vierzig tage einsamkeit – ein lied zur fastenzeit

Vierzig Tage Einsamkeit (2012)
Ein Lied zu den Vierzig Tagen zu singen zu der Melodie „Nun komm, der Heiden Heiland“.
Von Yotin Tiewtrakul

„Danach trieb der Geist Jesus in die Wüste. Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm.“ (Markus 1,12-13)

1
Vierzig Tage Einsamkeit
klären, geben frei den Sinn.
Fremde Stimmen fallen hin,
Horizont und Herz sind weit.

2
Vierzig Nächte: Träume ziehn
dich ins Land, wo’s niemals tagt.
Fragen machen auf dich Jagd,
Hunger, Allmachtsphantasien.

3
Jesus, sanft nennst du dein Joch.
Angelehnt ist jetzt die Tür,
wo der Engel wohnt beim Tier.
Und das Yoga eint sie doch.

4
Jesus, Yogi, Menschensohn,
füg zusammen, was zerbrach,
geh du meinen Schmerzen nach,
und mein Leib wird Joch und Thron.

Immer wieder sucht man im Evangelischen Gesangbuch, was man denn während der Vierzigtage singen kann. Die Lieder in der Rubrik „Passion“ sind eigentlich alle schon für die Karwoche gedacht. Ausserdem: Erst durch die Aktion „Sieben Wochen ohne“ ist die Fastenzeit als Vorbereitungszeit für das Auferstehungsfest in die protestantische Frömmigkeit getreten. Nachvollziehbar, dass es dafür keine Lieder aus der Tradition gibt.

Zuerst wollte ich eigentlich etwas zu dem Lied „Forty days and forty nights“ (aus der anglikanischen Tradition) machen. Vor allem eigentlich der ansprechenden Melodie wegen. Während ich die erste Strophe schrieb, hatte ich sie auch im Ohr. Mir war jedoch bald klar, dass ich keine Übersetzung oder Übertragung machen würde und so schob sich die archaische Melodie von „Nun komm, der Heiden Heiland“ in mein Bewusstsein und bestimmte fortan die Atmosphäre.

Herausgekommen ist eine Auslegung der knappen Versuchungsgeschichte bei Markus als einer Wüstenzeit, in der Jesus bei den Tieren und bei den Engeln ist. Der Mensch ist hin und her gerissen zwischen diesen beiden Bereichen. Der Menschensohn ist für uns einer, der beides zusammenfügt, ohne sich von diesen Kräften versklaven zu lassen.

Die beiden ersten Strophen für sich beschreiben auch, was bei Exerzitienprozessen geschehen kann. Exerzitien sind gewissermassen absichtlich induzierte Krisen oder Wüstenzeiten.

Die Worte „Yoga“, Englisch „yoke“ und „Joch“ sind sprachlich miteinander verwandt. Ich hoffe, dass in der christlichen Frömmigkeitspraxis der Körper zurück gewonnen werden kann. Die Vierzigtage sollen keine protestantische moralische Übung werden, sondern körperlich Gestalt gewinnen.

Wenn die fremden Vokabeln doch zu sehr stören, schlage ich folgende alternativen Strophen vor:

3*
Jesus, sanft nennst du dein Joch.
Angelehnt ist jetzt die Tür,
wo der Engel wohnt beim Tier.
Sanftes Joch vereint sie doch.

4*
Jesus, Heiler, Menschensohn,
füg zusammen, was zerbrach,
geh du meinen Schmerzen nach,
und mein Leib wird Joch und Thron.

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