Kategorie: fuckyeahgedichte

and am i born to die – ein würmermahl der leib

Ein Würmermahl der Leib,
geboren für die Gruft –
ist Tod denn alles, was mir bleibt?
Ich bebe, weil er ruft.

Nur taube Schemen wehn
im jenseits-dunklen Land,
wo Schatten hausen, ungesehn,
wo Namen unbekannt.

Was wird aus mir, wenn bald
mein Geist dem Leib entflieht?
Mein Los – ist’s strafende Gewalt,
ist’s Gnade, die mich sieht?

Und weckt Posaunenton
mich auf, vor ihm zu stehn,
dann seh ich vor dem Flammenthron
die Himmel untergehn.

Yotin Tiewtrakul 2013
nach Charles Wesley 1763

Was singt man da eigentlich die ganze Zeit bei Sacred Harp? Wichtige Textquellen sind offensichtlich die Gedichte von Isaac Watts und den Wesley-Brüdern, die in Deutschland niemand kennt (es sei denn, man gehört zu so einer Minderheiten-Kirche wie den Baptisten oder so). Oben ist eine Übersetzung, eher: eine Übertragung von den vier Strophen von „And Am I Born To Die“ von Charles Wesley, die z.B. bei dem Lied „Idumea“ (Seite 47 unten) abgedruckt sind. Die Worte werden aber auch für „World Unknown“ (Seite 428) verwendet, was darauf hindeutet, dass das ein beliebter Text gewesen sein muss.

Kein Mensch dichtet mehr solche Höllenangst-Kirchenlieder. Der Geschmack hat sich geändert. Ich glaube, heutige Kirchenlieder müssen den Blick noch mehr auf gegenwärtigen Aufgaben lenken, anstatt sich in Himmel- oder Höllenphantasien zu ergehen. Trotzdem ernst zu nehmen ist, dass viele Menschen Angst vor dem haben, was nach dem Tod sein soll. Der Tod ist nicht nur ein Symbol für das, was wir nicht kennen, er ist nicht nur eine Metapher für das absolut Unbekannte, sondern möglicherweise eine reale „Erfahrung“ von Nicht-Bewusstsein – und natürlich ist das erschreckend! Der Tod ist wirklich das Unvorstellbare. Durch Singen wird die Angst vor dem Unvorstellbaren aber gedämpft. Die Menschheit singt seit jeher gegen den Tod an. Ob das was hilft, ist eine andere Frage. Aber es ist auf jeden Fall ehrlicher als das Gesinge von schönen Paradies-Gärten oder Bei-Jesus-sein-Blabla.

  • Noch mehr Strophen von dem Wesley-Gedicht im Original bei hymnary.org.
  • Und ach, kommt doch zum Sacred Harp Workshop mit Michael Walker am Samstag, 28. September 2013, 10.00-16.30 Uhr in der Anglican Church of St Thomas Becket in Hamburg (Zeughausmarkt 22, 20459 Hamburg). Er kostet nichts! Flyer / Facebook-Event
  • Falls ihr an dem Tag nicht könnt. Die Hamburger Gruppe trifft sich jeden Dienstag am selben Ort zum Singen: sacredharphamburg.weebly.com
  • Offensichtlich macht der Bremer Gruppe die deutsche Version Spaß, hier ein Audio vom letzten Samstag während der Nacht der Kirchen in Hamburg. Danke, dass ihr gekommen seid, um was von der Sacred Harp zu zeigen und davon zu erzählen!

bei der lektüre von „paradise lost“

bei der lektüre von „paradise lost“ (2013)

wir müssen ja nicht mal mehr rebellieren –
ganz von selbst hat er
den platz geräumt
ärgerlich nur, dass seine flaschenpost
immer noch an unsere strände spült,
als hätten wir da nicht schon genug dreck
40 watt lichtsignale eines längst erloschenen sterns

dies ist eine gedicht-antwort auf andreas knapp

der handfilter (zwei haikus)

der handfilter (haiku)

in der küche läuft der kaffee durch
zwischendurch schnell mal was andres machen
vergess ich ihn

der handfilter remixed (haiku mit bonus-zeile)

in der küche läuft der kaffee durch
zwischendurch schnell mal was andres machen
vergess ich ihn
wie ich dich vergesse weil du immer so lange brauchst

20. august 2012

ein mord soll morde rächen – ein lied zur mimetischen theorie rené girards

Ein Lied zur mimetischen Theorie René Girards (2012)
Während der Passionszeit und besonders in der Karwoche zu singen zur Melodie „Mit Ernst, o Menschenkinder“.

Von Yotin Tiewtrakul

1
Ein Mord soll Morde rächen,
dies ist der alte Brauch.
Der Clan sühnt sein Verbrechen
wenn Fleisch verbrennt im Rauch.
So fließt seit jeher Blut,
den Rachedurst zu stillen,
der Stammesordnung willen.
Danach scheint alles gut.

2
Doch bald flammt das Begehren
im Kollektiv neu auf.
Wir können uns nicht wehren.
Ein Plan ist schon im Lauf.
Ein böses Opferlamm
muss unterm Messer singen,
bevor wir uns verschlingen.
So hält vorerst der Damm.

3
Die Stimme des Gejagten
entlarvt den blinden Neid.
Die Wunde des Verklagten
streift ab das Mythenkleid.
Verzeihen bannt den Zorn!
Denn Leben wächst aus Leben,
aus Mut, sich frei zu geben,
und geht nicht mehr verlorn.

Die Melodie von „Mit Ernst, o Menschenkinder“ (oder auch „Von Gott will ich nicht lassen“) ist bekannt? – Es muss im 16. Jahrhundert wohl eine sehr beliebte Melodie gewesen sein, bekannt als „Une jeune pucelle“ oder „Une jeune fillette“. Hier eine der Variationen, von der aus die Melodie zu „Mit Ernst, o Menschenkinder/Von Gott will ich nicht lassen“ gestaltet wurde: