mystiker der zukunft

Mystiker der Zukunft
von Yotin Tiewtrakul

Irgend jemand muss es ja mal machen: die aktuelle Situation auf dem spirituellen Markt der Möglichkeiten beleuchten und in das Licht reflexiver Theologie zu halten. Das „theologische Licht“ ist in Sabine Boberts „Jesus-Gebet und neue Mystik“ allerdings nicht irgend eine gesetzte christliche Dogmatik. Nein, es speist sich aus Portraits verschiedener Theologen, Mönche, Mystikerinnen und Asketen. So stehen in der Darstellung der Mystagogik seit der Antike bis zur Postmoderne zum Beispiel Odo Casel, Dietrich Bonhoeffer und Manfred Josuttis nebeneinander. Zwei Künstler, Andy Goldsworthy und Antony Gormley werden zu Kronzeugen „mystischer Ästhetik“ in der Gegenwartskunst. Im Abschnitt „Der mystische Weg des Einzelnen“ kommen diverse Persönlichkeiten zur Sprache wie Charles de Foucauld, Henri Nouwen, Ambrosius von Mailand, Mathieu Ricard, John Main, Emmanuel Jungclaussen, Ignatius von Loyola, Bernhard von Clairveaux. Unter anderem.

Es ist also auch ein Lesebuch, wo man griffige Deutungen mancher Biographie (so über Charles de Foucauld) findet, als auch übersichtliche Darstellungen spezifischer geistlicher Übungen (so zum historischen Nachweis der Praxis des sogenannten Jesus-Gebets). Das Anliegen, zu einer zeitgenössischen christlichen Mystagogik anzuregen, wird scheinbar durch die Evokation der oben genannten Kronzeugen versucht umzusetzen. Wird aber allein durch das Aufrufen dieser Kronzeugen, durch eine Art postmoderne Heiligenlitanei, eine zeitgenössische christliche Mystik und eine theologische Neuorientierung greifbar? Meine Frage ist: Wie kann das hier Dargestellte speziell für den Protestantismus einen gangbaren Weg weisen? In welchem Gestaltungsraum werden die Referate dargeboten? Es heisst zum Beispiel in dem letzten Abschnitt „Gemeinsame Rituale als Einweihungswege“:

„Wer die Kraft der eucharistischen Vereinigung für seinen Entwicklungsweg nutzen will, braucht möglichst einen täglichen Zugang zu ihr. Die Entfernung der Eucharistie aus dem alltäglichen Lebensrhythmus führt nicht zur Entfaltung des Mysteriums, sondern zu wachsender Entfremdung und Nichtverstehen.“ (Seite 422)

Das ist eine mutige Anregung – Bloss: Woher? Was kann ein evangelischer Christ, der einen „mystagogischen Weg“ geht, praktisch dann tun? Interessant ist dann gewiss der Nachweis patristischer Empfehlungen zur täglichen Kommunion und der Hinweis, dass sich die Mitgabe der Eucharistie für die restlichen Tage der Woche besonders im Mönchtum, vor allem für eremitische Lebensformen, gehalten hat. Wie kann heute daran angeknüpft werden? Durch ein pragmatisches „einfach machen“? Wirkt eine eucharistische Spiritualität im evangelischen Raum statt transformativ nicht ungewollt ekzentrisch?

Der Titel des letzten Abschnitts ist richtig, es müsste tatsächlich um „gemeinsame Rituale“ gehen. Mir scheint aber, die Rituale sind nicht das Problem, sondern das Stichwort „gemeinsame“. Der Christ der Zukunft, nach dem Wort Rahners, wird vielleicht Mystiker sein. Okay, geschenkt. Aber der neue Mystiker muss auch sehen, was es bedeutet, Leben mit anderen zu gestalten, oder er wird nur ein Ekzentriker sein.

Vielleicht kann das versprochene Praxisbuch unter dem Titel „Mystik und Coaching“ dies bedenken.

4 Kommentare

  1. Noah

    „Aber der neue Mystiker muss auch sehen, was es bedeutet, Leben mit anderen zu gestalten, oder er wird nur ein Ekzentriker sein.“

    Eine rein subjektive Erwähnung am Rande:

    Mystik und Muss haben nicht mehr als ein M und ein s gemeinsam.

    Mystik ist eine Tür, Muss ist eine Norm.

    Mystik kann einen Impuls auslösen. Wie dieser sich auswirkt, liegt am Strickmuster des erfahrenden Menschen.

    (s.a. http://mentio.blogspot.com/2008/10/kologie-inwendig.html )

  2. beisasse

    tasächlich. Mystik und Muss-tick sind sehr verschieden. das „muss“ hat nur eine berechtigung im strickmuster. in diesem falle heisst das strickmuster wohl „christliches bzw. kirchliches leben“.

  3. inge

    hey yotin,

    dein zitat von seite 422 hat mich sehr angesprochen, obwohl ich ja gar nicht evangelisch bin.

    auch für katholische christen/mystiker (wenn man das den so einteilen will) würde gelten, dass der empfang der hl. kommiunion täglich erfolgen sollte, wenn man sich dem mysterium nähern will und sich nicht davon entfernen möchte.

    wie machst denn du das, wenn ich fragen darf?
    und kannst du bestätigen, dass der tägliche empfang der hl. kommunion dich weiterbringt?

    obwohl ich wie gesagt katholisch bin habe ich nie die heilige kommunion täglich empfangen. sie ist mir auch immer fremd geblieben, ein mysterium.

    vielleicht liegts am nicht täglichen empfang? was meinst du?

    liebe grüsse nach langer pause. inge.

  4. martin

    hallo, ihr

    ich hab das buch von der bobert auch verschlungen. an vielen stellen hochinteressante gedanke!! meine frage jetzt: welche anderen bücher könnte ihr empfehlen über meditation, achtsamkeit, auswirkungen auf das gehirn, jesusgebet und wahrnehmungsveränderungen … vielen dank, wenn ihr mir da einen tip geben könnt … martin

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