nichts heiliges (an sich)

Wegen des letzten Eintrags witzelten Andi und ich an anderer Stelle über den eventuell ketzerischen Gehalt der Aussage „Da ist ja gar nichts!“ – Auch am letzten Samstag liess ich mich bei einer Café-Gesprächsrunde (zum Thema „lebendiger Umgang mit der heiligen Schrift“) zu einer ähnlichen Aussage hinreissen. Nämlich der, ich würde das Buch, „Bibel“ genannt, so für sich so wie es im Regal stehe ja eigentlich gar nicht für heilig halten. Ich spüre von dem Buch aus keinen besonderen Anspruch an mich. Es ist genau anders herum: Erst wenn ich es lese und die Worte dieses Buches laut werden lasse, und erwarte, dass es eventuell bedeutsam für meine Lebens- und Weltinterpretation sein könnte, dann erst können die gelesenen Worte „heilig“ werden. Jemand rief dazwischen: „Ja, aber dann könnte ja jeder Text heilig werden!“, woraufhin ich ihm mit einem knappen „Genau!“ bestätigte, dass dies durchaus kein Problem für mich darstellt.

Die Bedeutsamkeit und der „heilige Anspruch“ des Textes liegt genauer gesagt eigentlich weder in dem Gegenstand („Buch“) noch in meinem Lesen, sondern in dem, was sich zwischen dem Text und mir ereignet, in dem DAZWISCHEN. Hier wird übrigens das Stichwort der Beziehung, das ja in der Publikation „beziehungsweise LEBEN“ ein starkes Augenmerk erhält, tatsächlich fruchtbar. Es ist die Beziehung zwischen dem eventuell heiligen Text und mir, was Lebendigkeit erzeugt und nicht mein sklavischer Gehorsam gegenüber einem erstarrten religiösen Kodex aber auch nicht die Unterwerfung des Textes mittels meiner exegetischen Werkzeuge.

Später am Tag, beim Vortrag von Propst Horst Gorski, erwies sich meine Ansicht als offensichtlich mögliche evangelische Meinung. Dort ging er ähnlichen Gedankengängen am Beispiel der Rede von „heiligen Orten“ nach. „Da ist ja gar nichts!“ muss also nicht ausschliesslich als Ausruf buddhistischer Wahrnehmung von der Leerheit der Phänomene verstanden werden. Ebenso kann es ein evangelischer Zugriff auf die Dinge sein, die bloss funktional begriffen werden. (Pardon, dies ist ein Blog, ich bin kein Theologe, man verzeihe mir alle denkerischen Unzulänglichkeiten! Übrigens: Der Vortrag von Horst Gorski war sehr anregend! Ich empfehle ihn wirklich zum anhören! Titel: „Der Norden betet – Einsichten und Aussichten zur geistlichen Landschaft einer evangelisch-lutherischen Kirche im Norden“)

4 Kommentare

  1. Juebe

    In diesem Zusammenhang finde ich die Unterscheidung von Aharon Agus hilfreich zwischen „fetischistischer Heiligkeit“ und „kommunikatorischer Heiligkeit“.

  2. beisasse

    willkommen, damien und juebe!

    bist du nordelbier, damien? sonst würde man gorski ja gar nicht kennen, oder?

    @juebe: „kommunikatorische heiligkeit“ – da kann man sich sofort was drunter vorstellen. sehr schön!

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