Kategorie: buddhismus

gott erlauben, nicht da zu sein

Heute fragte mich jemand „Bist du Buddhist? Oder bist du Christ? Was für einen Glauben hast du?“ Und zum ersten Mal in meinem Leben habe ich gesagt: Ich habe leider keinen Glauben.

Innerhalb zweier Wochen las ich mich einerseits durch Esther Maria Magnis‘ als „Religionskritik“ vermarktetes Buch „Gott braucht dich nicht“ als auch durch die Bücher von Peter Rollins „The Orthodox Heretic“, „The Idolatry of God“ und bin nun bei „Insurrection“. (Sorry, bin gerade abgelenkt von Käptn Peng – Der Anfang ist nah. Weiss jetzt gar nicht mehr was ich sagen wollte. Und dann tauchen im News-Stream auch diese ganzen Meldungen zum neuen Papst auf)

Rollins. Also so wie ich das verstanden habe, ist ein wesentlicher Punkt seiner „Pyrotheologie“, den letzten Schritt mitzugehen, d.h. auch Gott selbst dran zu geben, ihn zu verlieren, auf den Punkt zu kommen, wo die letzte Sicherheit wegbricht. Die Abwesenheit nicht bloß als Vorspiel zu sehen in einem Drama, wo der verloren geglaubte Held doch noch wiederkehrt. Die Abwesenheit als solche zu würdigen und ihr nichts wegnehmen, indem man schon von dem geglückten Happy End schwärmt. Warum ist das wichtig? Na ja, für mich ist das erst einmal erleichternd, dass ich mal sagen darf: Ich habe keine Erfahrung von Gott. Und: Ich habe eher die Erfahrung von Abwesenheit von Gott. – Und dann stelle ich mir halt vor, dass ich trotzdem irgendwie leben und arbeiten muss. Und dass durch diese Lücke vielleicht die Chance gegeben ist, dass der Andere wirklich auch der Andere sein darf, nicht so wie ich mir vorgestellt habe und nicht degradiert zu einem weiteren Deutungs-Ding, zu einer weiteren Sammelkarte zur Konstruktion einer erfolgreichen Identität.

Zu dem Stichwort „Pyrotheologie“ gibt es 300 Wörter von Tim.

warum ist küssen und beten so wahnsinnig wichtig?

Anja hat im Radio gesagt, dass der Durschnittsmensch hintereinander weg zusammengerechnet nur zwei Wochen für die Tätigkeit „küssen“ und zwei Wochen für die Tätigkeit „beten“ aufwendet. Und dann hat sie noch was gesagt. Und am Ende hat sie gesagt, wir sollten doch mal mehr Zeit mit Küssen und Beten zubringen. Fand ich süss. Anja ist Pastorin. Die muss so was sagen. Allerdings frage ich mich, warum wir nur so wenig Zeit mit Küssen und Beten verbringen, während wir wahnsinnig viel Zeit dafür aufbringen, uns über das Küssen und Beten zu „unterhalten“. Über das Küssen, über die Liebe wird nach wie vor gesungen, von Filmen des Genres „Romantische Komödie“ kann der Markt nicht genug kriegen und im Internet läuft ein Dauer-Pornofilm.

Gut, Beten kommt jetzt so direkt nicht im Normal-Wahnsinn der Welt vor. Religion ist eher so eine Art Drama-Queen, die große Auftritte braucht. Man fliegt mit Flugzeugen in Hochhäuser. Oder man lässt die Welt medial am Sterben teilhaben. So was in der Art. Da ist schon klar, warum man nur so wenig Zeit mit „Beten“ bzw. Religion zubringt. Viele religiöse Tätigkeiten oder Tätigkeiten, die mit Religion verbunden werden, macht man nur einmal im Leben. Die Message ist aber auch hier klar: Beten bzw. Religion ist wahnsinning wichtig!

Warum ist Küssen und Beten wahnsinnig wichtig? Ich nehme an, dass Küssen und Beten Techniken sind, die extrem wirksam sind, um sich in den Körper bzw. in die Gegenwart zu holen. Beim Beten ist dieser Aspekt leider ziemlich verschleiert, weil angenommen wird, dass die Anrede von einer Normal-Welt zu einer Ideal-Welt hin gerichtet ist. Eigentlich ist es genau anders herum: der oder die Betende wird von der Macht angeschaut, die er oder sie anspricht. Das ist die Grunderfahrung, die man existenziell sucht: Angesehen zu werden, gemeint zu sein. Und in diesem „Angesehen werden“ selber in die Gegenwart kommen, in den eigenen Körper zurück finden können, um ganz zu sein und „heil“ zu werden. Na ja, und das ist beim Küssen nicht anders. Nur dass der körperliche Aspekt einfach noch vordergründiger da ist. Küssen und Beten sind die universalen menschlichen Techniken des Ganz-Werdens in der Gegenwart.

Es gibt aber noch andere Möglichkeiten. Zum Beispiel die Meditation. Der Vorteil: Man kann das alleine machen. Wenn Sie keinen Menschen zum Küssen oder keinen Gott zur Hand haben (wie ich) – lernen Sie meditieren! Das hilft auch.

Aber im Grunde genommen liegt es nicht in den Tätigkeiten selbst – küssen, beten, meditieren. Eigentlich gibt es keine Tätigkeiten, die „wichtiger“ sind als andere. Um die Erfahrung des Ganz-Werdens zu machen, reicht – und ich behaupte nicht, dass das einfach ist – dass man bei der Tätigkeit anwesend ist, die gerade zu tun ist. Daher ist es ziemlich egal was man macht und wieviel Zeit man für irgendetwas aufbringt, so lange man versucht, schlicht „dabei zu sein“. Okay, und durch Küssen, Beten und Meditieren kann man das eben gut üben. Daher sind das schon wichtige Tätigkeiten, allerdings dann auch nicht so wahnsinnig wichtige. Aber wenn Sie Buddhist sind, wussten Sie das vielleicht schon.

don’t leave a trail

„Don’t go where the path may lead.
Go instead where there is no path
and leave a trail.“ – Ralph Waldo Emerson
(Found on the wall of a guestroom of St Matthew’s House, Westminster)

Just one thing: Don’t leave a trail. The way, your no-path-way is useless for others. And it is useless even for you when you have arrived.

Don’t go where the path may lead.
Go instead where there is no path
and leave no trail.

das schwere und das leichte

Ungeordnete Notizen:

Warum sollte das Schwere nicht schwer sein dürfen? – Denn auch das Leichte darf ja leicht sein. Stattdessen versucht man Leiden zu vermeiden. Und wenn einem Schweres begegnet, wird sich nur insoweit damit beschäftigt, dass man an ihm herumzuwerkeln versucht, um zu sehen, wie es wieder weggehen kann.

Warum sollte es nicht auch das Schwere geben? Und warum sollte das Schwere nicht auch schwer sein? Was für Methoden wollen wir lernen, damit das Schwere nicht mehr schwer sei? Wie unangemessen, das Schwere nicht als schwer zu empfinden!

Nur wenn man Schweres hinnimmt wie man Leichtes hinnimmt, ist man frei.

FUSSNOTE: Man muss ergänzen, dass es dumm ist, nichts gegen Leiden zu unternehmen. Hat man aber alles getan, was man selber dazu tun kann, um sein eigenes Leiden (und das anderer) zu mindern, geht es nicht anders, als durch das Tor zu treten und einfach zu erwachen.

ich interessiere mich nicht für gott

In meinem Manuskript beschrieb ich die Haltung eines Menschen, der in die Kontemplation gezogen wird, so:

„Und so ist das, was man gemeinhin ‚kontemplatives Gebet‘ nennt, vom Wesen her eine Übung des Zustimmens. Deshalb hören wir bei dieser Art des Betens auf, Gott um konkrete Dinge zu bitten oder über ‚geistliche Dinge‘ nachzudenken. Die innere und äußere Haltung sind die eines absichtslosen Verweilens bei Gott oder dem, was ist.“

Das Lektorat fügte im letzten Satz das Personalpronomen „er“ hinzu (Update 2010-03-31: und ich habe dem bei der Durchsicht zur Freigabe nicht widersprochen, weil ich zu unaufmerksam gelesen habe). Darum steht nun gedruckt in „beziehungsweise LEBEN„:

„Die innere und äußere Haltung sind die eines absichtslosen Verweilens bei Gott oder dem, was er ist.“

(Update 2010-03-31: Die nun folgenden Äußerungen beziehen sich nicht auf das Lektorat, sondern auf … „Gott“.)

Leute, ich interessiere mich nicht für „Gott“. Wirklich. So lange wir noch in unseren abgegriffenen Geschichten und Phrasen herumstochern, ob noch etwas Frisches zu finden ist, wird uns der Gott, der kommt, niemals begegnen können. Denn so erlauben wir ihm nur das zu sein, was wir aussagen können. Und das ist zu wenig.

Manchmal wird versucht, zu klären: „Was ist christliche Meditation im Unterschied zu Zen-Meditation?“ Und was ist die Antwort? Etwa, dass man bei christlicher Meditation sich Gott zuwendet und Begegnung stattfindet, während man bei Zen auf Leere trifft? Und woher weiss man, dass man Gott begegnet oder ihn „erfährt“, wenn man in den Raum der Stille eintritt? Es ist doch so: Wir können nur das sehen, was wir erwarten zu sehen. Und was wir nicht erwarten zu sehen, blenden wir aus. Und was wir nicht sehen wollen, das sehen wir auch nicht.

Im Jesajabuch werden in der sogenannten Thronvision (Jesaja 6) die Seraphim als Fabelwesen mit sechs Flügeln beschrieben. In der Offenbarung des Johannes wird dann gesagt, die Flügel wären innen und aussen „voller Augen“ (Offenbarung 4,8). Diese Wesen, die als Thronwächter um Gott stehen, sind also „ganz Auge“, ganz rezeptiv, nehmen die Fülle des Lichtglanzes Gottes auf. Der Kontemplative wird auch ganz Auge und ganz Ohr. Und das ganz unterschiedlos, ohne Filter. Jedenfalls ist das die Idee. Er bleibt rezeptiv, empfänglich und bereit. Auch wenn nichts von irgendeinem Lichtglanz eines seiner vielen Augen berühren würde. Überhaupt bleibt er bereit, alles wahrzunehmen, ohne den Dingen Namen zu geben, ohne sie zu kategorisieren, denn er weiss, dass er nichts Anderes, und nichts ihm Fremdes erfahren kann, wenn er mit einem bekannten Raster an die Phänomene herangeht.

Wenn wir uns der Meditation widmen, einer Übung, um „bereit zu sein“ und „zuzustimmen“, dann müssen wir auch bereit sein, einem „Gott“ zu begegnen, den wir (noch) nicht kennen. Dann müssen wir auch bereit sein, „Gott“ nicht zu begegnen. Wir können nicht das „Ergebnis“ von Meditation vorher schon festlegen.

Wenn du eine ganz klare Vorstellung von Gott hast, dann brauchst du dich gar nicht erst auf ein Meditationskissen zu setzen. Das wäre einfach nur Zeitverschwendung.

goar nix

es ist als ob ich hinter den vorhang gesehen hätte und gesehen habe, dass da nichts ist. kein gericht, keine strafe, keine belohnung, keine hölle, kein himmel, keine götter, kein gott. und es ist überhaupt nicht schlimm, dass da nichts ist. natürlich kann ich nicht sagen, dass ich wirklich hinter den vorhang geschaut habe, nicht in einer ekstase, nicht in einem erleuchtungserlebnis. vielleicht müsste man sagen, so wie ich mich fühle – eine art unbekümmertheit, die still froh macht – ist es so, als wäre das so.

„we have what we seek“?

Während die Grundregung christlicher Spiritualität die Sehnsucht ist, wäre sie im buddhistischen Zusammenhang problematisch in ihrer Nähe zum Durst, der zum Anhaften und so zur Erfahrung von Leid führt. Der christlichen Grundfigur der Sehnsucht steht aber im Buddhistischen die Einsicht gegenüber, dass das gewöhnliche Bewusstsein bereits Buddhabewusstsein ist, ja, dass in der Welt des Relativen (unwissende Verstrickung mit den Dingen der Welt) das Absolute (traditionell: „Nirvana“) berührt wird. Man denke an den Merkvers der Plum Village Tradition (Thich Nhat Hanh):

I have arrived.
I am home.
Dwelling in the here,
dwelling in the now.
In the ultimate I dwell.

Freilich – auch im Christlichen gibt es die Hochachtung des Augenblicks, des kairos, der überraschenden Offenbarung des Messias „Ich bin’s“ etc., aber mir scheint die Betonung des Fragmentarischen stets stärker zu sein. Besonders unter Evangelischen ist die Redefigur des „gleichzeitigen Schon-Jetzt und Noch-Nicht“ beliebt. Man kann im Christlichen irgendwie nicht ohne das „Noch-Nicht“, nicht ohne das „noch Ausstehende“. So spannt sich die Erwartung bis zu einem verheissenen Irgendwann. Ziel und Heimat wird prophetisch vertagt, in die Zukunft outgesourced.

So lange kann ich aber nicht warten. Leben muss ich jetzt. Sehnsucht erweist sich oft genug als trügerisch. Sie ist nur hilfreich im Verein mit der Zuversicht, dass es „gibt, was ich suche“. Blosse Sehnsucht ohne die Hoffnung, dass sie mich nach Hause führt, treibt ein perfides Spiel mit meinen Kräften und meiner Belastbarkeit. Wenn einer dieses Vertrauen nicht hat, dass sich erfüllen wird, wozu man gerufen ist, sollte dieser auch seine Sehnsucht fahren lassen. So lässt es sich nicht leben. Es wäre besser für so einen, in den Alltäglichkeiten ein Zuhause zu finden, anstatt seine Arbeit schlampig zu machen und auf das ewige Wochenende zu warten, das niemals kommt. Ja, das nenne ich Respekt gegenüber meinen Aufgaben und gegenüber den Gegebenheiten des Tages, wenn ich sie nicht als störende Unvermeidlichkeit auffasse, sondern – auch wenn es schwer ist – mich wirklich um sie kümmere. Wer von der Ewigkeits-Sehnsucht befallen ist, ist wie einer, der telephoniert und gleichzeitig im Internet rumsurft. Er tut nichts ganz in der Gegenwart. Er schielt schon auf das, was als nächstes kommt. Er ist wie einer, der nicht zuhört, sondern schon überlegt, was er sagen könnte, während der andere noch redet.

Um am Schluss alle noch einmal zu verwirren, ein Zitat von Thomas Merton. Ist es nach dem, was ich oben sagte „christlich“ oder „buddhistisch“?

„We have what we seek. We don’t have to rush after it. It was there all the time, and if we give it time it will make itself known to us.“ (Thomas Merton) [Quelle]

alles erfahren

In der letzten Woche habe ich ein paar Mal beobachtet, wie ich mich – man nennt es wohl – glücklich fühlte. Dabei sind mir einige hilfreiche Voraussetzungen klar geworden, die zur Erfahrung von „alles ist an seinem Platz“ beitragen können. Als erstes nenne ich folgenden Hinweis: Wenn etwas gut geht, sich freuen, wenn Schmerzvolles erfahren wird, traurig sein etc. – das genügt.

Man könnte diesen Hinweis auch beschreiben mit: sich angemessen verhalten. Kein Buddhist braucht sich ein Dauerlächeln zuzulegen, kein Kontemplativer muss sich mit einem ständigen „An Gott denken“ abmühen, kein Stoiker braucht seine apatheia in ausnahmslos allen Situationen zur Schau zu stellen.

Gemeinhin denkt man, Menschen, die ihr Leben geistlich oder spirituell vertiefen wollen, seien darauf aus, mit spirituellen Methoden zu dauerhaften und über-alltäglichen Erfahrungen von Glück, von eudaimonia, von Glückseligkeit zu gelangen, um nicht mehr von den Mühen des Alltäglichen getroffen zu werden. Vielleicht war das am Anfang auch unsere Motivation. Aber wenn wir aufmerksam und ehrlich gesucht und geübt haben, und wenn wir gute Lehrer getroffen haben, verstehen wir, dass eine tiefere Erfahrung von dem, was wir suchen – Befreiung, Gotteinung, Glück, ataraxia – darin liegt, alles zu erfahren, was unser Leben uns schenkt, gibt und auferlegt. Einfach alles erfahren.

Vielleicht haben wir gemeint, dass unsere spirituelle Übung dazu führen könnte, nicht mehr ungeduldig mit anderen Menschen zu sein oder nicht mehr zornig. Aber es gibt Situationen, in denen es angemessen ist, zornig zu sein. Vielleicht ist unser Ideal gewesen, versöhnt zu leben. Aber es gibt Situationen, in denen es angemessen ist, Rachegefühle und -gedanken zu durchleben. So werden wir wieder zu „normalen“ Menschen. Der Unterschied ist dabei jedoch – wenn es denn eine Rolle spielte – dass wir uns dabei sehen können: wie wir uns freuen, wenn etwas gut geht, wie wir Schmerz und Ohnmacht erleben, wenn andere Menschen uns schaden, wie wir Trauer empfinden, wenn wir Abschied nehmen usw. usf. Und dieses, dass wir uns dabei sehen können, das wird uns genügen und uns eine Ahnung davon geben, wie „alles an seinem Platz ist“. – Zum anderen Hinweis ein nächstes Mal.

(Freilich könnte ich diesem Eintrag auch noch christliches Kolorit hinzufügen. Denkt es euch selber, wenn ihr es braucht, oder schlagt dazu im Buch Kohelet, d.h. Prediger das dritte Kapitel auf.)

sich selbst wählen

Zwar wurde mir irgendwo einmal erläutert (Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode?), dass wir uns nicht selber setzen können. Aber anders geht es nicht, glaube ich. Wenn wir uns und unser Leben nicht selber wählen, können (und brauchen) wir auch keine Verantwortung zu übernehmen. Wir müssen uns selber sagen, wer wir sind, denn nicht einmal Gott wird es uns sagen.

Es ist fahrlässig, unsere Selbstvergewisserung irgendwo aussen hin zu verlegen: Freunde, Partner, Beruf, Güter, Religion, Gott. Diese Dinge sind schwankend und selten eindeutig. Zwar sieht es in unserem Inneren auch nicht besser aus – auch hier gibt es nichts Beständiges. Aber ich ziehe es vor, meiner eigenen Unbeständigkeit ausgeliefert zu sein als anderen Dingen, die aussen sind und auf die ich nun wirklich keinen Einfluss habe.

Dies als Ergänzung zum gestrigen Eintrag.