wie wird man etwas?

Wie wird man etwas? Bei Aristoteles (in der Nikomachischen Ethik) geht das meiner Erinnerung nach so: Du wirst ein guter Kithara-Spieler, indem du oft gut Kithara spielst. Oder: Du wirst ein tapferer Krieger, indem du tapfere Taten vollbringst.

Merkwürdigerweise denkt man allgemein anders: Man ist (vor allem in Deutschland) zum Beispiel nur ein Theologe, wenn man ein Papier von einer Universität hat, auf dem draufsteht, dass jemand, der selber auch ein Papier hat, auf dem steht, dass er Theologe ist, „bescheinigt“, dass man sich „Theologe“ nennen darf. Ich selber habe ein Papier, eine Bescheinigung, die mich als „Diplom-Komponisten“ ausweist. Allerdings bin ich solange kein Komponist, wenn ich nicht mal etwas komponiere. Und das habe ich die Jahre nach dem Studium einfach nicht gemacht. In den Jahren „war“ ich also kein Komponist. Im Nachhinein sehe ich: Ich habe studiert, weil ich „etwas“ „sein“ wollte. Aber was hilft so ein Papier, wenn man nicht das „tut“, was man „sein“ möchte?

Übrigens wird solches „etwas sein“ auch oft mit Kleidung markiert. Da gibt es z.B. Uniformen und Ordenskleidung. Sie sagen wahlweise „Ich habe Autorität“ oder „Ich bin für Gott ausgesondert“. Aber was hilft die Behauptung, wenn man nicht tut, was behauptet wird? Gibt es Polizisten ohne Uniform? Gibt es Mönche ohne Habit? Gibt es Nonnen ohne Schleier?

„Wir meditieren nicht, um erleuchtet zu werden – sondern weil wir erleuchtet sind, meditieren wir.“ (Bernie Glassman, aus dem Gedächtnis zitiert) Hier ist es umgedreht. Hier ist das Tun schon Ausdruck dessen „was“ wir „sind“.

Was willst du sein? Eben weil (und nicht: „damit“, „um zu“) du ein für Gott Ausgesonderter, ein Buddha, eine Eremitin, ein Mönch, eine Kontemplative, whatever, bist, führst du das Leben das du führst. Darum betest du die Psalmen, daher sitzt du auf dem Meditationskissen, deshalb hast du ein Ohr für andere. Und dir ist dann wahrscheinlich auch nicht mehr wichtig, „etwas“ zu „sein“.

Diesen Eintrag widme ich dem spirituellen Veteranenclub und unserer Synaxis im nächsten Jahr: Für Andrea, Pius, Kathrin, Paddy und Johann – Sainte Madeleine, ora pro nobis.

3 Kommentare

  1. gwenhwyr

    Der gute, alte Aristoteles… – ja, eigentlich ist es ganz einfach und der von Dir beschriebene Gedanke tröstlich. Ich habe allerdings in den letzten Tagen überlegt, womit dies große Bedürfnis nach Bescheinigungen zusammen hängen mag. Ist es Misstrauen gegenüber den Worten der Selbstvorstellung andere? Doch Bescheinigungen sind auch nur Worte. Sind es Zweifeln an eigenen Fähigkeiten? Ist es das Bedürfnis nach Anerkennung? Warum fällt es so schwer zu sagen: „Ich bin …“

  2. beisasse

    hallo gwen_ – herzlich willkommen im kellion. ich hätte längst dich hier begrüssen sollen. sorry. ja, warum suchen wir bescheinigungen? warum suchen wir bestätigungen? gute frage. vielleicht weil wir denken, dass das einfacher ist? weil wir denken, dass eindeutigkeit „stärker“ ist als „einfach machen“?

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