Kategorie: weg

komplet mit urban contemplatives köln und hipster-pärchen aus san francisco

Hey, ich hab gestern mit den Kölnern in St. Peter Komplet gefeiert und meditiert. Das war toll! Die Freunde bei [urban contemplatives] köln haben mit St. Peter wirklich einen wahnsinnig coolen Raum, wo ich sagen muss: Ich platze vor Neid! Einmal im Monat, am ersten Dienstag, treffen sie sich dort, sonst donnerstags im Wohnzimmer zum meditieren. Also cooler geht das gar nicht.

Dass für eins der Treffen ein öffentlich zugänglicher Raum gewählt wird, das gefällt mir. (Wir bei [urban contemplatives] hamburg haben uns ja in einen Meditationsraum verliebt, der aber kaum zufällig gefunden werden kann.) So ein öffentlicher Raum signalisiert Transparenz und Verbindung, und so sind auch unerwartete Begegnungen möglich: Es war wirklich charmant gestern, das Hipster-Pärchen (beide mit Toms Slipper beschuht!) aus San Francisco mit im Baptisterum bei der Komplet dabei zu haben. Die haben einfach den Kirchenraum entdeckt und waren (wie ich) hin und weg. Und so waren sie bei der Komplet mit dabei. Dahergelaufene Leute wie die und ich sagen mit Stefan und den anderen alte Worte auf. So muss das sein.

Vom abgesenkten „Baptisterium-Uterus“ gehen wir nach der Komplet in die Weite des Kirchenraums hinauf, der nicht von Kirchenbänken verstellt ist. Dort folgt das Sitzen in zwei Runden. Ich bin eigentlich zu müde und nicke immer wieder halb ein, aber das ist egal. Es geht nicht darum, dass ich eine super Meditation hinlege. Der dunkle Raum von St. Peter nimmt mich auch so mit in die Gegenwart, irgendwie.

Bin sehr dankbar für Begegnungen und Gespräche hier in Köln.

Es kann sein, dass dieses Weblog kurz wieder aktiviert wird. Wie ich hier in diesem Video erkläre, habe ich versprochen, einen Artikel beizusteuern zu Thomas Merton und das alles erinnert mich an die Anfänge hier. Vielleicht könnte das auch das letzte Projekt sein, das mit diesem Blog verbunden ist. Eventuell ein guter Abschluss? Das letzte Kapitel? Mal schauen.

don’t leave a trail

„Don’t go where the path may lead.
Go instead where there is no path
and leave a trail.“ – Ralph Waldo Emerson
(Found on the wall of a guestroom of St Matthew’s House, Westminster)

Just one thing: Don’t leave a trail. The way, your no-path-way is useless for others. And it is useless even for you when you have arrived.

Don’t go where the path may lead.
Go instead where there is no path
and leave no trail.

wie wird man etwas?

Wie wird man etwas? Bei Aristoteles (in der Nikomachischen Ethik) geht das meiner Erinnerung nach so: Du wirst ein guter Kithara-Spieler, indem du oft gut Kithara spielst. Oder: Du wirst ein tapferer Krieger, indem du tapfere Taten vollbringst.

Merkwürdigerweise denkt man allgemein anders: Man ist (vor allem in Deutschland) zum Beispiel nur ein Theologe, wenn man ein Papier von einer Universität hat, auf dem draufsteht, dass jemand, der selber auch ein Papier hat, auf dem steht, dass er Theologe ist, „bescheinigt“, dass man sich „Theologe“ nennen darf. Ich selber habe ein Papier, eine Bescheinigung, die mich als „Diplom-Komponisten“ ausweist. Allerdings bin ich solange kein Komponist, wenn ich nicht mal etwas komponiere. Und das habe ich die Jahre nach dem Studium einfach nicht gemacht. In den Jahren „war“ ich also kein Komponist. Im Nachhinein sehe ich: Ich habe studiert, weil ich „etwas“ „sein“ wollte. Aber was hilft so ein Papier, wenn man nicht das „tut“, was man „sein“ möchte?

Übrigens wird solches „etwas sein“ auch oft mit Kleidung markiert. Da gibt es z.B. Uniformen und Ordenskleidung. Sie sagen wahlweise „Ich habe Autorität“ oder „Ich bin für Gott ausgesondert“. Aber was hilft die Behauptung, wenn man nicht tut, was behauptet wird? Gibt es Polizisten ohne Uniform? Gibt es Mönche ohne Habit? Gibt es Nonnen ohne Schleier?

„Wir meditieren nicht, um erleuchtet zu werden – sondern weil wir erleuchtet sind, meditieren wir.“ (Bernie Glassman, aus dem Gedächtnis zitiert) Hier ist es umgedreht. Hier ist das Tun schon Ausdruck dessen „was“ wir „sind“.

Was willst du sein? Eben weil (und nicht: „damit“, „um zu“) du ein für Gott Ausgesonderter, ein Buddha, eine Eremitin, ein Mönch, eine Kontemplative, whatever, bist, führst du das Leben das du führst. Darum betest du die Psalmen, daher sitzt du auf dem Meditationskissen, deshalb hast du ein Ohr für andere. Und dir ist dann wahrscheinlich auch nicht mehr wichtig, „etwas“ zu „sein“.

Diesen Eintrag widme ich dem spirituellen Veteranenclub und unserer Synaxis im nächsten Jahr: Für Andrea, Pius, Kathrin, Paddy und Johann – Sainte Madeleine, ora pro nobis.

zwei notizen: kenosis und weltherrschaft

Der Weg der “kenosis”, der Entäusserung ist ganz einfach: Rechts und links neben dir sind schon Treppenstufen nach unten aufgeklappt, du musst nur der Gravitation folgen: nach unten. Ja, die ganze Tendenz der Welt ist so, im Beruf, im Alltag, in der Familie, in der Kirche: alle stossen dich runter. Sie alle Agenten der kenosis. Der schmale Pfad ist nicht schmal, sondern steil und tief. Und es gibt nichts Einfacheres als: dich fallen zu lassen.

Du merkst es, wenn du dich verkrampfst, wenn du dir Strategien zurecht gelegt hast, um dich zu wappnen vor Verletzungen und Enttäuschungen, wenn du dir Plan B, Plan C, Plan D zurecht gelegt hast: Die Angst ist da. Sie suggeriert dir, dass du keinen Ausweg hast. Sie suggeriert dir, dass du keinen Handlungsspielraum hast. Anstatt in die Offensive zu gehen, anstatt anzugreifen, anstatt einen Präventivschlag auszuführen, probiere mal: dich zerstören zu lassen. Lass dir alles nehmen, lass dir deinen guten Ruf nehmen. Dort – vielleicht – ist plötzlich Freiheit. Von dort aus, wo du nichts mehr hast, wo du alles falsch gemacht hast, wo du es zugelassen hast, dass du von anderen als doof und unwert hingestellt wurdest, kannst du plötzlich alles machen. Da hast du auf einmal eine bis in das Weltall hinausragende Handlungsfreiheit. Der Punkt Null, der Golgota-Punkt bietet dir alle Möglichkeiten aller möglichen Welten.

nicht fliehen

Ich bin ein Liebender,
und vor seiner Liebe
bin ich nicht geflohen.

Ich bin ein Krieger,
und auf dem Schlachtfeld
bin ich nicht geflohen.

Obgleich mein Ziel der höchste Himmel war:
vor den Fallstricken der Welt
bin ich nicht geflohen.

Mit ganzer Seele ehrt’ ich den Propheten,
doch vor schlechten Menschen
bin ich nicht geflohen.

Die Wunden der Schlacht sind zum Sieg geworden,
weil ich vor den Schmerzen
nicht geflohen bin.

Ich schwimme in einem Meer von Nektar und bin mit Wonne erfüllt,
weil ich vor des Lebens Widrigkeiten
nicht geflohen bin.

Rumi

Auf spirituellen Wegen kommt man mit ganz einfachen Merksätzen aus, die man immer und immer wieder sagt. Hier ist es: „nicht fliehen“. Es ist eine Variation von dem, was ich im vorletzten Eintrag notierte. Dort bewegte sich die Wortwahl eher im Passivischen: Schweres schwer sein lassen, Leichtes leicht sein lassen etc. Hier ist mit der Aufforderung „nicht fliehen!“ allerdings deutlich, dass man manchmal etwas tun muss, dass man eine Anstrengung braucht, eine feste Intention, um präsent zu sein für das, was ist. Man muss sich hinstellen trauen, um die Dinge, Gefühle, Gedanken anwesend sein zu lassen. (NB. Im vorletzten Vers steht jetzt „Wunden“ statt „Wunder“. Ich habe es mal irgendwo abgeschrieben und kann mir vorstellen, dass sich da ein Fehler eingeschlichen hat.)

Mehr von Rumi: http://twitter.com/RumiQuotes

walking madonna

Bin nach einigem Reisen wieder zurück in Norddeutschland. Und wer könnte mich besser begleiten als die „Walking Madonna“, eine Skulptur auf dem Gelände der Kathedrale von Salisbury? Wie eindrücklich predigte Jeremy am „Fest von der Aufnahme Mariens in den Himmel“ vor einer Woche über sie: Maria, die auf dem Weg ist. Der Kathedrale und was mit ihr an berückender gottesdienstlicher Feier verbunden ist, kehrt sie den Rücken, um bei den Menschen zu sein. So ist sie: Maria – die Mutter Jesu und unsere.

„The Walking Madonna brings us down to earth, to the place where the angel first encountered her, on the road to the market place, amidst the noise of the traffic, to those places where ordinary people live, where the hungry are still hungry and the poor still poor. She seems to say to us, as she strides away from her shrine ‚Follow me, and I will show you where heaven is.'“ (from a sermon preached in Salisbury Cathedral by Canon Jeremy Davies, Precentor on 15 August 2010)

nichtkloster

Wenn nach Vertiefung eines spirituellen christlichen Lebens geschaut wird, wo schaut man hin? Wenn Kirche neu bedacht werden soll mit der Frage nach Möglichkeiten der Gestaltung von intensiver Gemeinschaft erscheint die Projektion „Kloster“. Dabei halte ich diese Reflexions-Folie für überhaupt nicht sinnvoll.

Kloster bedeutet: Entweder bist du drin oder du bist draussen. Diese Klarheit kommt weder unserem differenzierten Management diverser Bezüge entgegen, noch spiegelt sie die verschiedenen Begegnungen und Beziehungen des Rabbis aus Nazareth. Dort gibt es zwar durchaus einen engen Kreis, und gar einen Lieblingsjünger, dann aber auch reiche Frauen, die mit unterwegs waren, anonyme Sympathisanten, aber auch dieser Bewegung Verbundene, die nicht mit herumziehen: einige Mitglieder der religiösen Elite, Freunde und Bekannte wie Maria, Martha und Lazarus.

Anders in der Projektion von Kloster: Die Klostergemeinschaft ist von der Idee her eine Elite, eine Kerngruppe, eine Phalanx, eine Avantgarde spirituellen Heroismus. Sie eröffnet eine Unterscheidungsmöglichkeit von einer Sorte Christen, die es ernst meinen, von anderen, die nur halbherzig bei der Sache sind.

Ein Gegenbild: Gemeinschaft und gestaltete Begegnung im Namen des Rabbis aus Nazareth, ja im Namen des dynamischen Gott-Kollektivs besteht aus verschiedenen Layern, aus verschiedenen Membranen und unterschiedlichen Graden von Zugehörigkeit. Es gibt kein Drinnen oder Draussen, sondern nur Gravitation und verschiedene Orbits.

Was ist das Gravitationszentrum, was macht die Gravitas, die Schwere, die „Kabod“ aus? Es ist ein Geheimnis. Aber konkret und sichtbar und rituell und als Vollzug erfahrbar, erscheint die Gravitas in der Tischgemeinschaft.

Das Gravitationszentrum ist nicht benennbar. Aber sie entfaltet ihre Kraft, die immer einladend ist, stets voller Respekt aber auch vor den verschiedenen Möglichkeiten von Nähe und Distanz. Es gibt hier die Freiheit, näher am Zentrum zu kreisen und sich auch wieder zu lösen. Alle „Objekte“ in ihren (wechselnden) Orbits werden wiederum zu Anziehungskörpern, gewinnen eine eigene Dichte, fügen der Mitte gelegentlich auch mehr und mehr Schwere und Gravitas hinzu. – Nun, wie nennt man ein solches Gebilde? Ja wohl nicht Kloster.

transeamus

Und in deinem Leben ist Fülle, anders als du gedacht und gewünscht hast. Und die Sorte Fülle ist nicht selten Zumutung und unerträglich. Und es kommt zu dir, Gnade kommt ungefragt zu dir, reisst deine Haut auf, um sich mit deinem Blut zu verbinden. Und wenn du dich festhalten willst, wird es umso ärger. Keine Anstrengung, sich selbst zu verleugnen: Deine Biographie macht es schon von alleine. Ganz leicht wird es, wenn du plötzlich die Einsicht hast: Du agierst bloss Rollen aus, die du dir selber gewählt hast. Morgen schon bist du jemand anderes. „Sie gehen von einer Kraft zur anderen, dann schauen sie den wahren Gott in Zion.“ Und dieser Gott ist niemand anderes als