Kategorie: hymn

den requisitenlosen ort aufsuchen

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Ich habe keine Übersetzung von “The Angel Gabriel from heaven came” gemacht, sondern einen neuen Text geschrieben. Der Kernsatz meines Textes ist “So kam uns Gott zur Welt als Kind durch nur ein Ja”. (Sorry, gesungen hört sich das viel flüssiger an – versprochen!)

Mich fasziniert die Idee, dass das Kommen Gottes an einem kleinen Wörtchen hängt, das irgendwo in einer bescheidenen Hütte von einem gerade mal heiratsfähigen Mädchen geäußert wurde: Ja.

Die Macht und der Zauber dieses Wortes wird auch entfaltet in der Notiz von Dag Hammaskjöld, die häufig als “Gebet” verstanden wird. Ich sah auch einmal die Überschrift “A Prayer for the New Year”. Die Notiz lautet: “For all that has been, Thank you. For all that is to come, Yes.”

Wer die kontemplativen Exerzitien nach Franz Jalics mal mitgemacht hat, weiß, dass langsam in die kontemplative Übung eingeführt wird. Das erste Übungswort ist natürlich kein streng gehütetes geheimes Mantra, sondern schlicht und ergreifend: Ja.

Ein anderes wirklich großartiges Verkündigungslied von John Bell, “No wind at the window”, hat auch in seiner letzten Strophe diese Pointe wie die junge Maria auf die Nachricht des Engels dann letztlich dem Boten die Antwort mitgibt: “Tell God, I say yes.”

Ich habe dazu ein Arrangement geschrieben, das wir auch dieses Jahr wieder bei den “Nine Lessons and Carols” in der Englischen Kirche in Hamburg singen werden. Dabei wird die Antwort Marias “Tell God, I say yes” mit einem “akustischen Spot” (durch einen harmonischen Shift) hervorgehoben und mehrmals wiederholt.

Mich fasziniert das Wort “Ja”, dieser Laut, der aus dem Öffnen vom engen, spitzen “I” zum offenen und verwundbaren “A” entsteht. Der Laut “I” ist für mich eher wie Keil, der durch meine Schädeldecke getrieben wird. Das “A” ist für mich im Brustbereich angesiedelt. (Ergibt das für irgendjemanden Sinn?)

Und doch: Ich weiß auch, dass man manchmal innerlich nur überleben kann, wenn man “Nein” sagt. Und wir sind bei der Unterscheidung nur auf uns selbst gestellt. Wir sind allein. Und wir müssen dabei allein sein. Es gibt die anderen, die sich wünschen, dass wir “Ja” sagen und dabei kaum – aber wie sollten sie auch, sie kennen und verstehen uns ja nicht! – unser Wohlsein im Blick haben. Aber wir sind allein. Und so hat auch John Bell die Verkündigungsszene mit null Requisiten ausgestattet: “No wind at the window, no knock on the door; / No light from the lampstand, no foot on the floor; / No dream born of tiredness, no ghost raised by fear; / Just an angel and a woman and a voice in her ear.”

Such diesen requisitenlosen Ort auf – um dein Ja zu finden, oder dein Nein. Ganz allein.

Anmerkungen und Links:

  • Der Engel Gabriel vom Himmel kam: Hier zum anhören und mitlesen. Noten sind abgedruckt in dem Regionalteil des Evangelischen Gesangbuches für die Nordkirche (unter dem Titel „Himmel, Erde, Luft und Meer“ erschienen).
  • „No wind at the window“ in einem eher gemeindetauglichen Arrangement von John Bell selbst ist hier zum anhören und mitlesen.
  • Unsere „Nine Lessons and Carols“ feiern wir in der Englischen Kirche in Hamburg dieses Jahr am Samstag, 10. Dezember 2016 um 18 Uhr.

nine lessons and carols – deutsch

Immer häufiger sieht man in Deutschland Kirchen oder Chöre, die in der Advents- und Weihnachtszeit zu „Nine Lessons and Carols“ einladen. So what? Eigentlich geht’s doch darum: Man trifft sich, hört Geschichten aus der Bibel und singt Lieder. Oder noch archaischer: Um’s Feuer sitzen, Geschichten hören und über das Singen sich in die Geschichten selbst hinein zu erzählen.

Macht doch mal so ein Hipster-Nine-Lessons-and-Carols im Wohnzimmer: Lest die neun Lesungen, die traditionell beim Carol Service am King’s College zu hören sind, und singt dazwischen ein paar Advents- und Weihnachtslieder. Und seid doch mal dabei ganz verrückt und singt alle Strophen von Paul Gerhardts „Wie soll ich dich empfangen“.

Hier die Reihenfolge der Lesungen:

  • Erste Lesung: Gott verkündet dem sündigen Adam, dass er das Leben des Paradieses verloren hat, und dass sein Same das Haupt der Schlange zertreten wird. Genesis 3,8-15.17-19
  • Zweite Lesung: Gott verheißt dem treuen Abraham, dass durch seine Nachkommenschaft alle Völker der Erde gesegnet sein sollen. Genesis22,15-18
  • Dritte Lesung: Der Prophet sagt das Kommen des Retters voraus. Jesaja 9,2.6-7
  • Vierte Lesung: Der Friede, den Christus bringen wird, wird vorausgesehen. Jesaja 11,1-4 (bis “Demütige der Erde”).6-9
  • Fünte Lesung: Der Engel Gabriel grüßt die Jungfrau Maria. Lukas 1,26-35.38
  • Sechste Lesung: Der Evangelist Lukas berichtet von der Geburt Jesu. Lukas 2,1.3-7
  • Siebte Lesung: Die Hirten gehen zur Krippe. Lukas 2,8-16
  • Achte Lesung: Die Weisen werden durch einen Stern zu Jesus geführt. Matthäus 2,1-11
  • Neunte Lesung: Der Evangelist Johannes legt das Geheimnis der Menschwerdung dar. Johannes 1,1-14

Näheres und weitere Entwürfe, die etwas mehr churchy klingen, dann hier in diesem PDF: Nine Lessons and Carols – Entwürfe Deutsch – Workshop

Liturgie-Nebenbemerkung: Im Wikipedia-Artikel zu den Nine and Carols hört es sich so an, als sei diese Form 1880 vom Bischof von Truro erfunden und 1918 am King’s College in seine heutige Fassung gebracht worden. Aber leicht kann man eine Verwandtschaft zur Osternachtfeier, zur sogenannten „Großen Vigil der Osternacht“ erkennen: Dort werden in einer Folge von neun Lesungen, angefangen von der Schöpfungsgeschichte bis zur Lesung des Auferstehungsevangeliums die Heilsgeschichte entfaltet, dazwischen sind Psalmgesänge vorgesehen. Hier, bei den Nine Lessons, beginnt es ebenso mit der Lesung aus der Genesis, über Abraham und die Propheten bis zu den Geburtsgeschichten aus Lukas und Matthäus. Kann also eigentlich nicht so schwer sein, an diese Tradition anzuknüpfen, die so gesehen nicht spezifisch anglikanisch ist, bzw. eben noch älter ist.

and am i born to die – ein würmermahl der leib

Ein Würmermahl der Leib,
geboren für die Gruft –
ist Tod denn alles, was mir bleibt?
Ich bebe, weil er ruft.

Nur taube Schemen wehn
im jenseits-dunklen Land,
wo Schatten hausen, ungesehn,
wo Namen unbekannt.

Was wird aus mir, wenn bald
mein Geist dem Leib entflieht?
Mein Los – ist’s strafende Gewalt,
ist’s Gnade, die mich sieht?

Und weckt Posaunenton
mich auf, vor ihm zu stehn,
dann seh ich vor dem Flammenthron
die Himmel untergehn.

Yotin Tiewtrakul 2013
nach Charles Wesley 1763

Was singt man da eigentlich die ganze Zeit bei Sacred Harp? Wichtige Textquellen sind offensichtlich die Gedichte von Isaac Watts und den Wesley-Brüdern, die in Deutschland niemand kennt (es sei denn, man gehört zu so einer Minderheiten-Kirche wie den Baptisten oder so). Oben ist eine Übersetzung, eher: eine Übertragung von den vier Strophen von „And Am I Born To Die“ von Charles Wesley, die z.B. bei dem Lied „Idumea“ (Seite 47 unten) abgedruckt sind. Die Worte werden aber auch für „World Unknown“ (Seite 428) verwendet, was darauf hindeutet, dass das ein beliebter Text gewesen sein muss.

Kein Mensch dichtet mehr solche Höllenangst-Kirchenlieder. Der Geschmack hat sich geändert. Ich glaube, heutige Kirchenlieder müssen den Blick noch mehr auf gegenwärtigen Aufgaben lenken, anstatt sich in Himmel- oder Höllenphantasien zu ergehen. Trotzdem ernst zu nehmen ist, dass viele Menschen Angst vor dem haben, was nach dem Tod sein soll. Der Tod ist nicht nur ein Symbol für das, was wir nicht kennen, er ist nicht nur eine Metapher für das absolut Unbekannte, sondern möglicherweise eine reale „Erfahrung“ von Nicht-Bewusstsein – und natürlich ist das erschreckend! Der Tod ist wirklich das Unvorstellbare. Durch Singen wird die Angst vor dem Unvorstellbaren aber gedämpft. Die Menschheit singt seit jeher gegen den Tod an. Ob das was hilft, ist eine andere Frage. Aber es ist auf jeden Fall ehrlicher als das Gesinge von schönen Paradies-Gärten oder Bei-Jesus-sein-Blabla.

  • Noch mehr Strophen von dem Wesley-Gedicht im Original bei hymnary.org.
  • Und ach, kommt doch zum Sacred Harp Workshop mit Michael Walker am Samstag, 28. September 2013, 10.00-16.30 Uhr in der Anglican Church of St Thomas Becket in Hamburg (Zeughausmarkt 22, 20459 Hamburg). Er kostet nichts! Flyer / Facebook-Event
  • Falls ihr an dem Tag nicht könnt. Die Hamburger Gruppe trifft sich jeden Dienstag am selben Ort zum Singen: sacredharphamburg.weebly.com
  • Offensichtlich macht der Bremer Gruppe die deutsche Version Spaß, hier ein Audio vom letzten Samstag während der Nacht der Kirchen in Hamburg. Danke, dass ihr gekommen seid, um was von der Sacred Harp zu zeigen und davon zu erzählen!

„sacred harp“ ist irgendwie vintage und deshalb cool

Ja, ich mach eigentlich tatsächlich nur coole Sachen: Evensong mit Musik aus der Tudor-Zeit, meditieren in Sankt Peter in Köln und Fliege tragen. Einer uncoolen Gewohnheit gehe ich nur noch selten nach: Bloggen ist inzwischen irgendwie gähn. Das macht doch auch echt keiner mehr.

Die Frage ist, wie alt Sachen erst werden müssen, um dann wieder cool zu sein. Bei Sacred Harp, dessen Anfänge vielleicht im Neuengland von vor 200 Jahren liegt, kann man sagen: Jou, kann man wieder machen.

Sacred Harp ist keine Musik zum Zuhören, sondern zum Selbermachen. Die vier Stimmgruppen (Treble, Alto, Tenor, Bass) sitzen einander im sogenannten „Square“ gegenüber. Es gibt keinen Chorleiter, abwechselnd treten Menschen in den Square, sagen eine Seite an, jemand bestimmt die Anfangstöne und dann geht es los: „sol, la, fa, sol, la, fa, la, sol, la, sol, fa …“ In der Liedersammlung mit dem Titel „Sacred Harp“ sind die Noten in verschiedenen Formen („Shapes“ genannt) gedruckt, die mit vier verschiedenen Tonsilben gesungen werden. Erst nach diesem Durchgang werden dann eine oder mehrere Strophen gesungen. Volksmelodien mischen da mit Kirchenmelodien, durchweg werden gestapelte Akkorde präferiert, so dass ein robuster, archaischer Sound bei rum kommt. Musiksatztechnisch ist da so gut wie alles falsch. Wahnsinnig viele Infos hat die Homepage der Bremer Sacred Harp Gruppe.

Ich freue mich, dass Fynn nach Hamburg kommt, um einen Workshop dazu zu machen. Jeder kann da einsteigen. Wenn die Harmonien schon alle falsch gesetzt sind, kann man auch nicht wirklich noch falscher singen. Würde mich freuen, viele dabei zu haben:

Samstag, 17. August 2013, 10-17 Uhr
Singing from the „Sacred Harp“
Workshop mit Fynn Titford-Mock (Norwich/UK)

Anglikanische Kirche St Thomas Becket
Zeughausmarkt 22
20459 Hamburg
(U-Bahn „St. Pauli“, U-/S-Bahn „Landungsbrücken“)

Und ey, ihr Hosenträger-Hipster mit euren Herschel Supply Rucksäcken: Sacred Harp ist eure Musik! Ihr kennt das ja aus dem Manufactum-Katalog: „Es gibt sie noch, die guten Dinge.“

vierzig tage einsamkeit – ein lied zur fastenzeit

Vierzig Tage Einsamkeit (2012)
Ein Lied zu den Vierzig Tagen zu singen zu der Melodie „Nun komm, der Heiden Heiland“.
Von Yotin Tiewtrakul

„Danach trieb der Geist Jesus in die Wüste. Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm.“ (Markus 1,12-13)

1
Vierzig Tage Einsamkeit
klären, geben frei den Sinn.
Fremde Stimmen fallen hin,
Horizont und Herz sind weit.

2
Vierzig Nächte: Träume ziehn
dich ins Land, wo’s niemals tagt.
Fragen machen auf dich Jagd,
Hunger, Allmachtsphantasien.

3
Jesus, sanft nennst du dein Joch.
Angelehnt ist jetzt die Tür,
wo der Engel wohnt beim Tier.
Und das Yoga eint sie doch.

4
Jesus, Yogi, Menschensohn,
füg zusammen, was zerbrach,
geh du meinen Schmerzen nach,
und mein Leib wird Joch und Thron.

Immer wieder sucht man im Evangelischen Gesangbuch, was man denn während der Vierzigtage singen kann. Die Lieder in der Rubrik „Passion“ sind eigentlich alle schon für die Karwoche gedacht. Ausserdem: Erst durch die Aktion „Sieben Wochen ohne“ ist die Fastenzeit als Vorbereitungszeit für das Auferstehungsfest in die protestantische Frömmigkeit getreten. Nachvollziehbar, dass es dafür keine Lieder aus der Tradition gibt.

Zuerst wollte ich eigentlich etwas zu dem Lied „Forty days and forty nights“ (aus der anglikanischen Tradition) machen. Vor allem eigentlich der ansprechenden Melodie wegen. Während ich die erste Strophe schrieb, hatte ich sie auch im Ohr. Mir war jedoch bald klar, dass ich keine Übersetzung oder Übertragung machen würde und so schob sich die archaische Melodie von „Nun komm, der Heiden Heiland“ in mein Bewusstsein und bestimmte fortan die Atmosphäre.

Herausgekommen ist eine Auslegung der knappen Versuchungsgeschichte bei Markus als einer Wüstenzeit, in der Jesus bei den Tieren und bei den Engeln ist. Der Mensch ist hin und her gerissen zwischen diesen beiden Bereichen. Der Menschensohn ist für uns einer, der beides zusammenfügt, ohne sich von diesen Kräften versklaven zu lassen.

Die beiden ersten Strophen für sich beschreiben auch, was bei Exerzitienprozessen geschehen kann. Exerzitien sind gewissermassen absichtlich induzierte Krisen oder Wüstenzeiten.

Die Worte „Yoga“, Englisch „yoke“ und „Joch“ sind sprachlich miteinander verwandt. Ich hoffe, dass in der christlichen Frömmigkeitspraxis der Körper zurück gewonnen werden kann. Die Vierzigtage sollen keine protestantische moralische Übung werden, sondern körperlich Gestalt gewinnen.

Wenn die fremden Vokabeln doch zu sehr stören, schlage ich folgende alternativen Strophen vor:

3*
Jesus, sanft nennst du dein Joch.
Angelehnt ist jetzt die Tür,
wo der Engel wohnt beim Tier.
Sanftes Joch vereint sie doch.

4*
Jesus, Heiler, Menschensohn,
füg zusammen, was zerbrach,
geh du meinen Schmerzen nach,
und mein Leib wird Joch und Thron.

the huron carol (eine deutsche übersetzung)

Wenn wir zu Weihnachten wieder von Gottes Kommen in diese Welt erzählen, sind wir auch erstaunt, dass dieses Kommen Gottes nie aufgehört hat. Im Jahre 1643 hat ein Jesuitenpriester diese Geschichte wieder erzählt in einem Lied, das er in der Sprache der Huron-Indianer (im kanadischen Gebiet) verfasste. Im Jahre 1643 wurde Gott somit als Huron-Indianer geboren. Dieses Lied, das offensichtlich als Kanadas ältestes Weihnachtslied gilt, gibt es auch in einer englischen Version von 1926. Abgedruckt ist es zum Beispiel in „The Hymnal 1982“, dem Gesangbuch der Episkopalkirche (anglikanisch) in Amerika. Von dieser Textvorlage aus, verfasste ich folgenden deutschen Text:

1. Der kalte Wintermond hatt‘ alle Vögel schon verbannt,
da wurden Himmelswächter durch den Großen Geist gesandt.
Ihr Glanz war heller als ein Stern, / und Jäger hörten in der Fern‘:
Jesous Ahatonhia, Ahatonhia, Jesous Ahatonhia. (Jesus ist geboren.)

2. Ein Hüttendach aus Rinde barg das Kind so zart und fein.
Ein schon zerlumptes Hasenfell schloss seine Schönheit ein.
Die Jäger nahten gar nicht bang, / und lauter tönte der Gesang:
Jesous Ahatonhia, Ahatonhia, Jesous Ahatonhia. (Jesus ist geboren.)

3. Der neue Wintermond scheint nicht so rund und nicht so schön
wie jener Glanz, den ich um jenes schwache Kind gesehn.
Schamanen kamen von weit her / mit Gaben: Pelz von Fuchs und Bär.
Jesous Ahatonhia, Ahatonhia, Jesous Ahatonhia. (Jesus ist geboren.)

4. O Kinder aller Wälder, ihr des Großen Geistes Spross,
das Himmelskind ward euch geborn durch einer Mutter Schoß.
Kommt, singt dem Geist, der an euch denkt, / und durch dies Kind euch alles schenkt!
Jesous Ahatonhia, Ahatonhia, Jesous Ahatonhia. (Jesus ist geboren.)

Ich weiss: Warum soll man etwas in einer Übersetzung wiedergeben, was für einen anderen Kulturkreis gedacht war? Sollte nicht mit dem ursprünglichen Text einer nicht-europäischen Kultur die Weihnachtsbotschaft nahegebracht werden? Warum dann eine Rückübersetzung in eine europäische Sprache? Trotzdem: Durch die Übersetzung werden wichtige Fragen gestellt:

Ist uns bewusst, wie wir selber in deutschen bzw. europäischen Weihnachtsliedern die eigene Kultur in die Geburtsgeschichte eingeschrieben haben? Glauben wir wirklich, dass Gottes Kommen und In-Der-Welt-Sein universal ist? Wenn Gott als Huron-Indianer geboren werden kann, vielleicht kann er auch als kleines Mädchen geboren sein, oder schwarz oder asiatisch oder schwul. Wäre uns das sehr fremd? – Man sagt ja zu Weihnachten so oft: „Gott ist einer von uns geworden.“ Trotzdem dürfen wir nie behaupten, Gott gehöre ausschliesslich zu unserer Gang, zu unserem Clan, zu unserer Clique. Es wird immer ein Teil an dem Geheimnis sein, das uns schmerzlich fremd ist.

hark! the herald angels sing (deutsche übersetzung)

1. Boten rufen überall:
„Rühmt das Königskind im Stall!
Friede auf dem Erdenrund!
Gott und Mensch: ein neuer Bund!“
Wer die Neuigkeit gehört,
stimme ein in dieses Lied,
das die Engel uns gelehrt:
„Gott als Kind im Stall verehrt!“
Boten rufen überall:
„Rühmt das Königskind im Stall!“

2. Den Propheten einst schon sahn,
künden Engel heute an.
Eine junge Frau gebar
den, der vor der Welt schon war.
Heil dem Gott in Knechtsgestalt!
Ewigkeit sprang in die Zeit,
kehrte bei uns Menschen ein,
uns „Immanuel“ zu sein.
Boten rufen überall:
„Rühmt das Königskind im Stall!“

3. Friedensbringer unsrer Zeit!
Sonne der Gerechtigkeit!
Licht und Leben, Trost und Heil
unter seinen Flügeln weilt.
Seine Krone legt er ab,
reißt die Menschheit aus dem Grab.
Eine neue Welt entspringt
durch ein kleines schwaches Kind.
Boten rufen überall:
„Rühmt das Königskind im Stall!“

Yotin Tiewtrakul 2011
zu „Hark! the herald angels sing“ von Charles Wesley  u.a. ab 1739

Nie hätte ich gedacht, dass ich einen deutschen Text zu „Hark! the herald angels sing“ machen würde. Erstens gibt es genügend deutsche Weihnachtslieder, die man singen kann. Zweitens ist „Hark! the herald“ so eng verbunden mit der englischen Kultur, dass ich darum fürchten muss, von Kultur-Reinheits-Erhaltern Droh-E-Mails zu bekommen. Drittens ist die Textvorlage aus dem 18. Jahrhundert: Was soll uns diese Sprache noch sagen?

Nun ist es also keine Übersetzung geworden. Vielleicht ist mein Text auch nicht dazu gedacht, gesungen zu werden (obwohl ich sicher bin, dass es funktioniert). Man betrachte meinen Entwurf eher als eine Reflexion zum Thema „England – Deutschland“ bzw. zum Thema „Was ist anglikanisch?“. Reflektiert wird auch die Frage: Wieviel Archaismus und „Poetismus“ kann ich selber aushalten? Gestern sagte A. zum Beispiel zu mir, sie würde das Wort „Boten“ nicht mögen, das klänge so profan und unpoetisch. Aber ich selber mag halt irgendwie auch nicht so oft das Wort „Engel“ einsetzen, weil die Esoterik-Ecke in Bücher-Discountläden diese Mischwesen zwischen Himmel und Erde gezähmt hat.

Wenn ihr den Text auf Liederzetteln o.ä. benutzen wollt, gebt bitte – eigentlich ist das selbstverständlich – meinen Namen an. Vielleicht schreibt ihr auch eine E-Mail. Vorher. Und auch nachher, ob es funktionierte. Bitte verändert nicht ohne Absprache mit mir etwas an meiner Übertragung.