„sacred harp“ ist irgendwie vintage und deshalb cool

Ja, ich mach eigentlich tatsächlich nur coole Sachen: Evensong mit Musik aus der Tudor-Zeit, meditieren in Sankt Peter in Köln und Fliege tragen. Einer uncoolen Gewohnheit gehe ich nur noch selten nach: Bloggen ist inzwischen irgendwie gähn. Das macht doch auch echt keiner mehr.

Die Frage ist, wie alt Sachen erst werden müssen, um dann wieder cool zu sein. Bei Sacred Harp, dessen Anfänge vielleicht im Neuengland von vor 200 Jahren liegt, kann man sagen: Jou, kann man wieder machen.

Sacred Harp ist keine Musik zum Zuhören, sondern zum Selbermachen. Die vier Stimmgruppen (Treble, Alto, Tenor, Bass) sitzen einander im sogenannten „Square“ gegenüber. Es gibt keinen Chorleiter, abwechselnd treten Menschen in den Square, sagen eine Seite an, jemand bestimmt die Anfangstöne und dann geht es los: „sol, la, fa, sol, la, fa, la, sol, la, sol, fa …“ In der Liedersammlung mit dem Titel „Sacred Harp“ sind die Noten in verschiedenen Formen („Shapes“ genannt) gedruckt, die mit vier verschiedenen Tonsilben gesungen werden. Erst nach diesem Durchgang werden dann eine oder mehrere Strophen gesungen. Volksmelodien mischen da mit Kirchenmelodien, durchweg werden gestapelte Akkorde präferiert, so dass ein robuster, archaischer Sound bei rum kommt. Musiksatztechnisch ist da so gut wie alles falsch. Wahnsinnig viele Infos hat die Homepage der Bremer Sacred Harp Gruppe.

Ich freue mich, dass Fynn nach Hamburg kommt, um einen Workshop dazu zu machen. Jeder kann da einsteigen. Wenn die Harmonien schon alle falsch gesetzt sind, kann man auch nicht wirklich noch falscher singen. Würde mich freuen, viele dabei zu haben:

Samstag, 17. August 2013, 10-17 Uhr
Singing from the „Sacred Harp“
Workshop mit Fynn Titford-Mock (Norwich/UK)

Anglikanische Kirche St Thomas Becket
Zeughausmarkt 22
20459 Hamburg
(U-Bahn „St. Pauli“, U-/S-Bahn „Landungsbrücken“)

Und ey, ihr Hosenträger-Hipster mit euren Herschel Supply Rucksäcken: Sacred Harp ist eure Musik! Ihr kennt das ja aus dem Manufactum-Katalog: „Es gibt sie noch, die guten Dinge.“

komplet mit urban contemplatives köln und hipster-pärchen aus san francisco

Hey, ich hab gestern mit den Kölnern in St. Peter Komplet gefeiert und meditiert. Das war toll! Die Freunde bei [urban contemplatives] köln haben mit St. Peter wirklich einen wahnsinnig coolen Raum, wo ich sagen muss: Ich platze vor Neid! Einmal im Monat, am ersten Dienstag, treffen sie sich dort, sonst donnerstags im Wohnzimmer zum meditieren. Also cooler geht das gar nicht.

Dass für eins der Treffen ein öffentlich zugänglicher Raum gewählt wird, das gefällt mir. (Wir bei [urban contemplatives] hamburg haben uns ja in einen Meditationsraum verliebt, der aber kaum zufällig gefunden werden kann.) So ein öffentlicher Raum signalisiert Transparenz und Verbindung, und so sind auch unerwartete Begegnungen möglich: Es war wirklich charmant gestern, das Hipster-Pärchen (beide mit Toms Slipper beschuht!) aus San Francisco mit im Baptisterum bei der Komplet dabei zu haben. Die haben einfach den Kirchenraum entdeckt und waren (wie ich) hin und weg. Und so waren sie bei der Komplet mit dabei. Dahergelaufene Leute wie die und ich sagen mit Stefan und den anderen alte Worte auf. So muss das sein.

Vom abgesenkten „Baptisterium-Uterus“ gehen wir nach der Komplet in die Weite des Kirchenraums hinauf, der nicht von Kirchenbänken verstellt ist. Dort folgt das Sitzen in zwei Runden. Ich bin eigentlich zu müde und nicke immer wieder halb ein, aber das ist egal. Es geht nicht darum, dass ich eine super Meditation hinlege. Der dunkle Raum von St. Peter nimmt mich auch so mit in die Gegenwart, irgendwie.

Bin sehr dankbar für Begegnungen und Gespräche hier in Köln.

Es kann sein, dass dieses Weblog kurz wieder aktiviert wird. Wie ich hier in diesem Video erkläre, habe ich versprochen, einen Artikel beizusteuern zu Thomas Merton und das alles erinnert mich an die Anfänge hier. Vielleicht könnte das auch das letzte Projekt sein, das mit diesem Blog verbunden ist. Eventuell ein guter Abschluss? Das letzte Kapitel? Mal schauen.

can doubt be experienced collectively?

While certain faith communities are expected to believe on behalf of individuals („I don’t have to believe; my pastor does that for me“ as a chapter is called in Peter Rollins‘ „Insurrection“), Katharine makes a good point in saying that liberal church traditions (like Church of England or Lutheran churches in Germany) engage in intellectual or academic doubt but rarely know how to offer a space for individuals to enter into existential doubt.

I see this happening in both church communities where I work as a musician: We continue to use the language (meaning words, and symbols, and gestures etc.) and rhythm of our liturgy while we know that the „ordo“, the rhythm how our universe runs is much more complex. We say „Lighten our darkness, Lord, we beseech thee“ while our post-Auschwitz theology ponders about God’s absence. Yes, we know that our liturgy is just poetry, fairy-tale story telling where nothing bad can really happen.

Now, is it possible for communities to enter into „existential doubt“? Isn’t that something which rather happens to you, as an individual? Maybe you need the background of some belief system from which you can defect? Isn’t doubt always „somthing from which“? You wouldn’t „doubt into something else“, would you? Since doubt means opening to something else, to something which you didn’t know before, it’s clear why it is difficult for a collective to incorporate it somehow into their own belief system or liturgy or story telling. The only thing you could do probably is to kick them out of the nest. But which collective does that?

So … Walk. On your own. That’s okay.

gott erlauben, nicht da zu sein

Heute fragte mich jemand „Bist du Buddhist? Oder bist du Christ? Was für einen Glauben hast du?“ Und zum ersten Mal in meinem Leben habe ich gesagt: Ich habe leider keinen Glauben.

Innerhalb zweier Wochen las ich mich einerseits durch Esther Maria Magnis‘ als „Religionskritik“ vermarktetes Buch „Gott braucht dich nicht“ als auch durch die Bücher von Peter Rollins „The Orthodox Heretic“, „The Idolatry of God“ und bin nun bei „Insurrection“. (Sorry, bin gerade abgelenkt von Käptn Peng – Der Anfang ist nah. Weiss jetzt gar nicht mehr was ich sagen wollte. Und dann tauchen im News-Stream auch diese ganzen Meldungen zum neuen Papst auf)

Rollins. Also so wie ich das verstanden habe, ist ein wesentlicher Punkt seiner „Pyrotheologie“, den letzten Schritt mitzugehen, d.h. auch Gott selbst dran zu geben, ihn zu verlieren, auf den Punkt zu kommen, wo die letzte Sicherheit wegbricht. Die Abwesenheit nicht bloß als Vorspiel zu sehen in einem Drama, wo der verloren geglaubte Held doch noch wiederkehrt. Die Abwesenheit als solche zu würdigen und ihr nichts wegnehmen, indem man schon von dem geglückten Happy End schwärmt. Warum ist das wichtig? Na ja, für mich ist das erst einmal erleichternd, dass ich mal sagen darf: Ich habe keine Erfahrung von Gott. Und: Ich habe eher die Erfahrung von Abwesenheit von Gott. – Und dann stelle ich mir halt vor, dass ich trotzdem irgendwie leben und arbeiten muss. Und dass durch diese Lücke vielleicht die Chance gegeben ist, dass der Andere wirklich auch der Andere sein darf, nicht so wie ich mir vorgestellt habe und nicht degradiert zu einem weiteren Deutungs-Ding, zu einer weiteren Sammelkarte zur Konstruktion einer erfolgreichen Identität.

Zu dem Stichwort „Pyrotheologie“ gibt es 300 Wörter von Tim.

warum dürfen wir gott nicht erlauben, nicht da zu sein? – kurze anmerkungen zu esther maria magnis‘ „gott braucht dich nicht“

Ich bin erst bei der Hälfte, und habe folgende Anmerkungen zu Esther Maria Magnis‘ „Gott braucht dich nicht“:

1. Warum macht sie sich lustig über die Menschen, die durch die Begegnung mit dem „Clown“, dem Schmerz, aufgehört haben, an eine „Geschäftsleitung“ zu glauben?

2. Warum ist sie so wahnsinnig unbarmherzig gegenüber den hilflosen Gedankenhülsen der Gott-Enttäuschten, anstatt ihre Wut konzentriert auf die Person zu richten, von der sie behauptet, dass sie unendliche Güte sei?

3. Der Titel scheint mir eine „Lösung“ anzukündigen, die an die Hiobserzählung anknüpft. Das ist Spekulation. Vorbeugend kann ich schon mal sagen, dass der Schluss des Hiobbuches eine Nullantwort ist.

4. Warum dürfen wir Gott nicht erlauben, nicht da zu sein?

bei der lektüre von „paradise lost“

bei der lektüre von „paradise lost“ (2013)

wir müssen ja nicht mal mehr rebellieren –
ganz von selbst hat er
den platz geräumt
ärgerlich nur, dass seine flaschenpost
immer noch an unsere strände spült,
als hätten wir da nicht schon genug dreck
40 watt lichtsignale eines längst erloschenen sterns

dies ist eine gedicht-antwort auf andreas knapp

when the music stops i’m alone again

On Saturday 25th August 2012 I stopped praying. But every time I sing the hymn „The day thou gavest“ I believe what I sing. It’s like a game children play. Children don’t consider the game to be less than the „real life“. They don’t think „It’s just a game.“ No, the game counts, it is serious, it is meaningful, it matters. I think the same happens in any ritual: During the performance everything we say or do is real. In the performance of „singing ‚The day thou gavest'“ God is (without quotation marks) really the creator and sustainer of the cosmos. As long as the hymn lasts everything the hymn says is true, is real, is meaningful. Only when the music stops do we find ourselves again in the „geworfenheit“ of our existence. Alone. But that’s also okay.

warum ist küssen und beten so wahnsinnig wichtig?

Anja hat im Radio gesagt, dass der Durschnittsmensch hintereinander weg zusammengerechnet nur zwei Wochen für die Tätigkeit „küssen“ und zwei Wochen für die Tätigkeit „beten“ aufwendet. Und dann hat sie noch was gesagt. Und am Ende hat sie gesagt, wir sollten doch mal mehr Zeit mit Küssen und Beten zubringen. Fand ich süss. Anja ist Pastorin. Die muss so was sagen. Allerdings frage ich mich, warum wir nur so wenig Zeit mit Küssen und Beten verbringen, während wir wahnsinnig viel Zeit dafür aufbringen, uns über das Küssen und Beten zu „unterhalten“. Über das Küssen, über die Liebe wird nach wie vor gesungen, von Filmen des Genres „Romantische Komödie“ kann der Markt nicht genug kriegen und im Internet läuft ein Dauer-Pornofilm.

Gut, Beten kommt jetzt so direkt nicht im Normal-Wahnsinn der Welt vor. Religion ist eher so eine Art Drama-Queen, die große Auftritte braucht. Man fliegt mit Flugzeugen in Hochhäuser. Oder man lässt die Welt medial am Sterben teilhaben. So was in der Art. Da ist schon klar, warum man nur so wenig Zeit mit „Beten“ bzw. Religion zubringt. Viele religiöse Tätigkeiten oder Tätigkeiten, die mit Religion verbunden werden, macht man nur einmal im Leben. Die Message ist aber auch hier klar: Beten bzw. Religion ist wahnsinning wichtig!

Warum ist Küssen und Beten wahnsinnig wichtig? Ich nehme an, dass Küssen und Beten Techniken sind, die extrem wirksam sind, um sich in den Körper bzw. in die Gegenwart zu holen. Beim Beten ist dieser Aspekt leider ziemlich verschleiert, weil angenommen wird, dass die Anrede von einer Normal-Welt zu einer Ideal-Welt hin gerichtet ist. Eigentlich ist es genau anders herum: der oder die Betende wird von der Macht angeschaut, die er oder sie anspricht. Das ist die Grunderfahrung, die man existenziell sucht: Angesehen zu werden, gemeint zu sein. Und in diesem „Angesehen werden“ selber in die Gegenwart kommen, in den eigenen Körper zurück finden können, um ganz zu sein und „heil“ zu werden. Na ja, und das ist beim Küssen nicht anders. Nur dass der körperliche Aspekt einfach noch vordergründiger da ist. Küssen und Beten sind die universalen menschlichen Techniken des Ganz-Werdens in der Gegenwart.

Es gibt aber noch andere Möglichkeiten. Zum Beispiel die Meditation. Der Vorteil: Man kann das alleine machen. Wenn Sie keinen Menschen zum Küssen oder keinen Gott zur Hand haben (wie ich) – lernen Sie meditieren! Das hilft auch.

Aber im Grunde genommen liegt es nicht in den Tätigkeiten selbst – küssen, beten, meditieren. Eigentlich gibt es keine Tätigkeiten, die „wichtiger“ sind als andere. Um die Erfahrung des Ganz-Werdens zu machen, reicht – und ich behaupte nicht, dass das einfach ist – dass man bei der Tätigkeit anwesend ist, die gerade zu tun ist. Daher ist es ziemlich egal was man macht und wieviel Zeit man für irgendetwas aufbringt, so lange man versucht, schlicht „dabei zu sein“. Okay, und durch Küssen, Beten und Meditieren kann man das eben gut üben. Daher sind das schon wichtige Tätigkeiten, allerdings dann auch nicht so wahnsinnig wichtige. Aber wenn Sie Buddhist sind, wussten Sie das vielleicht schon.

der handfilter (zwei haikus)

der handfilter (haiku)

in der küche läuft der kaffee durch
zwischendurch schnell mal was andres machen
vergess ich ihn

der handfilter remixed (haiku mit bonus-zeile)

in der küche läuft der kaffee durch
zwischendurch schnell mal was andres machen
vergess ich ihn
wie ich dich vergesse weil du immer so lange brauchst

20. august 2012

music, a dreaming animal

Music is something you cannot write or speak about.

We have problems with this fact because music seems to be a foreign language for us. It tires us. Why should we sit in a concert hall and listen to sounds we do not understand?

But maybe the sounds do not want to have meanings, maybe they just want to be what they are: sounds. They do not force us to listen to them, they do not ask to be pressed on a compact disc and be sold, they know nothing from our world. In their naivety they do not even care if they are used for destructive aims or not. What is true about the indifferent sun and the indifferent (“For the Father makes his sun shine on bad and good people alike and gives rain to those who do right and those who do wrong.”) is also true about the sounds. Music is a dreaming animal, and it is an error when we think that we know anything about it.

Music just seems to be language (it is not), because people write music or perform music with instruments or voices. Of course the techniques of composition could be compared with constructing of syntactic sentences, but what about the meaning? The syntactic construction mostly is mistaken for the meaning, but the syntactic construction says nothing and means nothing. We expect performers to be good translators, but the sounds emerging from their mouths and hands and their whole bodies interacting with the environment – that becomes an autonomous living animal we call music. The meaning inherent in music proves to be untranslatable, the very matter of music is “untranslatableness”.

Sometimes we think that we have learned that secret and foreign language. We listen and are moved or shocked or soothed. Only it is not music which produces such effects. The meaning we understand is not the meaning inherent in music but a meaning which is an event happening in a moment between music and us. It is as if our attempt to understand anything creates the meaning which then covers the music and its no-meaning like a skin or a crust.

Individual’s minds touching and reading their skins or crusts like braille.
Reading aloud: but never the same words.
Very true: music, a dreaming animal, alone with itself.

Yotin Tiewtrakul, August 1995

Ich schrieb das vor siebzehn Jahren auf. Da war ich zwanzig. Weiss nicht mehr, warum das auf Englisch verfasst ist. Ich glaube, ich finde das immer noch so, was ich da gesagt habe.