist, dem nichts erspart bleibt? Was also sollten wir von ihm erwarten?

Es genügt, zu leben. Und diese Freiheit zum Ausgangspunkt zu nehmen, dass wir Gott nichts schulden und dass er uns nichts schuldet. Vielleicht können wir uns so neu begegnen und versöhnen – mit dem Leben, das wir haben, und vielleicht auch mit dem Gott, den wir nie gekannt haben.

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