ein agnostiker zweifelt und schweigt

Selbst die, die „an nichts“ glauben, fangen jetzt an, z.B. mit Busplakaten, zu missionieren. Wo Heilsverkünder jeglicher Spielart vom amerikanischen Fernsehevangelisten bis zum exotischen Guru eine Sinn-Inflation in Betrieb halten (so penetrant, dass man auf der Seite von uns „Betreuten“ „Be-missionierten“ bald von einer Sinn-Langeweile sprechen kann), hätte ich mir von den Atheisten vornehmes Schweigen als Ausdruck ihres Zweifels gewünscht. Ja, bedeutet Agnostizismus nicht, dass man nicht entschieden hat, wie es um Gott steht? Und wäre es da nicht angebracht – in der fast unbekannten Tradition der antiken Skeptiker – sich jeglicher Meinung zu enthalten? Kein Agnostizismus kann bekennenden Charakter haben. Man tue es dem sprichwörtlichen Gentleman gleich: Ein Agnostiker zweifelt und schweigt.

18 Kommentare

  1. Alex

    Die „neuen Atheisten“ sind ja aber eben keine Agnostiker, oder? Sie glauben, eine Wahrheit erkannt zu haben und die nun auch anderen weitergeben zu müssen. Das gehört zu „Wahrheit“ scheinbar irgendwie dazu. Ich sehe es momentan so:
    1. Antiker Skeptizismus ist mir der freundlichen Einstellung nach zwar irgendwie sympathisch, scheint aber schlicht nicht der Wahrheitsgewissheit des NT zu entsprechen.
    2. Daraus folgt für mich der Imperativ der Mission, den ich so auch anderen Wahrheitsgewissheiten zugestehe.
    3. Ob deshalb aber Mission und Arroganz gleichzusetzen sind, wie es leider bei Christen und bei den neuen Atheisten geschieht, ist anzuzweifeln.

    Vielleicht so: Der „Inhalt“ der Wahrheitsgewissheit entscheidet über die missionarische „Einstellung“. Und da ist für Christen eigentlich kein Anlass zur Arroganz gegeben…

  2. Mailin

    Find die Busse irgendwie ja echt spaßig.
    Am A-Theismus ist in meinen Augen ja gerade das das Spannende, dass er etwas verneint. Und deshalb MUSS(!) er geradezu missionieren, weil er im Grunde genauso unwahrscheinlich ist wie der Theismus, nur mit einer gewissen Anti- Einstellung, liegt schon im Wort. Irgendwie widerwillig, trotzig.
    Agnostiker sind in meinen Augen das wahre Gottesvolk, weil sie wirklich Frieden bringen, alles so stehen lassen- man weiß es eben nicht. Nicht Ja oder Nein, sondern Vielleicht (echt tolerant!). Weil dieser Zustand aber schwer auszuhalten ist, sucht man sich dann aber doch eine Wahrheitsgewissheit- auch wenn sie falsch ist.
    Vielleicht bin ich im Herzen auch eher Agnostiker, will aber auch nicht in dieser Ungewissheit leben und bin darum Christ geworden: „Ich glaube- hilf meinem Unglauben.“

  3. beisasse

    ich erwarte von christen, dass sie nicht so plump sind.

    alex: warum folgt aus einer wahrheitsgewissheit gleich mission? und dann auch noch ein „imperativ“ der mission??? man kann schöne dinge auch für sich behalten.

    mailin, wieso, dann müsste es doch „anti-theismus“ bedeuten, oder? – wahrscheinlich ist es wirklich am angemessensten, agnostiker/in zu sein. aber weil man nicht weiss, was man so den lieben langen tag als agnostiker macht, sucht man sich was aus. wenn man z.b. christ ist, weiss man: sonntags kann ich zur kirche gehen. aber man könnte auch vegetarier werden, das kann einen sicherlich auch ganz schön beschäftigen.

  4. Mailin

    \“a\“ vor einem Wort heißt etwa \“nicht\“.
    vgl. \“atypisch\“.
    Vegetarismus und Religion sind nicht gleichwertig, oder besser: Vegetarismus kann ein Teil der Religion sein. Christ ist man immer, vegetarisch ist nur das Essen.

  5. Alex

    Klar, schöne Dinge kann man für sich behalten. In manchen Situationen sogar die Wahrheit – aber m.E. nicht ‚aus Prinzip‘.
    Berufenere Menschen als ich vertreten die Ansicht, dass man so einen „Imperativ der Mission“ philosophisch begründen kann (Einheit der Wirklichkeit, gutes und heilvolles Leben als Leben im Einklang mit der Wirklichkeit in ihrer Wahrheit usw.)
    Ich würde im Moment einfach sagen: Klar ist mir missionarische Zurückhaltung sympathisch, habe „plumpe Mission“ oft genug als ätzend erlebt. Aber genauso erlebe ich das Neue Testament immer noch als Herausforderung und Widerstand: Mission als Grundimpuls, nicht nur als sekundäre Entwicklung einer institutionellen Machtentfaltung. Da haben sich Leute ihr Leben versauen lassen, wo nix zu holen war…

  6. beisasse

    mailin: womit wir bei der frage wären, was religion eigentlich ist. vegetarismus kann auch ein lebensstil sein – wie christsein ein lebensstil ist. auf einer primitiven stufe eignet sich beides, um zu irgendeiner gruppe zu gehören und für etwas parolen ablassen zu dürfen.

    wenn etwas wahr ist, wenn etwas „wirklich“ ist, wenn etwas wirklichkeitsbildend ist, warum muss man es dann noch „sagen“? vielleicht weil das sagen und das finden von wörtern dazu beiträgt, die wirklichkeit bzw. wahrheit wahrzunehmen, indem ich namen und etiketten vergebe.

    der grundimpuls ist „verstehen wollen“. und die grundfrage der ersten jesus-gruppen war wohl: warum wurde er gekreuzigt und warum ist er gestorben? und dann fanden sie eine antwort – aber mir scheint die ständige wiederholung der ge-/er-fundenen interpretation, warum das alles „geschehen musste“, nicht dazu zu hilft, es zu verstehen.

    und die frage ist dann auch noch: warum drängt diese gruppe anderen menschen dieses geschehen von verurteilung und tod als für alle menschen, ja für den kosmos, relevant auf? denn es war doch zuerst nur ihre eigene frage.

  7. beisasse

    weiss nicht. ist tod überhaupt sinnvoll in dem sinne, dass er für irgendetwas gut ist? – relevant wird’s für die menschheit wohl mit der frage: warum leben wir, wenn wir sterben müssen?

    und bei der jesusgeschichte (aber nicht nur da) stehen wir vor der frage: warum kommt jemand, der nichts falsches gemacht hat, unter die räder von demütigung und gewalt und muss die todesstrafe erleiden? – dass das „so kommen musste“ via göttlicher vorsehung ist eine gute story aber überzeugt mich nicht. das kann doch keine erklärung für gewalt und tod sein.

  8. Mailin

    Zu „verstehen“, „Interpretation“ etc. stimme ich dir absolut zu, wir müssen neu lernen zu verstehen, vielleicht auf ganz anderen Wegen, vielleicht sogar ohne Gott(?).
    Ich glaube, etwas zu benennen ist wichtig, um es in sein Bewusstsein zu holen; man muss aber das, was hinter den Worten steht, kennen, irgendwie in sich selbst ansatzweise erlebt haben, sonst sind es nur noch leere Worthülsen.

    Zu deiner Frage: Ich denke, wenn man selber tief bewegt von etwas oder jemandem ist, meint man, das es allen so gehen müsse. Von frommen, überzeugten Christen kenne ich das, überaus nette Leute, die bloß einfach nicht verstehen können, dass ich mit ihrer Lehre quasi nichts anfangen kann, dass ich in ihr kein Heil fnden kann.
    Es gibt wohl zu viele Menschen, die meinen, die Welt retten zu müssen, die denken, sie allein wüssten, wie. Ich glaube, dadurch entstehen die meisten Kriege. Der Westen hat auch so eine Art „Missionsbefehl“ für „rückständige“ Länder, der da heißt: Fortschritt.
    Daran wird unsere Welt zersplittern, da bin ich mir sicher, weil wir verlernt haben, einander zuzuhören, zu verstehen.

  9. Mailin

    Vielleicht ist der Tod Christi als eine Art Mahnung zu verstehen, dass das individuelle Handeln nicht trägt, dass nicht einzelne Glieder abgetrennt heilen können unabhängig von dem ganzen Leib, dass alles irgendwie miteinander zusammenhängt.
    Vielleicht ist es wichtig, die Ungerechtigkeit stets vor Augen zu haben.
    Alles, jedes Handeln findet seinen Ausdruck, aber anders, als wir es uns wünschen, anders, als es vielleicht in unseren Augen gerecht wäre.

    Das ist nicht gerade ermutigend, ich weiß, aber das, was ich zurzeit für wahr halte.

  10. wessnet

    Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.

    Das ist mehr als Vorsehung und höher als Gerechtigkeit.

    Ist das sinnvoll? Nein, es ist Liebe.

  11. beisasse

    mailin: ja, der hinweis zu „fortschritt“ ist eine gute parallele. ja, es kommt nicht immer so, wie wir es dachten oder uns wünschten oder wie wir uns denken, dass es „gerecht“ wäre. dafür ist die jesus-geschichte bloss eine von vielen geschichten. das „happy end“ will uns aber weismachen: in die katastrophe hinein gehen und sterben verheisst letztlich leben. tod= leben. wer sich das ausgedacht hat, ist entweder genial oder hat einen ausgeprägten sinn für’s paradoxe.

    wessnet: liebe ist keine erklärung – liebe ist … einfach liebe. und da wären wir wieder beim schweigen. ich stelle mir liebe nämlich weniger so vor wie „ich will, dass alle es wissen!“ – das ist begeisterung oder verliebtsein oder so. liebe ist da stiller, glaub ich.

    (nebenbei bemerkt: für seine freunde zu leben ist auch nicht zu verachten.)

  12. wessnet

    Genau, ich wollte an eure Sinndiskussion anknüpfen: Liebe ergibt keinen Sinn, Liebe ist Liebe.

    Dass wir für Freunde sterben, ist noch weniger alltäglich, als für sie auch nur zu leben.

    Mir kam mal wieder Mutter Teresa in den Sinn: „Anfangs glaubte ich, bekehren zu müssen. Inzwischen habe ich gelernt, dass es meine Aufgabe ist zu lieben. Und die Liebe bekehrt, wen sie will.“

    In diesem Sinne finde ich die Reihenfolge sympathisch, erst einmal selbst Liebe zu empfangen (von Gott), dann zu lieben und zu antworten, wenn jemand fragt.

    Über etwas zu anderen zu predigen, was man selbst nicht versteht und/oder praktisch lebt ist natürlich wesentlich einfacher und bequemer.

    Aber was soll denn der arme Agnostiker tun, wenn res gar keinen Gott gibt, der sich selbst offenbart? Er müsste ja reden, sonst passiert ja gar nichts…

  13. Mailin

    @beisasse
    Tod=Leben
    Hmmm. Vielleicht so: Der Tod ist die Geburt in ein neues Leben hinein, das anders ist. Ein Schritt über die Schwelle in ein anderes Reich.
    Trotzdem, es ist sicher kein Aufruf zum Märtyrertum, sondern zur Auferstehung in Wasser und Geist, sich selbst verlieren oder so. (Ich weiß, dass das nicht sehr konkret ist.)
    Ich sehe es nicht als Happy End. Es musste so kommen damit wir verstehen. Jesus Christus hat uns die Wahrheit offenbart, die ist in meinen Augen nicht nur positiv.

    @wessnet
    Die Frage ist, ob man aus Nächstenliebe oder aus Selbstliebe sein Leben lässt. Was nützen all die Märtyrertote? Ist das wirklich Liebe oder bloß Fanatismus?
    Ich glaube, ich will nicht, dass ein Freund für mich stirbt.

  14. Mailin

    Ich glaube, Jesus hat den Kreuzestod aus einer Art innerem Pflichtgefühl erlitten, um die Verheißung zu erfüllen, nicht aus Liebe, oder nicht nur, sondern aus Wahrhaftigkeit.

  15. beisasse

    thorsten: das zitat von mutter teresa ist sehr griffig! die richtung finde ich gut. allerdings habe ich noch nie davon gehört oder erlebt, dass liebe irgendwen bekehren kann. liebe und erwiderte liebe gibt es nur freiwillig.

    mailin: „es musste so kommen“ – genau, weil es schon immer passiert ist und immer noch passiert: gewalt, gewalt, gewalt gegen menschen. er ist gestorben, weil alle menschen sterben und gewalt erleiden und weil er sich da nicht herausnehmen wollte.

  16. wessnet

    „Bekehren“, das Wort mag ich in der Bedeutung, wie man es so kennt, überhaupt nicht. Das hört sich so an wie: Ich weiß es besser als du, du musst anders werden, dann…

    So hat es Mutter Teresa auch gewiss nicht gemeint. Vielleicht mehr in der Art: Mit gelebter Liebe öffnest du anderen eine Tür zu Gott.

    Aber ist Hinwendung zu Gott nicht durch beides bedingt: Hören und erleben?

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