„we have what we seek“?

Während die Grundregung christlicher Spiritualität die Sehnsucht ist, wäre sie im buddhistischen Zusammenhang problematisch in ihrer Nähe zum Durst, der zum Anhaften und so zur Erfahrung von Leid führt. Der christlichen Grundfigur der Sehnsucht steht aber im Buddhistischen die Einsicht gegenüber, dass das gewöhnliche Bewusstsein bereits Buddhabewusstsein ist, ja, dass in der Welt des Relativen (unwissende Verstrickung mit den Dingen der Welt) das Absolute (traditionell: „Nirvana“) berührt wird. Man denke an den Merkvers der Plum Village Tradition (Thich Nhat Hanh):

I have arrived.
I am home.
Dwelling in the here,
dwelling in the now.
In the ultimate I dwell.

Freilich – auch im Christlichen gibt es die Hochachtung des Augenblicks, des kairos, der überraschenden Offenbarung des Messias „Ich bin’s“ etc., aber mir scheint die Betonung des Fragmentarischen stets stärker zu sein. Besonders unter Evangelischen ist die Redefigur des „gleichzeitigen Schon-Jetzt und Noch-Nicht“ beliebt. Man kann im Christlichen irgendwie nicht ohne das „Noch-Nicht“, nicht ohne das „noch Ausstehende“. So spannt sich die Erwartung bis zu einem verheissenen Irgendwann. Ziel und Heimat wird prophetisch vertagt, in die Zukunft outgesourced.

So lange kann ich aber nicht warten. Leben muss ich jetzt. Sehnsucht erweist sich oft genug als trügerisch. Sie ist nur hilfreich im Verein mit der Zuversicht, dass es „gibt, was ich suche“. Blosse Sehnsucht ohne die Hoffnung, dass sie mich nach Hause führt, treibt ein perfides Spiel mit meinen Kräften und meiner Belastbarkeit. Wenn einer dieses Vertrauen nicht hat, dass sich erfüllen wird, wozu man gerufen ist, sollte dieser auch seine Sehnsucht fahren lassen. So lässt es sich nicht leben. Es wäre besser für so einen, in den Alltäglichkeiten ein Zuhause zu finden, anstatt seine Arbeit schlampig zu machen und auf das ewige Wochenende zu warten, das niemals kommt. Ja, das nenne ich Respekt gegenüber meinen Aufgaben und gegenüber den Gegebenheiten des Tages, wenn ich sie nicht als störende Unvermeidlichkeit auffasse, sondern – auch wenn es schwer ist – mich wirklich um sie kümmere. Wer von der Ewigkeits-Sehnsucht befallen ist, ist wie einer, der telephoniert und gleichzeitig im Internet rumsurft. Er tut nichts ganz in der Gegenwart. Er schielt schon auf das, was als nächstes kommt. Er ist wie einer, der nicht zuhört, sondern schon überlegt, was er sagen könnte, während der andere noch redet.

Um am Schluss alle noch einmal zu verwirren, ein Zitat von Thomas Merton. Ist es nach dem, was ich oben sagte „christlich“ oder „buddhistisch“?

„We have what we seek. We don’t have to rush after it. It was there all the time, and if we give it time it will make itself known to us.“ (Thomas Merton) [Quelle]

6 Kommentare

  1. klanggebet

    Nach christlichem Verständnis ist ja in der unio mystica auch alles da, wonach die Sehnsucht vorher strebte. Und da ist die Erfüllung auch nicht prophetisch vertagt. Weswegen den konfessionell gebundenen Christen meines Erachtens der Verlust der Mystik in der gelebten Religiosität sehr schmerzlich auffallen müsste…Das unerfüllte Lechzen des Frommen, dem die mystische Erfahrung nicht vergönnt ist, scheint mir allerdings, ebenso wie Dir offenbar, doch perfide. Ich weiss, dass ich damit die Grenzen christlichen Glaubens verlasse (ich bin eben freie Spirituelle) aber ich halte Gott eben im Jetzt und Hier für erfahrbar, weswegen ich mich nicht in sehnsüchtigem Verzehren auf eine ferne Zukunft ausrichten muss wie der Mensch mit jenseitiger Heilserwartung. Mit der buddhistischen Betonung des Leidens im Durstigsein bin ich jedoch auch nicht einverstanden ;) Aber so viele Menschen es gibt, so viele Wege gibt es zu Gott.

  2. Mailin

    „Aber so viele Menschen es gibt, so viele Wege gibt es zu Gott.“
    Jep! Das bitte mal gaaaanz dick unterstreichen, mit einem Rotstift!!!

  3. beisasse

    ja, tatsächlich ist die erfahrung gottes im gegenwärtigsein durchaus nicht fern der christlichen religion – aber es sind nur einige wenige menschen am rand, denen das wichtig geworden ist. die anderen sind mit der vorfreude zufrieden.

    im buddhistischen geht es nicht um eine betonung des leidens oder des durstigseins – es will nur eine realistische einschätzung sein zu der frage, woher leiden kommt. antwort: weil es einen unersättlichen existenzdurst gibt. ich würde auch fast sagen, religiöse menschen haben einen unstillbaren durst nach über-alltäglichen erfahrungen, einen durst nach ewigkeit, einen durst nach nicht-endlichkeit. all das kann einen unglücklich machen, wenn es das nicht wirklich gibt.

    mailin: oh, heute auf der gütigen und grosszügigen seite?

  4. Mailin

    Was meinst du? Das ist ein absoluter Grundsatz von mir. Weil ich weiß, wie verschieden Wege sein können. Was ist dabei?? Bin ich sooo normal?

  5. beisasse

    aber normal ist doch gut, oder nicht? natürlich bin ich wie du auf der grosszügigen seite. ich trau mich aber oft nicht, das so laut zu sagen, weil ich dann immer denke, dass ich dann als spirituelles weichei („esoteriker“) rüberkomme :-)

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