ich interessiere mich nicht für gott

In meinem Manuskript beschrieb ich die Haltung eines Menschen, der in die Kontemplation gezogen wird, so:

„Und so ist das, was man gemeinhin ‚kontemplatives Gebet‘ nennt, vom Wesen her eine Übung des Zustimmens. Deshalb hören wir bei dieser Art des Betens auf, Gott um konkrete Dinge zu bitten oder über ‚geistliche Dinge‘ nachzudenken. Die innere und äußere Haltung sind die eines absichtslosen Verweilens bei Gott oder dem, was ist.“

Das Lektorat fügte im letzten Satz das Personalpronomen „er“ hinzu (Update 2010-03-31: und ich habe dem bei der Durchsicht zur Freigabe nicht widersprochen, weil ich zu unaufmerksam gelesen habe). Darum steht nun gedruckt in „beziehungsweise LEBEN„:

„Die innere und äußere Haltung sind die eines absichtslosen Verweilens bei Gott oder dem, was er ist.“

(Update 2010-03-31: Die nun folgenden Äußerungen beziehen sich nicht auf das Lektorat, sondern auf … „Gott“.)

Leute, ich interessiere mich nicht für „Gott“. Wirklich. So lange wir noch in unseren abgegriffenen Geschichten und Phrasen herumstochern, ob noch etwas Frisches zu finden ist, wird uns der Gott, der kommt, niemals begegnen können. Denn so erlauben wir ihm nur das zu sein, was wir aussagen können. Und das ist zu wenig.

Manchmal wird versucht, zu klären: „Was ist christliche Meditation im Unterschied zu Zen-Meditation?“ Und was ist die Antwort? Etwa, dass man bei christlicher Meditation sich Gott zuwendet und Begegnung stattfindet, während man bei Zen auf Leere trifft? Und woher weiss man, dass man Gott begegnet oder ihn „erfährt“, wenn man in den Raum der Stille eintritt? Es ist doch so: Wir können nur das sehen, was wir erwarten zu sehen. Und was wir nicht erwarten zu sehen, blenden wir aus. Und was wir nicht sehen wollen, das sehen wir auch nicht.

Im Jesajabuch werden in der sogenannten Thronvision (Jesaja 6) die Seraphim als Fabelwesen mit sechs Flügeln beschrieben. In der Offenbarung des Johannes wird dann gesagt, die Flügel wären innen und aussen „voller Augen“ (Offenbarung 4,8). Diese Wesen, die als Thronwächter um Gott stehen, sind also „ganz Auge“, ganz rezeptiv, nehmen die Fülle des Lichtglanzes Gottes auf. Der Kontemplative wird auch ganz Auge und ganz Ohr. Und das ganz unterschiedlos, ohne Filter. Jedenfalls ist das die Idee. Er bleibt rezeptiv, empfänglich und bereit. Auch wenn nichts von irgendeinem Lichtglanz eines seiner vielen Augen berühren würde. Überhaupt bleibt er bereit, alles wahrzunehmen, ohne den Dingen Namen zu geben, ohne sie zu kategorisieren, denn er weiss, dass er nichts Anderes, und nichts ihm Fremdes erfahren kann, wenn er mit einem bekannten Raster an die Phänomene herangeht.

Wenn wir uns der Meditation widmen, einer Übung, um „bereit zu sein“ und „zuzustimmen“, dann müssen wir auch bereit sein, einem „Gott“ zu begegnen, den wir (noch) nicht kennen. Dann müssen wir auch bereit sein, „Gott“ nicht zu begegnen. Wir können nicht das „Ergebnis“ von Meditation vorher schon festlegen.

Wenn du eine ganz klare Vorstellung von Gott hast, dann brauchst du dich gar nicht erst auf ein Meditationskissen zu setzen. Das wäre einfach nur Zeitverschwendung.

10 Kommentare

  1. wessnet

    Wie klappt es denn, vorstellungslos zu werden? Ich fürchte, das packe ich nicht.

    Gegen deinen Ansatz wollte ich nach erstem Lesen meckern, habe dann aber festgestellt, dass es stimmt, was du sagst. Nur: Wie in Gottes Namen (oder des Namen dessen, was ist) stellt man das an?

  2. beisasse

    und hier im kommentar die relativierung von radikaler bildlosigkeit: natürlich können wir kaum etwas begreifen, wenn wir nicht kategorien schon mitbringen. man kann nur erkennen, was man vorher schon mal erkannt hat.

    wir können uns den dingen (und auch gott) nur mit bildern und wörtern nähern, die wir gelernt haben. in bezug auf diese gott-sache müssen wir aber immer bereit sein, die bilder und wörter als eben „nur-bilder“ und „nur-wörter“ zu durchschauen. dann sind wir frei. und dann schenken wir diesem gott-dingens die freiheit, die ihm/ihr zusteht. und das trifft natürlich auf die menschen, die wir lieben oder hassen, gleichermassen zu.

    sich für bildlosigkeit und sprachlosigkeit einzusetzen ist auch ein akt, einem götzendienst entgegenzutreten. denn nichts anderes ist götzendienst als „bloße-bilder“ und auch „bloße-sprach-bilder“ als bereits schon „das eigentliche“ zu setzen und zu verehren und in seinem namen kriege zu führen oder leute zu bekehren.

  3. Noah

    Versuch.

    Am Wegesrand stehen Männer in langen Gewändern und preisen den Vorbeigehenden Luft in Gläsern an. „Ich gebe euch die einzig wahre Luft“ sagen sie. „Hütet die Gläser, ehrt sie.“

    „Hört nicht auf sie“, sagt ein abseits Stehender. „Leert eure Lungen, dann erst wird wahre Luft in euch strömen.“

    „Was aber ist dann in den Gläsern?“ fragt ein kleiner Junge.

    (Hoch über ihm fliegt eine Möwe vorbei, in deren Schnabe gerade ein Fisch an der Luft erstickt.)

  4. klanggebet

    vielleicht tröstet es den ein oder anderen, der unter dem anspruch der kontemplation in die knie geht, dass auch schon das erkennen des eigenen glaubens als symbolhaft dem unaussprechlichen die tür öffnet. man muss, um dem unaussprechlichen zu begegnen, nicht die kargheit eines dauerkontemplativen lebens auf sich nehmen. das ist kein weg für jeden. für jeden frei zugänglich aber ist die erkenntnis, dass man auf dem pferdchen der begrifflichen aporie hoffnungsfroh in den sonnenaufgang reiten kann.

  5. Pingback: beziehungsweise leben / Verweilen bei dem was ist
  6. Björn

    Hallo Yotin,

    ich bin mir nicht sicher, ob ich Deine Grundannahme über Gott an diesem Punkt teile. Mir kommt es so vor als ob der Rezipient (der Mensch) deiner Meinung nach durch seine Haltung über den Erfolg einer Kommunikation entscheiden kann, die Gott initiiert. Gottes Absicht sich mitzuteilen steht am Anfang von allem – natürlich können wir dem im Weg stehen, aber dennoch dürfen wir unseren Part dabei nicht überschätzen.
    Wenn Gott Begegnung sucht, dann wird sie stattfinden. Das nimmt uns Last ab, denn Vorprägungen, Schubladen und Kategorien in Bezug auf Gott loszulassen ist eine Lebensaufgabe. Ich glaube, dass es zugleich einfacher und komplexer ist. Einfacher, weil Gott sich finden lässt, auch wenn wir Scheuklappen tragen und er uns begegnen will und komplexer, weil wir wir sind.
    Mir fehlt aber in Deinem Blogeintrag die Befreiung, die damit einher geht, dass Gott redet, geredet hat und sich deutlich macht. Ich muss mein Bild hinterfragen, meine Kategorien sprengen lassen, bin aber ein gefallener Mensch und habe es nötig, dass ich auch im Gebet von Gott her Begegnung erfahre und mir durch seine Aktion meine Kategorien in einer Art und Weise sprengen lasse, die ich schwer selbst herbeiführen kann.

    Deine Korrektur ist von den Bewegungen des geschichtlichen Pendels her angebracht, schwingt aber damit auch – meiner Meinung nach – darüber hinaus.
    Dein letzter Satz provoziert natürlich und polarisiert – wenn Gott uns begegnen will, dann tut er das – wie wir damit umgehen ist dann wieder ein anderes Kapitel.
    Wobei mir ein Kapitel in „Das Wunder von Narnia“ einfällt, in dem ein Mensch (der böse Onkel Andrew) das Singen Aslans und sein Reden kategorisch ausklammert und ihn nur „brüllen“ hört, weil er nicht zulassen kann, dass ein Löwe sprachlich und kreativ kommuniziert.

    Ich hoffe aber, dass niemand, der sich auf ein Meditationskissen setzt von Gott unverständliches erwartet, sondern vielmehr offen ist für eine Begegnung, die unseren, begrenzten, menschlichen Rahmen sprengt und damit auch unser immer falsches Bild von Gott entlarvt und und uns zur Demut auffordert.

    Ich bin auf Deine Antwort gespannt…

    :-)

  7. beisasse

    hallo björn, der mensch kann eben nichts verfügen. da sehe ich keine überschätzung menschlicher möglichkeiten.

    wenn wir den „anspruch der bildlosigkeit“ auf die spezielle praxis meditativer übung einschränken, bleiben kreativer religiöser selbstbeschäftigung doch keine grenzen gesetzt: es gibt genügend bild-volle, wort-reiche, emotionale, affirmative ausprägungen (gesang, liturgie, worship-konzert, etc. you name it). die haben dort ihre berechtigung. da wäre es doch okay dem raum der meditativen praxis eine eigene – bild- und wortlose – ausprägung zuzugestehen, oder?

    ich gebe es zu, there is a slight air of superiority among meditators – denn auch das sind nur menschen, die ein ego haben. sonst macht es ja auch keinen spass.

    aber im ernst: räume und ausprägungen zu unterscheiden ist gut. sonst wäre alles einerlei.

    wünsche gute tage!

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