nichtkloster

Wenn nach Vertiefung eines spirituellen christlichen Lebens geschaut wird, wo schaut man hin? Wenn Kirche neu bedacht werden soll mit der Frage nach Möglichkeiten der Gestaltung von intensiver Gemeinschaft erscheint die Projektion „Kloster“. Dabei halte ich diese Reflexions-Folie für überhaupt nicht sinnvoll.

Kloster bedeutet: Entweder bist du drin oder du bist draussen. Diese Klarheit kommt weder unserem differenzierten Management diverser Bezüge entgegen, noch spiegelt sie die verschiedenen Begegnungen und Beziehungen des Rabbis aus Nazareth. Dort gibt es zwar durchaus einen engen Kreis, und gar einen Lieblingsjünger, dann aber auch reiche Frauen, die mit unterwegs waren, anonyme Sympathisanten, aber auch dieser Bewegung Verbundene, die nicht mit herumziehen: einige Mitglieder der religiösen Elite, Freunde und Bekannte wie Maria, Martha und Lazarus.

Anders in der Projektion von Kloster: Die Klostergemeinschaft ist von der Idee her eine Elite, eine Kerngruppe, eine Phalanx, eine Avantgarde spirituellen Heroismus. Sie eröffnet eine Unterscheidungsmöglichkeit von einer Sorte Christen, die es ernst meinen, von anderen, die nur halbherzig bei der Sache sind.

Ein Gegenbild: Gemeinschaft und gestaltete Begegnung im Namen des Rabbis aus Nazareth, ja im Namen des dynamischen Gott-Kollektivs besteht aus verschiedenen Layern, aus verschiedenen Membranen und unterschiedlichen Graden von Zugehörigkeit. Es gibt kein Drinnen oder Draussen, sondern nur Gravitation und verschiedene Orbits.

Was ist das Gravitationszentrum, was macht die Gravitas, die Schwere, die „Kabod“ aus? Es ist ein Geheimnis. Aber konkret und sichtbar und rituell und als Vollzug erfahrbar, erscheint die Gravitas in der Tischgemeinschaft.

Das Gravitationszentrum ist nicht benennbar. Aber sie entfaltet ihre Kraft, die immer einladend ist, stets voller Respekt aber auch vor den verschiedenen Möglichkeiten von Nähe und Distanz. Es gibt hier die Freiheit, näher am Zentrum zu kreisen und sich auch wieder zu lösen. Alle „Objekte“ in ihren (wechselnden) Orbits werden wiederum zu Anziehungskörpern, gewinnen eine eigene Dichte, fügen der Mitte gelegentlich auch mehr und mehr Schwere und Gravitas hinzu. – Nun, wie nennt man ein solches Gebilde? Ja wohl nicht Kloster.

10 Kommentare

  1. Maria Magdalena

    Nein, nicht Kloster, sondern „Orden“. Kloster ist etymologisch verwandt mit „close“ (Abschließen, Klausur …), währende „Orden“ von „ordo“ kommt: Regel. Und da sind eben auch Dritte Orden, neue geistliche Gemeinschaften mit inbegriffen, die durchaus ihre Regeln haben, aber eben nicht zwingend zölibatär, „closed up“ sind, dennoch aber gemeinschaftsstiftend. Davon abgenzen möchte ich den sogenannten „Verbandskatholizismus“, der katholisch nur unter ferner liefen ist: Die DPSG z. B. beruft sich auf den anglikanischen Gründer Baden Powell, eine (spezielle) Kolpingfamilie sieht sich im Wesentlichen als Organisationskommitee des Pfarrfestes …

  2. inge

    ein schönes bild!

    “ Nun, wie nennt man ein solches Gebilde? Ja wohl nicht Kloster.

    Vorschlag 1: man nennt es Gemeinde?
    Vorschlag 2: ich kenne zwar das opus dei nicht, aber es könnte so etwas darstellen, was du beschreibst: eine personalprälatur nennt man das, glaube ich
    Vorschlag 3: man nennt es familie?

    wo anziehungskräfte, da sind auch abstossungskräfte.

  3. Stefan

    Ich nenne es Kirche. Nicht so wie die Kirchen uns heute begegnen, sondern im ursprünglichen Sinne als kyriaké ekklesia – Gemeinschaft im Herrn.
    Eines der besten Bilder dafür: Ein Leib und viele Glieder – im ersten Korintherbrief.

  4. beisasse

    gewiss, es gibt eine gewisse „ordo“, gewisse gesetzmäßigkeiten, wie das mit der anziehung und so vonstatten geht. aber in „orden“ steckt zu wenig flexibilität.

    „gemeinde“ (und auch „kirche“) mag ich es nicht so gerne nennen, weil den meisten da doch eine art vereinschristentum vor augen ist.

    man nennt es auch nicht „familie“, weil der aspekt der wahl darin fehlt.

    „gemeinschaft (in christus)“ – vielleicht. jedoch ist mit dem bild vom leib das ganze schon im voraus gesetzt. und ich stelle mir bei dieser gravitationssache etwas vor, was erst im entstehen ist.

    danke für euer mitdenken …

  5. Stefan

    Lieber Yotin,

    lange habe ich über diesen Artikel nachgedacht.

    Derzeit kommte ich zu dem Ergebnis, dass das (überraschend gute) Bild der Gravitation und der verschiedenen Orbits nur beschreibt, wie es ist.

    Unabhängig davon, dass ich das Kloster für einen völlig legitimen [spirituellen] Lebensentwurf ansehe, halte ich die Dynamik der Gemeinschaft nicht für richtungslos, und einen übergeordneten „Anspruch“, gleichsam einen Maßstab, nicht für bedeutungslos. Wenn ich dich richtig verstehe, siehst du das ähnlich (aber nicht gleich), wenn du von dem „Gravitationszentrum“ sprichst. Die Freiheit des Lösens und Annäherns, stelle ich nicht in Abrede, betrachte sie jedoch nicht als Ideal, sondern als Schwäche. Das ist nicht gemeint im Sinne einer Forderung nach äußerem Zwang, sondern im Hinblick auf die Qualität der Verwirklichung von Spiritualität. Eine menschliche, wohl kaum überwindbare Schwäche; daher nicht verwerflich, aber auch nicht unveränderlich, und eben kein Ideal. Möglicherweise denkst du in eine nicht unähnliche Richtung, wenn du dir etwas vorstellst, „was erst im entstehen ist“.

    Ich denke, man muss sorgfältig unterscheiden zwischen der äußeren Freiheit und der inneren Freiheit. Die äußere Freiheit meint dabei nicht nur das Zugestehen durch eine Gemeinschaft, sondern auch das, was man den „Willen“ des Menschen nennt. Der Nazarener nimmt, so meine Wahrnehmung, in einem überaus hohen Anspruch (innere) Freiheit dadurch, dass er einen Weg geht und gehen lässt, der keine Abzweigungen und keine Nebenstraßen hat. Dieser Weg beginnt möglicherweise mit einem Wollen, benötigt unterwegs auch ein Wollen als Korrektiv – aber nicht als Regulativ. Oder anders: Nur der Kopf kennt Freiheit, das Herz kennt sie nicht. Nur der Kopf nennt Freiheit, was des Herzens Schwäche ist.

    Das ist kein Plädoyier für Ungeduld, nur eine persönliche Momentaufnahme, vielleicht blöd, und im Übrigen nur am Rande erwähnt (ich bin übrigens der Noah, der gelegentlich hier im Kellion mal was am Rande kommentierte).

    Einen Gruß an dich.

  6. beisasse

    lieber stefan/noah, danke für den kommentar. dass er so gereift ist, erfordert sicher eine ebenso durchdachte erwiderung. die habe ich nicht.

    richtig ist, dass ich skeptisch bin gegenüber „idealen“ von spiritualität. wir können nicht alle ignatius werden oder benedikt. deshalb würde ich ein schwergewicht auf eine „berufung“, die im werden ist, legen. die frage ist dann: auf diesem sehr individuellen weg: wo gibt es da ein korrektiv?

    könntest du da noch einmal die sache mit dem kopf und dem herz und der freiheit erläutern?

    mit gruss,
    yotin

    • Stefan

      Lieber Yotin,

      ich habe nachgedacht, wie ich speziell die Sache mit dem Kopf, dem Herz und der Freiheit erläutern könnte. Schließlich habe ich heute Abend einen Artikel daraus gemacht.

      http://seelengrund.wordpress.com/2010/09/18/dienerschaft-gottes/

      Das Kellion spiegelt vermutlich nur Momentaufnahmen von Ausschnitten deines Seins. Diese Spiegel lassen mich vermuten, dass mein Artikel vielleicht nicht deine Welt sein wird. Aber das ist meine Antwort.

      Was ich noch loswerden möchte: Du hast mir manchen Anstoß zu Überlegungen gegeben. Danke. Ich freue mich auf weitere Artikel von dir.

      Herzliche Grüße
      Stefan

  7. Stefan

    Ich will es mal so versuchen auszudrücken, lieber Yotin:

    Einmal angestoßen, bahnt sich die Evolution des Lebens auf diesem Planeten ihren Weg. Ohne Creator, ohne Designer, ohne Plan, mit Rückschlägen, Einbrüchen, „Fehlentwicklungen“, Neuansätzen, zu immer komplexeren und „höheren“ Lebensformen und Symbiosen, holarchisch unter Beibehaltung auch der einfacheren und „niederen“ Lebensformen und Symbiosen.

    Ungefähr so ist es auch mit der spirituellen Evolution [des Gesamten und] des Einzelnen, wenn der Impuls erst einmal aufgenommen wurde. Das hat mit Idealen nichts zu tun (das Ideal ist nur eine in die Zukunft projizierte Jetzt-Perspektive), aber auch nichts mit Laissez-faire, und nichts mit Willen. Das Korrektiv dient nicht zur Steuerung der Evolution, sondern zu ihrer Sicherung.

    („Berufung, die im werden ist“ finde ich übrigens nicht schlecht. Ob der Weg – im Kern – sehr individuell ist, bezweifle ich derzeit. Vielleicht sind’s eher die Schuhe (oder für manche die Fahrzeuge), die wir auf diesem Weg nutzen.)

    Herzliche Grüße
    Stefan

  8. beisasse

    ah!

    das unterschreibe ich wohl auch: das korrektiv (und auch das kollektiv) dient zur sicherung. ganz praktisch: für die nächste generation, für die zukunft etc.

    blöd nur, dass das kollektiv so viel unsinn immer mit transportiert.

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