Kategorie: liturgical

den requisitenlosen ort aufsuchen

img_20161123_150931

Ich habe keine Übersetzung von “The Angel Gabriel from heaven came” gemacht, sondern einen neuen Text geschrieben. Der Kernsatz meines Textes ist “So kam uns Gott zur Welt als Kind durch nur ein Ja”. (Sorry, gesungen hört sich das viel flüssiger an – versprochen!)

Mich fasziniert die Idee, dass das Kommen Gottes an einem kleinen Wörtchen hängt, das irgendwo in einer bescheidenen Hütte von einem gerade mal heiratsfähigen Mädchen geäußert wurde: Ja.

Die Macht und der Zauber dieses Wortes wird auch entfaltet in der Notiz von Dag Hammaskjöld, die häufig als “Gebet” verstanden wird. Ich sah auch einmal die Überschrift “A Prayer for the New Year”. Die Notiz lautet: “For all that has been, Thank you. For all that is to come, Yes.”

Wer die kontemplativen Exerzitien nach Franz Jalics mal mitgemacht hat, weiß, dass langsam in die kontemplative Übung eingeführt wird. Das erste Übungswort ist natürlich kein streng gehütetes geheimes Mantra, sondern schlicht und ergreifend: Ja.

Ein anderes wirklich großartiges Verkündigungslied von John Bell, “No wind at the window”, hat auch in seiner letzten Strophe diese Pointe wie die junge Maria auf die Nachricht des Engels dann letztlich dem Boten die Antwort mitgibt: “Tell God, I say yes.”

Ich habe dazu ein Arrangement geschrieben, das wir auch dieses Jahr wieder bei den “Nine Lessons and Carols” in der Englischen Kirche in Hamburg singen werden. Dabei wird die Antwort Marias “Tell God, I say yes” mit einem “akustischen Spot” (durch einen harmonischen Shift) hervorgehoben und mehrmals wiederholt.

Mich fasziniert das Wort “Ja”, dieser Laut, der aus dem Öffnen vom engen, spitzen “I” zum offenen und verwundbaren “A” entsteht. Der Laut “I” ist für mich eher wie Keil, der durch meine Schädeldecke getrieben wird. Das “A” ist für mich im Brustbereich angesiedelt. (Ergibt das für irgendjemanden Sinn?)

Und doch: Ich weiß auch, dass man manchmal innerlich nur überleben kann, wenn man “Nein” sagt. Und wir sind bei der Unterscheidung nur auf uns selbst gestellt. Wir sind allein. Und wir müssen dabei allein sein. Es gibt die anderen, die sich wünschen, dass wir “Ja” sagen und dabei kaum – aber wie sollten sie auch, sie kennen und verstehen uns ja nicht! – unser Wohlsein im Blick haben. Aber wir sind allein. Und so hat auch John Bell die Verkündigungsszene mit null Requisiten ausgestattet: “No wind at the window, no knock on the door; / No light from the lampstand, no foot on the floor; / No dream born of tiredness, no ghost raised by fear; / Just an angel and a woman and a voice in her ear.”

Such diesen requisitenlosen Ort auf – um dein Ja zu finden, oder dein Nein. Ganz allein.

Anmerkungen und Links:

  • Der Engel Gabriel vom Himmel kam: Hier zum anhören und mitlesen. Noten sind abgedruckt in dem Regionalteil des Evangelischen Gesangbuches für die Nordkirche (unter dem Titel „Himmel, Erde, Luft und Meer“ erschienen).
  • „No wind at the window“ in einem eher gemeindetauglichen Arrangement von John Bell selbst ist hier zum anhören und mitlesen.
  • Unsere „Nine Lessons and Carols“ feiern wir in der Englischen Kirche in Hamburg dieses Jahr am Samstag, 10. Dezember 2016 um 18 Uhr.

wie schreibt man einen un-evangelikalen inklusiven worship-song-hit?

Und dann habe ich nach 20 Jahren Abstinenz doch mal wieder Lieder aus dem Worship Genre singen lassen. Man kann da sofort mitmachen (selbst mit meinem peinlichen Gitarrenstil). Ist halt catchy und cool. Was wir da inhaltlich singen, ist denen ja ziemlich egal. Für mich gab es allerdings sprachliche Fremdheitserfahrungen, und ich hab hier und da mal ein Wort verändert.

Die Tage drauf dann Fragen in meinem Kopf gehabt. Die ganze Zeit so: Was ist das, was diese Lieder so catchy sein lässt? Würde das mit anderer Sprache funktionieren? Wie würde man einen un-evangelikalen queer-welcoming Worship-Song-Hit schreiben?

Entdeckte heute Anfragen dann auch hier: Link bzw. Link (Merci, Daniel!) Aber fragte mich am Schluss wieder: Wie hört sich denn dann ein ehrliches Lied an, das unperfekt ist?

Bei Facebook unter dem Post dann einen Link zu Nathan Grieser gefunden (Merci, Benjamin!). Gleich beim ersten Track, den ich hörte („Together„), hatte ich einen ersten Anhaltspunkt gefunden:

Wie es verschiedene Gruppen (brother, sister, rival) aufruft, mit zu singen, durchbricht es das typische intime Zweiersetting (überirdischer Jesus-Boyfriend und lyrisches Popballaden-Ich). Bäm! Aha, ja – fühlt sich schon ganz anders an. Und dann diese grandiose Zeile: „Difference is the place where God is found.“

Werde diesen Song (und ich sehe ihn keineswegs als Worship-Song) jetzt mal überall ausprobieren, wo ich Musik mache. Dann sehen wir weiter.

nine lessons and carols – deutsch

Immer häufiger sieht man in Deutschland Kirchen oder Chöre, die in der Advents- und Weihnachtszeit zu „Nine Lessons and Carols“ einladen. So what? Eigentlich geht’s doch darum: Man trifft sich, hört Geschichten aus der Bibel und singt Lieder. Oder noch archaischer: Um’s Feuer sitzen, Geschichten hören und über das Singen sich in die Geschichten selbst hinein zu erzählen.

Macht doch mal so ein Hipster-Nine-Lessons-and-Carols im Wohnzimmer: Lest die neun Lesungen, die traditionell beim Carol Service am King’s College zu hören sind, und singt dazwischen ein paar Advents- und Weihnachtslieder. Und seid doch mal dabei ganz verrückt und singt alle Strophen von Paul Gerhardts „Wie soll ich dich empfangen“.

Hier die Reihenfolge der Lesungen:

  • Erste Lesung: Gott verkündet dem sündigen Adam, dass er das Leben des Paradieses verloren hat, und dass sein Same das Haupt der Schlange zertreten wird. Genesis 3,8-15.17-19
  • Zweite Lesung: Gott verheißt dem treuen Abraham, dass durch seine Nachkommenschaft alle Völker der Erde gesegnet sein sollen. Genesis22,15-18
  • Dritte Lesung: Der Prophet sagt das Kommen des Retters voraus. Jesaja 9,2.6-7
  • Vierte Lesung: Der Friede, den Christus bringen wird, wird vorausgesehen. Jesaja 11,1-4 (bis “Demütige der Erde”).6-9
  • Fünte Lesung: Der Engel Gabriel grüßt die Jungfrau Maria. Lukas 1,26-35.38
  • Sechste Lesung: Der Evangelist Lukas berichtet von der Geburt Jesu. Lukas 2,1.3-7
  • Siebte Lesung: Die Hirten gehen zur Krippe. Lukas 2,8-16
  • Achte Lesung: Die Weisen werden durch einen Stern zu Jesus geführt. Matthäus 2,1-11
  • Neunte Lesung: Der Evangelist Johannes legt das Geheimnis der Menschwerdung dar. Johannes 1,1-14

Näheres und weitere Entwürfe, die etwas mehr churchy klingen, dann hier in diesem PDF: Nine Lessons and Carols – Entwürfe Deutsch – Workshop

Liturgie-Nebenbemerkung: Im Wikipedia-Artikel zu den Nine and Carols hört es sich so an, als sei diese Form 1880 vom Bischof von Truro erfunden und 1918 am King’s College in seine heutige Fassung gebracht worden. Aber leicht kann man eine Verwandtschaft zur Osternachtfeier, zur sogenannten „Großen Vigil der Osternacht“ erkennen: Dort werden in einer Folge von neun Lesungen, angefangen von der Schöpfungsgeschichte bis zur Lesung des Auferstehungsevangeliums die Heilsgeschichte entfaltet, dazwischen sind Psalmgesänge vorgesehen. Hier, bei den Nine Lessons, beginnt es ebenso mit der Lesung aus der Genesis, über Abraham und die Propheten bis zu den Geburtsgeschichten aus Lukas und Matthäus. Kann also eigentlich nicht so schwer sein, an diese Tradition anzuknüpfen, die so gesehen nicht spezifisch anglikanisch ist, bzw. eben noch älter ist.

ein mord soll morde rächen – ein lied zur mimetischen theorie rené girards

Ein Lied zur mimetischen Theorie René Girards (2012)
Während der Passionszeit und besonders in der Karwoche zu singen zur Melodie „Mit Ernst, o Menschenkinder“.

Von Yotin Tiewtrakul

1
Ein Mord soll Morde rächen,
dies ist der alte Brauch.
Der Clan sühnt sein Verbrechen
wenn Fleisch verbrennt im Rauch.
So fließt seit jeher Blut,
den Rachedurst zu stillen,
der Stammesordnung willen.
Danach scheint alles gut.

2
Doch bald flammt das Begehren
im Kollektiv neu auf.
Wir können uns nicht wehren.
Ein Plan ist schon im Lauf.
Ein böses Opferlamm
muss unterm Messer singen,
bevor wir uns verschlingen.
So hält vorerst der Damm.

3
Die Stimme des Gejagten
entlarvt den blinden Neid.
Die Wunde des Verklagten
streift ab das Mythenkleid.
Verzeihen bannt den Zorn!
Denn Leben wächst aus Leben,
aus Mut, sich frei zu geben,
und geht nicht mehr verlorn.

Die Melodie von „Mit Ernst, o Menschenkinder“ (oder auch „Von Gott will ich nicht lassen“) ist bekannt? – Es muss im 16. Jahrhundert wohl eine sehr beliebte Melodie gewesen sein, bekannt als „Une jeune pucelle“ oder „Une jeune fillette“. Hier eine der Variationen, von der aus die Melodie zu „Mit Ernst, o Menschenkinder/Von Gott will ich nicht lassen“ gestaltet wurde:

vierzig tage einsamkeit – ein lied zur fastenzeit

Vierzig Tage Einsamkeit (2012)
Ein Lied zu den Vierzig Tagen zu singen zu der Melodie „Nun komm, der Heiden Heiland“.
Von Yotin Tiewtrakul

„Danach trieb der Geist Jesus in die Wüste. Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm.“ (Markus 1,12-13)

1
Vierzig Tage Einsamkeit
klären, geben frei den Sinn.
Fremde Stimmen fallen hin,
Horizont und Herz sind weit.

2
Vierzig Nächte: Träume ziehn
dich ins Land, wo’s niemals tagt.
Fragen machen auf dich Jagd,
Hunger, Allmachtsphantasien.

3
Jesus, sanft nennst du dein Joch.
Angelehnt ist jetzt die Tür,
wo der Engel wohnt beim Tier.
Und das Yoga eint sie doch.

4
Jesus, Yogi, Menschensohn,
füg zusammen, was zerbrach,
geh du meinen Schmerzen nach,
und mein Leib wird Joch und Thron.

Immer wieder sucht man im Evangelischen Gesangbuch, was man denn während der Vierzigtage singen kann. Die Lieder in der Rubrik „Passion“ sind eigentlich alle schon für die Karwoche gedacht. Ausserdem: Erst durch die Aktion „Sieben Wochen ohne“ ist die Fastenzeit als Vorbereitungszeit für das Auferstehungsfest in die protestantische Frömmigkeit getreten. Nachvollziehbar, dass es dafür keine Lieder aus der Tradition gibt.

Zuerst wollte ich eigentlich etwas zu dem Lied „Forty days and forty nights“ (aus der anglikanischen Tradition) machen. Vor allem eigentlich der ansprechenden Melodie wegen. Während ich die erste Strophe schrieb, hatte ich sie auch im Ohr. Mir war jedoch bald klar, dass ich keine Übersetzung oder Übertragung machen würde und so schob sich die archaische Melodie von „Nun komm, der Heiden Heiland“ in mein Bewusstsein und bestimmte fortan die Atmosphäre.

Herausgekommen ist eine Auslegung der knappen Versuchungsgeschichte bei Markus als einer Wüstenzeit, in der Jesus bei den Tieren und bei den Engeln ist. Der Mensch ist hin und her gerissen zwischen diesen beiden Bereichen. Der Menschensohn ist für uns einer, der beides zusammenfügt, ohne sich von diesen Kräften versklaven zu lassen.

Die beiden ersten Strophen für sich beschreiben auch, was bei Exerzitienprozessen geschehen kann. Exerzitien sind gewissermassen absichtlich induzierte Krisen oder Wüstenzeiten.

Die Worte „Yoga“, Englisch „yoke“ und „Joch“ sind sprachlich miteinander verwandt. Ich hoffe, dass in der christlichen Frömmigkeitspraxis der Körper zurück gewonnen werden kann. Die Vierzigtage sollen keine protestantische moralische Übung werden, sondern körperlich Gestalt gewinnen.

Wenn die fremden Vokabeln doch zu sehr stören, schlage ich folgende alternativen Strophen vor:

3*
Jesus, sanft nennst du dein Joch.
Angelehnt ist jetzt die Tür,
wo der Engel wohnt beim Tier.
Sanftes Joch vereint sie doch.

4*
Jesus, Heiler, Menschensohn,
füg zusammen, was zerbrach,
geh du meinen Schmerzen nach,
und mein Leib wird Joch und Thron.

hark! the herald angels sing (deutsche übersetzung)

1. Boten rufen überall:
„Rühmt das Königskind im Stall!
Friede auf dem Erdenrund!
Gott und Mensch: ein neuer Bund!“
Wer die Neuigkeit gehört,
stimme ein in dieses Lied,
das die Engel uns gelehrt:
„Gott als Kind im Stall verehrt!“
Boten rufen überall:
„Rühmt das Königskind im Stall!“

2. Den Propheten einst schon sahn,
künden Engel heute an.
Eine junge Frau gebar
den, der vor der Welt schon war.
Heil dem Gott in Knechtsgestalt!
Ewigkeit sprang in die Zeit,
kehrte bei uns Menschen ein,
uns „Immanuel“ zu sein.
Boten rufen überall:
„Rühmt das Königskind im Stall!“

3. Friedensbringer unsrer Zeit!
Sonne der Gerechtigkeit!
Licht und Leben, Trost und Heil
unter seinen Flügeln weilt.
Seine Krone legt er ab,
reißt die Menschheit aus dem Grab.
Eine neue Welt entspringt
durch ein kleines schwaches Kind.
Boten rufen überall:
„Rühmt das Königskind im Stall!“

Yotin Tiewtrakul 2011
zu „Hark! the herald angels sing“ von Charles Wesley  u.a. ab 1739

Nie hätte ich gedacht, dass ich einen deutschen Text zu „Hark! the herald angels sing“ machen würde. Erstens gibt es genügend deutsche Weihnachtslieder, die man singen kann. Zweitens ist „Hark! the herald“ so eng verbunden mit der englischen Kultur, dass ich darum fürchten muss, von Kultur-Reinheits-Erhaltern Droh-E-Mails zu bekommen. Drittens ist die Textvorlage aus dem 18. Jahrhundert: Was soll uns diese Sprache noch sagen?

Nun ist es also keine Übersetzung geworden. Vielleicht ist mein Text auch nicht dazu gedacht, gesungen zu werden (obwohl ich sicher bin, dass es funktioniert). Man betrachte meinen Entwurf eher als eine Reflexion zum Thema „England – Deutschland“ bzw. zum Thema „Was ist anglikanisch?“. Reflektiert wird auch die Frage: Wieviel Archaismus und „Poetismus“ kann ich selber aushalten? Gestern sagte A. zum Beispiel zu mir, sie würde das Wort „Boten“ nicht mögen, das klänge so profan und unpoetisch. Aber ich selber mag halt irgendwie auch nicht so oft das Wort „Engel“ einsetzen, weil die Esoterik-Ecke in Bücher-Discountläden diese Mischwesen zwischen Himmel und Erde gezähmt hat.

Wenn ihr den Text auf Liederzetteln o.ä. benutzen wollt, gebt bitte – eigentlich ist das selbstverständlich – meinen Namen an. Vielleicht schreibt ihr auch eine E-Mail. Vorher. Und auch nachher, ob es funktionierte. Bitte verändert nicht ohne Absprache mit mir etwas an meiner Übertragung.

heute erheb ich mich

Zu dem keltischen Schutzgebet, das unter dem Titel „Breastplate of St Patrick“ bekannt ist, gibt es in England (Vorsicht: MIDI! – Kopfhörer absetzen oder Ton ausschalten!) das Lied „I bind unto myself today“. Da ich das niemals hätte übertragen können, habe ich mich hingesetzt und was anderes probiert. Dabei ist dann „Heute erheb ich mich“ bei heraus gekommen. Ich wusste auch schon beim Verseschmieden, dass ich die Melodie, die im englischen Melodie-Index „Iste confessor“ heisst, verwenden wollte. Die ist dann auch auf der Aunahme zu hören. Wenn man bekanntere Melodien verwenden will: Es passt auch „Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen“ (Evangelisches Gesangbuch 81), was aber ein wenig depri klingt. Oder auch „Christus, das Licht der Welt“ (Evangelisches Gesangbuch 410), was aber ein wenig zu sehr lalala klingt. Das dorische „Iste confessor“ ist herb und meiner Meinung nach doch passender.

wie wiele kalorien hat eine hostie?

Zu Besuch bei „Moot“, einer „new monastic community“ in London. Sonntagabend. (Meine Notizen zum Samstagnachmittag.) Wann sollte das noch einmal losgehen? 18.30? Wir sind sowieso zu früh und es gibt Kaffee und Tee und Kekse, und natürlich geht es auch um 18.30 nicht los. Macht nichts. Man sagt Leuten hallo, man fühlt sich ja schon fast zu Hause in diesem Kirchenraum, wenn man nur einmal einige Leute kennen gelernt hat. Die Freunde vertiefen sich in Gespräche. Da ich aber darauf gerade keine Lust habe, gehe ich schon mal in den hinteren Bereich beim Altar. Dort versucht vergeblich ein ehrwürdiges Chorgestühl Traditionalismus auszustrahlen ob der jungen Leute, die sich langsam dort einfinden. Hallo? In so ein Chorgestühl gehören ja sonst bitte schön Kleriker mit Liturgie-Klamotten oder Chorknaben in weissen Chorhemden mit Spitzen. (By the way, Ian: Do you really think white hoodies for the Moot-clergy look good? Why not dress in your everday clothes and then just put on the stole at the beginning of the eucharistic liturgy?) Stattdessen sitzen hier durch H&M bekleidete Menschen.

Und dann geht es doch irgendwann los: „We meet in the name of our Triune God – Creator, Redeemer, Sustainer.“ Es ist trotz frischer Sprache erkennbar eine Liturgie des westlichen Messtypus. Singen tun wir nur mit einer Handtrommel begleitet, was gut klappt und ein tolles Erlebnis ist, weil begabte Menschen dabei sind, die weitere Stimmen dazu erfinden. Unausweichlich dann eine Predigt – leider auch in einer catholischen Liturgie (Moot ist eine der wenigen Projekte, die aus dem anglo-catholischen Zweig der englischen Kirche erwachsen sind). Doch ich verstehe sprachlich den Mittzwanziger leider nicht, u.a. weil er nuschelt. Das Genre „Predigt“ ist sowieso nicht meins. Ich höre also nicht wirklich zu.

Zur Eucharistie stehen wir im Kreis eng um den Altar. Ian entschuldigt sich, dass statt Hostien (sie hatten keine mehr) auf der Patene kleine Pfannkuchen liegen, die noch vom Treffen vom Vortag übrig waren. Oh-oh, Kohlenhydrate und Kalorien! Ich vertraue darauf, dass das wirklich eine Ausnahme ist und nicht nur ein Trick, um lustig und frech rüber zu kommen. (Nein, ich glaube nicht wirklich, dass das Absicht war.) Wir singen das Sursum corda auf einem Ton und Ian improvisiert über unserem Halteton die Präfation. Die gesungenen Teile der Liturgie, Sanctus, Gloria (ja, es ist an diese Stelle gerutscht) und Agnus Dei funktionieren wieder mit der Trommel begleitet und einer einfachen Vor- und Nachsingen-Struktur. Das ist einfach, angemessen und schön. Wir empfangen das Sakrament, und die Liturgie findet ihren Schluss mit liturgischen Formeln, die man sonst auch kennt: „So let us go into the world loving all those we meet and seeking to discern God whereever we are led. – In the name of Christ. Amen.“

Immer noch um den Altar stehend einige Ansagen, bei denen man merkt, wie familiär es hier zugeht. Danach ist immer noch viel Zeit zum Klönen bevor es dann in den Pub gehen soll. Da wir allerdings zu Mittag woanders schon ein wortreiches Mahl hatten mit vielen neuen und fremden Leuten, verzichten wir für den Abend darauf, noch mehr neue Leute kennen zu lernen. Wir verabreden mit Ian aber in Kontakt zu bleiben und so.

Nun: Was ist anders, was ist besonders? Wenn man nicht nur sagen wollte: nichts, würde ich das so beschreiben: Leute unter 40 feiern gemeinsam Eucharistie und sie wollen was. Sie haben eine Richtung eingeschlagen. Eigentlich frage ich mich, warum es nicht noch mehr solcher Menschen gibt. Was ist das Problem?

mystiker der zukunft

Mystiker der Zukunft
von Yotin Tiewtrakul

Irgend jemand muss es ja mal machen: die aktuelle Situation auf dem spirituellen Markt der Möglichkeiten beleuchten und in das Licht reflexiver Theologie zu halten. Das „theologische Licht“ ist in Sabine Boberts „Jesus-Gebet und neue Mystik“ allerdings nicht irgend eine gesetzte christliche Dogmatik. Nein, es speist sich aus Portraits verschiedener Theologen, Mönche, Mystikerinnen und Asketen. So stehen in der Darstellung der Mystagogik seit der Antike bis zur Postmoderne zum Beispiel Odo Casel, Dietrich Bonhoeffer und Manfred Josuttis nebeneinander. Zwei Künstler, Andy Goldsworthy und Antony Gormley werden zu Kronzeugen „mystischer Ästhetik“ in der Gegenwartskunst. Im Abschnitt „Der mystische Weg des Einzelnen“ kommen diverse Persönlichkeiten zur Sprache wie Charles de Foucauld, Henri Nouwen, Ambrosius von Mailand, Mathieu Ricard, John Main, Emmanuel Jungclaussen, Ignatius von Loyola, Bernhard von Clairveaux. Unter anderem.

Es ist also auch ein Lesebuch, wo man griffige Deutungen mancher Biographie (so über Charles de Foucauld) findet, als auch übersichtliche Darstellungen spezifischer geistlicher Übungen (so zum historischen Nachweis der Praxis des sogenannten Jesus-Gebets). Das Anliegen, zu einer zeitgenössischen christlichen Mystagogik anzuregen, wird scheinbar durch die Evokation der oben genannten Kronzeugen versucht umzusetzen. Wird aber allein durch das Aufrufen dieser Kronzeugen, durch eine Art postmoderne Heiligenlitanei, eine zeitgenössische christliche Mystik und eine theologische Neuorientierung greifbar? Meine Frage ist: Wie kann das hier Dargestellte speziell für den Protestantismus einen gangbaren Weg weisen? In welchem Gestaltungsraum werden die Referate dargeboten? Es heisst zum Beispiel in dem letzten Abschnitt „Gemeinsame Rituale als Einweihungswege“:

„Wer die Kraft der eucharistischen Vereinigung für seinen Entwicklungsweg nutzen will, braucht möglichst einen täglichen Zugang zu ihr. Die Entfernung der Eucharistie aus dem alltäglichen Lebensrhythmus führt nicht zur Entfaltung des Mysteriums, sondern zu wachsender Entfremdung und Nichtverstehen.“ (Seite 422)

Das ist eine mutige Anregung – Bloss: Woher? Was kann ein evangelischer Christ, der einen „mystagogischen Weg“ geht, praktisch dann tun? Interessant ist dann gewiss der Nachweis patristischer Empfehlungen zur täglichen Kommunion und der Hinweis, dass sich die Mitgabe der Eucharistie für die restlichen Tage der Woche besonders im Mönchtum, vor allem für eremitische Lebensformen, gehalten hat. Wie kann heute daran angeknüpft werden? Durch ein pragmatisches „einfach machen“? Wirkt eine eucharistische Spiritualität im evangelischen Raum statt transformativ nicht ungewollt ekzentrisch?

Der Titel des letzten Abschnitts ist richtig, es müsste tatsächlich um „gemeinsame Rituale“ gehen. Mir scheint aber, die Rituale sind nicht das Problem, sondern das Stichwort „gemeinsame“. Der Christ der Zukunft, nach dem Wort Rahners, wird vielleicht Mystiker sein. Okay, geschenkt. Aber der neue Mystiker muss auch sehen, was es bedeutet, Leben mit anderen zu gestalten, oder er wird nur ein Ekzentriker sein.

Vielleicht kann das versprochene Praxisbuch unter dem Titel „Mystik und Coaching“ dies bedenken.

maranatha

In den letzten Tagen mit einer Gruppe hier ausprobiert. Man kann es singen. Auch wenn sich 5 und 6 Schläge abwechseln. Und selbst, wenn die Gruppe eher ungeübt ist. Eigentlich braucht man dazu überhaupt keine Noten. Bevor man sich die Noten anguckt und es von den Noten lernen will, sollte man lieber versuchen, es über’s Hören zu machen: