was kommt nach der integration?

Was kommt nach der Integration? Was hat es den assimilierten Juden gebracht, die sich in die deutsche Gesellschaft eingegliedert hatten, als sie verfolgt wurden? Ist man im Stadium der geglückten Integration und der Assimilation angelangt, geht das Spiel der Abgrenzung weiter. Die Formel dafür geht dabei so: So sehr sich der Jude auch deutsch herrichtet, es bleibt doch immer nur ein Nachäffen. Man schaue sich dafür als Beispiel Richard Wagners Aufsatz „Das Judenthum in der Musik“ von 1850 an. Meine Vermutung ist daher: Die Menschen, die jetzt über Integrationsverweigerer schimpfen, werden niemals zufrieden sein.

Ein Nebengedanke: Der Grund in dem stets latent vorhandenen Spiel der Abgrenzung liegt meiner Meinung nach in der verbreiteten Auffassung, alle Dinge hätten ein ihnen eigenes Wesen, das unveränderlich ist. Die deutsche Geistesgeschichte liebt dieses Wort. Es braucht mehr als nur eine Spass-Postmoderne, um das aufzuweichen.

Zweiter Nebengedanke: Meditierende machen eher die gegenteilige Erfahrung: Gedanken haben keine Essenz, sie haben „keine feste Konsistenz“, sie sind flüchtig. Meditierende sind eher darin geschult, „alles“ – entschuldigt diese grosse Wort – anzunehmen. Das eine ist so „gut“ als wie das andere. Ich kann es gebrauchen oder nicht gebrauchen, ich gehe damit um – aber seine Essenz interessiert mich nicht.

5 Kommentare

  1. Simon

    Mit diesem Gedanken habe ich mich auch in der letzten Zeit viel aus beruflichen Gründen beschäftigt.
    In der Pädagogik gibt es den Begriff der Inklusion.
    Kurzgefasst sagt er aus, dass nach der Integration, die Inklusion folgen muss.
    In der Integration geht es mehr darum: Wie musst du dich oder ich mich verändern, dass du in diese meine Welt passt.
    Inklusion versucht eher Wege zu finden, wie ein Umfeld geschaffen wird, in dem alles Dasein seinen Platz haben kann.
    Dies bezieht sich auf alle Menschen.
    Ich bin an diesen Begriff durch die Heilpädagogik geraten, aber der Gedanke ist universal und soll sich auch nicht auf eine Gruppe von Menschen beschränken.
    Kann dir grad leider keine tollen Literaturtipps mitgeben.
    Mal schauen, vielleicht find ich ja noch irgendwas.

  2. klanggebet

    lieber yotin,

    bei allem respekt, aber das gemaule heutiger (übrigens sehr inhomogener, was die gründe betrifft) integrationsskeptiker am „judenthum in der musik“ von wagner zu messen, das halte ich argumentativ einfach für unsauber und heikel. „nie zufrieden“ sein ist auch etwas anderes als antisemitisch oder rassistisch sein, ich weiss daher nicht so recht warum du dieses verharmlosende wort benutzt? was sind denn die gründe jener, die heute maulen? sollte man da nicht differenzieren?

    und wenn dich das unveränderliche wesen von gedanken als meditierender nicht interessiert, warum unterstellst du dann, von wagner ausgehend, einen unveränderlichen hang zur „unzufriedenheit“ was die integration von menschen anderer ethnien betrifft?

    dass die „spass“-postmoderne (warum so polemisch?) bezweckt habe den gedanken des unverändlichen wesens aufzuweichen, ist zwar eine interessante behauptung, aber nach meinem ermessen hat sie das unveränderliche wesen bloss anders verortet, sich aber keineswegs davon getrennt.

    deinem gedanken, dass abgrenzung gerade auf dem glauben an ein unverändliches innerstes wesen basiert, kann ich nicht folgen. glaubst du abgrenzung verschwände, nähmen wir an, es gäbe kein unveränderliches innerstes wesen (und sei es das göttliche)?

    liegt in der anerkennung der flüchtigkeit allen denkens und beurteilens ein schlüssel zur freiheit und annahme des nächsten? ich glaube schon. liegt in der aberkennung eines innersten unverändlichen wesens freiheut und annahme des nächsten? ich glaube eher nicht.

    schöne grüsse zum wochenende
    giannina

  3. beisasse

    hallo simon! yep, ich habe auch ein paar freunde, die mich – im anderen zusammenhang – auf diesen begriff schon einmal hingewiesen haben. aber gut, dass du mich noch einmal daran erinnerst, dass es leute gibt, die da weiter denken. du bist sicherlich im rahmenthema von „behinderung“ über den begriff gestolpert? die das nordelbische jugendfestival in travemünde hatte ja auch „inklusion“ als grosses (neben-)thema. gut. schauen wir weiter. schauen wir, ob wir weiter kommen.

    mit gruss,
    yotin

  4. gwenhwyr

    Da hast Du wohl Recht, denn wo Forderungen gestellt werden, wird es wohl niemals Zufriedenheit geben. Es ist ein Gefühl viele Migranten, dieses nie genug sich integriert zu haben. In einer Gruppe von Migranten haben wir das Thema lange geweltzt, am Ende blieb oft nur Wut. Aber ein paar Lösungen für uns haben wir auch hinbekommen.

    Bei Theo Sundermeier („Den Fremden verstehen)bin ich auf einen anderen Begriff gestoßen, der mir aussagekräftiger erscheint: Konvivenz (Zusammenleben).
    Nach meinen Empfinden könnten dadurch Schwerpunkte verschoben werden, von „Wer muss was für die Integration leisten?“ hinzu „Wie können wir unseres Zusammenleben gestalten?“
    Konvivenz stützt sich auf drei Grundpfeilern:
    1. gegenseitige Hilfe
    2. gegenseitiges Lernen
    3. gemeinsames Feiern
    und setzt voraus, dass man den anderen, den Fremden kennen lernen und verstehen will. Fremd sind, je nach Betrachtungsperspektive, beide: sowohl derjenige, der neu in eine Gemeinschaft kommt als auch die alteingesessenen Mitglieder einer Gemeinschaft.

    Was die philosophischen Grundlagen angeht, denke ich, dass sich auch in der westlichen Philosophie einige Schätze ausgraben lassen. Also gedankliche Ansätze, die eben nicht Zementieren, sondern die Wahrnehmung schärfen und die Beweglichkeit schulen. Die Phänomenologie, die Hermeneutik, die Philosophie des Dialogs und die Philosophie des Dramas wären für mich geeignete Adressen zum suchen.

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