es kann nicht darum gehen, kirche sexy zu machen

Zu Besuch bei „Moot“, einer „new monastic community“ in London. Die erste Begegnung fand am letzten Samstag statt – idealerweise bei einem Infoveranstaltung fuer Leute, die mehr ueber Moot wissen wollten. Der Ort ist auch fuer die Moot-Leute noch neu: Seit etwa einem Monat sind sie in eine Kirche gezogen, mit der sie noch einige Umbauplaene haben (kann die Cafe Lounge eigentlich irgendwo fehlen?).

Im Kirchenraum sind wo die Baenke noch nicht beginnen, Stuehle im Kreis aufgestellt und zwei Tische mit Keks- und Kuchenvariationen beladen. Dafuer wird sich erst einmal Zeit genommen. Gut! Man kommt mit den Leuten rechts und links ins Gespraech und wie sie auf Moot gekommen sind. Dann aber beginnt Ian Mobsby, der als anglikanischer Priester von der Dioezese von London mit diesem Projekt betraut worden ist, zu erzaehlen. Dabei kriegen wir „zur Abschreckung“, wie er selbstironisch bemerkt, ein 18 Seiten starkes Papier in die Hand („The Rhythm of life: Virtues, Postures and Practices. A Proposal to the Moot Community“ von Ian Mobsby und Aaron Kennedy). Eine besondere „Abschreckung“ ist zum Beispiel die „Rhythm of life“, eine Art Lebensregel, die aus acht Grundworten besteht, die jeweils mit zwei, drei Saetzen erlaeutert wird: Presence, Acceptance, Creativity, Balance, Accountability, Hospitality. Also: Praesenz, Annahme, Kreativitaet, Gleichgewicht, Gegenseitige Verantwortung, Gastfreundschaft. Jedes Jahr verpflichten sich die Mitglieder von Moot auf diese Lebensregel und erneuern vor dem Bischof von London die Bereitschaft, den Grundworten der Lebensregel Gestalt zu geben.

Weitere „Abschreckungen“ waren dann einige Konkretionen spiritueller Praxis (z.B. Stundengebet, Lectio divina und so was) oder eine Graphik zu den Fakultaeten des Menschseins (Koerper, Herz/Verstand, menschlicher Geist) und die Zuordnungen von Tugenden und Lastern zu diesen Bereichen. Wer viel in den Bereich von Spiritualitaet hinein gegangen ist, kennt vieles davon. Aber immer noch vermag zum Beispiel die Praxis der Meditation (das findet z.B. immer mittwochs statt) die Leute anzusprechen. Vanessa, die zum „core team“ von Moot gehoert, unterstrich das bei einigen Punkten: Die Meditation sei auch fuer sie eine Praxis, bei der sie immer noch etwas Neues bei lernt. Man merkt: Sie hat da etwas gefunden, was ganz wichtig fuer ihr eigenes inneres Leben geworden ist. Und sie wundert sich, warum niemand vorher ihr davon erzaehlt oder sie darauf hingewiesen hat, dass es diese Art und Weise gibt, das innere Leben zu naehren und sich Gott auszusetzen – ohne Worte.

Die Menschen, die zu dieser Infoveranstaltung gekommen sind wollen wissen, was denn aber Moot dann doch von „normaler“ Kirche unterscheide. (Die Nachbarin meinte darauf, es sei weniger peinlich, Leute zu Moot mitzubringen als zu normaler Kirche. Ein toller Traum von Kirche: Ort, an dem ich mich nicht fremdschaemen muss.) Jemand anderes fragt, was es fuer konkrete Projekte gibt, die der „practice of mercy and justice“ Ausdruck verleihen.

Ich selber fragte, ob sie nicht noch eine Weile „spielen“ wollen. Ian sprach von einer neuen Phase des „Erwachsenwerdens“ von Moot, waehrend ich dachte: Mannomann, nach fuenf Jahren (so kurz erst sind sie unter dem Namen „Moot“ unterwegs) schon eine fertige Lebensregel (ich weiss nicht: Wie lange hat es gedauert bis die Benediktsregel ihre Form erhielt?), auf die man sich jaehrlich in Gegenwart des Bischofs verpflichtet und viele viele konkrete Plaene und Visionen. Gibt es fuer die eigentlich noch Luecken und Dinge, die sie nicht wissen? Und in Bezug auf ihren Wunsch, eine Wohnmoeglichkeit gestellt zu bekommen, wo einige dann gewissermassen mit einer stabilitas loci gemeinsam wohnen koennten fragte ich, ob sie nicht vielleicht zu schnell von „new monastic“ zu „old monastic“ zurueck gehen. Wozu waere eine new monastic community gerufen, wenn nicht herkoemmliche Weisen von Kirche aber auch von Kloster herausfordernd zu befragen? Aber Ian sagt darauf ueberzeugend, man sei in der Gesellschaft sehr leicht der Versuchung ausgesetzt infantil zu sein. Und staendig muss man gucken, dass man ja niemals langweilig sei. Recht hat er. Es kann nicht darum gehen, Kirche sexy zu machen. Aus einer alternative worship Bewegung haben sie sich nun zu einer new monastic community entwickelt.

Nun. Ich war gespannt auf deren Eucharistiefeier am Sonntagabend. Davon ein ander Mal, unter dem Titel: „Wieviele Kalorien hat eigentlich eine Hostie?

4 Kommentare

  1. Trupedo_Glastic

    Danke für diesen Einblick! Spontan dachte ich, das dieses ganzes Lebensregel-Zeugs auf mich eher wie ein Zeichen von Infantilität wirkt. Aber vielleicht komme ich da einfach aus einer anderen Tradition. Mich schauderts dabei jedenfalls.

  2. beisasse

    ich denke, sie nehmen es ganz pragmatisch und mit einem schuss ehrlichkeit und naivität. wenn personen aus einem kulturkreis, wo GRÜNDLICHKEIT gross geschrieben wird, eine lebensregel haben, könnte das tatsächlich etwas anstrengend sein.

  3. Pingback: wie wiele kalorien hat eine hostie? « ein neues kellion
  4. Pingback: Kirche. Eine Skizze. – marthori

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