the shape of belonging

Der Aufsatz „Discipleship and the shape of belonging“ von James Alison (in dem Sammelband „Broken Hearts and New Creations„, Seiten 54-72) sprach mich so sehr an, so dass ich hier mit eigenen Worten den Gedankengang nachzeichne, um zu sehen, ob ich es auch wirklich verstanden habe:

Durch Imitation lernt der Mensch als soziales Wesen zu handeln. Das haben wir so gut entwickelt, dass wir oft nicht merken, wie unsere Handlungen automatische Reaktionen auf Handlungen anderer Menschen sind. In solchen Situationen gibt es kein „Ich“, das aus einer Position der Freiheit heraus mit anderen interagiert. „Rather, the relatively stable ‚I‘ is a symptom of the massively successful social interactions which bring it into being and sustain it.“ (Seite 60)

Unsere „Selbste“ sind in dem Spiel der Imitation reflexiv, das heisst, wir sehen nicht nur die anderen, sondern auch uns selbst wie sie uns spiegeln. Wir lernen dabei nicht nur das, was die anderen uns beibringen wollen, denn das Spiel der Imitation ist so übergreifend, dass wir auch aufnehmen, was uns verschwiegen wird über uns, über die anderen und über die Welt. In solcher Gemengenlage ist unser „Ich“ auch ein „Wir“ und „Wer bin ich?“ ist die drängende Frage.

Zugehörigkeit („belonging“) ist gekoppelt mit Imitation, in der Bedeutung, dass wir eine Identität gewährt bekommen durch einen anderen. Dieses Spiel verläuft zyklisch: wir imitieren und erlangen Zugehörigkeit, wir fallen aus der Zugehörigkeit heraus und finden andere Vorbilder, die uns über unser Nachahmen Zugehörigkeit gewähren etc. Grundregel dabei ist Reziprozität, das heisst Gegenseitigkeit. Wie ich dir, so du mir etc. Das geschieht nicht nur über Gefälligkeiten, auch negative Gegenseitigkeit kann Zugehörigkeit unterhalten. Für verfeindeten Gruppen ist dies zum Beispiel von entscheidender Bedeutung. Der Zyklus beginnt bei der Imitation, die dann zur Rivalität wird, zu Gegnerschaft und dann zu Rache.

Die Jesusgeschichte durchbricht diesen Zyklus. Ein erster Unterschied ist, dass im Spiel der Imitation wir uns normalerweise zu Stärkeren und Erfolgreichen hin orientieren. Die Bewegung im Lebenslauf Jesu geht aber in die Erniedrigung und in die Schande und in den Tod. Hier öffnet sich ein Raum, der nicht von der übergreifenden Imitation infiziert ist. Auch die Grundregel der Gegenseitigkeit wird hier aufgehoben, weil dieser Messias behauptet, Leben zu gewähren ohne dass man etwas dafür hergeben müsste. Sein Ruf zur Imitaton („Nachfolge“, „discipleship“) fordert daher auch dazu auf, dieses freiwillige Geben und das „Gewähren umsonst“ weiter zu führen: Wenn du ein Mahl gibst, lade nicht deine Freunde ein, die dich dann wieder zurück einladen. Lade lieber Arme, Blinde und Lahme ein, die dir das nicht zurück erstatten können etc. (siehe Lukas 14,12-14)

Neben diesem „freiwilligen Geben umsonst“ entlarvt sich das normale übergreifende Spiel der Imitation als vom Tod und von Angst unterhalten. (Ich glaube, man kann es daran merken, dass eine erste Reaktion bei der Einladung zum freien Geben sehr oft ist: Und wo bleib ich dann dabei? Was hab ich denn davon?) Dieser Messias aber behauptet aber, den Platz der Schande, der Benachteiligung und des Todes bereits besetzt zu haben, so dass die, die in dieses neue Spiel des freien Gebens kommen, agieren können als hätten sie den Tod schon hinter sich.

Vier Momente dieser neuen Imitation/Nachfolge: entledigen („stripping away“), sprudelnde (?) Kreativität („spluttering creativity“), sich wenden („turning“), zugehören („belonging“).

(a) Der Prozess des Entledigens liegt im Verlust der Reputation und der guten Meinung, die andere über uns haben. Dies ist nötig, damit wir nicht mehr von der Meinung anderer gegängelt werden. „So we must pray in the one room in the house where no one can see us, … because we are esentially puplic puppets, and are run by the desires of others, and need to spend a lot of time in detox from the desires, voices, patterns of reward and expectation from those others in order to begin to hear the voice of One who is totally outside reciprocity, and is totally gratuitous.“ (Seite 67)

(b) Normalerweise lässt sich schnell Identität gewinnen, indem man eine Position bezieht, auf Meinungen reagiert oder sie provoziert. Darin liegt nichts Kreatives. „Well, how on earth am I to be creative of anything, if there is no longer anything for me to be over against? What on earth does it mean to be creative out of nothing? For it is only the things which are created out of nothing which have real meaning, stability and being. Anything created reactively is entirely dependent on what is already there, and is going out of being.“ (Seite 68)

(c) Anders als die Bewegung des „Entledigens“, schickt der Prozess des „Wendens“ einen dorthin zurück in seine Bezüge, allerdings ohne gegängelt zu werden vom Spiel der Gegenseitigkeit und Rivalität. „… it is a strange sense of being run by somewhere else, and so being able to start to return to life in the places and even groups of the old belonging without being frightened by them, or feeling reactive to hem, tor having to survive them.“ (Seite 70)

(d) Wie im Spiel der Imitation das „Ich“ eigentlich ein „Wir“ der anderen ist, die Identität gewähren, so ist es nun das „Ich“ des Messias, das mein „Ich“ konstituiert. Sein „Ich“ gibt mir „Ich“. Diese Zugehörigkeit zu Christus mündet nicht in Rivalität, weil die Grundregel der Gegenseitigkeit hier aufgehoben ist. „This form of belonging is not the ‚jealous ownership‘ of the owner who ties you down and makes sure that you do not do anything wrong … On the contrary, it is much more like the sort of ownership of one who does not care about being seen in himself at all, but wants to be recognised in the ones he has made vibrantly alive, creative, and caused to flourish.“ (Seite 71)

Ein Kommentar

  1. inge

    ja, sehr inspirierend.
    in der jesusgeschichte scheint es aber auch so zu sein, dass die menschen komischerweise dieses kreative schaffen aus dem nichts oder den, der es tut – hassen, bekämpfen, ja töten müssen. ist das nicht traurig? und ist das nach nach jesus (n.Chr.) nun anders als vor jesus (v.Chr.)?
    nur so ein paar gedanken die ich hatte als ich den interessanten blogeintrag las.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s