Getagged: Beten

bei der stillen andacht der quäker

Ich war heute morgen bei der Stillen Andacht der Quäker. Sie findet im Gemeindehaus einer lutherischen Kirche in Barmbek statt.

Zu acht sitzen wir auf Stühlen um einen niedrigen Tisch herum, auf dem eine kleine Kerze brennt, um die Kerze eine Bibel und „Quaker Faith and Practice“. Mir wird kurz erläutert, was passieren kann in einer „Stillen Andacht“: Jeder geht in die Stille. Wenn es jedoch jemanden drängt, etwas zu sagen, passiert auch das. Allerdings antwortet die Gruppe darauf nicht.

Als die Andacht beginnt, gehe ich in Gewohntes: In die Handflächen hineinspüren, den Atem zählen. Spüren, wie angenehm der Körper es findet, da zu sein. Ich bin auch etwas müde. Und da wir hier nicht beim Zen sind, so geht es mir durch den Kopf, ist es bestimmt auch okay, etwas zu dösen. Tatsächlich geschieht es heute morgen, dass jemand etwas sagt, etwas berichtet von einer beeindruckenden Begegnung mit einer besonderen Frau.

Inzwischen ist es mir an meinen Beinen kalt. Ich versuche trotzdem wieder in das Ruhen zu kommen, das ich zu Anfang der Andacht hatte. Es gelingt mir nicht so richtig. Ich spüre auf einmal Motivation und Klarheit. Erstaunt stelle ich fest, dass ich in dem Moment recht gelassen auf alles schaue, was ich noch zu erledigen habe.

Die Stille Andacht wird damit beendet, dass wir uns alle einmal wortlos an den Händen fassen. Dann gibt es Tee und Kekse und Datteln. Lecker. Und auch Gespräch. Nette Leute sind das.

Abspann:

  • Ich finde den Blog der Berliner Quäker sehr spannend.
  • Die Hamburger Gruppe trifft sich jeden 2. und 4. Sonntag im Monat im Gemeindehaus der Auferstehungskirche in Nord-Barmbek (Tieloh 22-24,22307 Hamburg, direkt neben der U-Bahn „Habichtstraße“) von 10.30-11.30 Uhr zur Stillen Andacht.
  • Am Sonntag, 9. Februar 2014 laden wir in Kooperation mit MEET  zu einem Begegnungstag im Ansverus-Haus (Aumühle) ein, wo es um die Frage geht: Spielen Konfessionen überhaupt noch eine Rolle, wenn wir in die Stille gehen? Zu Gast sind zwei Quäker aus Hamburg und eine Eremitin aus Ratzeburg.

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warum ist küssen und beten so wahnsinnig wichtig?

Anja hat im Radio gesagt, dass der Durschnittsmensch hintereinander weg zusammengerechnet nur zwei Wochen für die Tätigkeit „küssen“ und zwei Wochen für die Tätigkeit „beten“ aufwendet. Und dann hat sie noch was gesagt. Und am Ende hat sie gesagt, wir sollten doch mal mehr Zeit mit Küssen und Beten zubringen. Fand ich süss. Anja ist Pastorin. Die muss so was sagen. Allerdings frage ich mich, warum wir nur so wenig Zeit mit Küssen und Beten verbringen, während wir wahnsinnig viel Zeit dafür aufbringen, uns über das Küssen und Beten zu „unterhalten“. Über das Küssen, über die Liebe wird nach wie vor gesungen, von Filmen des Genres „Romantische Komödie“ kann der Markt nicht genug kriegen und im Internet läuft ein Dauer-Pornofilm.

Gut, Beten kommt jetzt so direkt nicht im Normal-Wahnsinn der Welt vor. Religion ist eher so eine Art Drama-Queen, die große Auftritte braucht. Man fliegt mit Flugzeugen in Hochhäuser. Oder man lässt die Welt medial am Sterben teilhaben. So was in der Art. Da ist schon klar, warum man nur so wenig Zeit mit „Beten“ bzw. Religion zubringt. Viele religiöse Tätigkeiten oder Tätigkeiten, die mit Religion verbunden werden, macht man nur einmal im Leben. Die Message ist aber auch hier klar: Beten bzw. Religion ist wahnsinning wichtig!

Warum ist Küssen und Beten wahnsinnig wichtig? Ich nehme an, dass Küssen und Beten Techniken sind, die extrem wirksam sind, um sich in den Körper bzw. in die Gegenwart zu holen. Beim Beten ist dieser Aspekt leider ziemlich verschleiert, weil angenommen wird, dass die Anrede von einer Normal-Welt zu einer Ideal-Welt hin gerichtet ist. Eigentlich ist es genau anders herum: der oder die Betende wird von der Macht angeschaut, die er oder sie anspricht. Das ist die Grunderfahrung, die man existenziell sucht: Angesehen zu werden, gemeint zu sein. Und in diesem „Angesehen werden“ selber in die Gegenwart kommen, in den eigenen Körper zurück finden können, um ganz zu sein und „heil“ zu werden. Na ja, und das ist beim Küssen nicht anders. Nur dass der körperliche Aspekt einfach noch vordergründiger da ist. Küssen und Beten sind die universalen menschlichen Techniken des Ganz-Werdens in der Gegenwart.

Es gibt aber noch andere Möglichkeiten. Zum Beispiel die Meditation. Der Vorteil: Man kann das alleine machen. Wenn Sie keinen Menschen zum Küssen oder keinen Gott zur Hand haben (wie ich) – lernen Sie meditieren! Das hilft auch.

Aber im Grunde genommen liegt es nicht in den Tätigkeiten selbst – küssen, beten, meditieren. Eigentlich gibt es keine Tätigkeiten, die „wichtiger“ sind als andere. Um die Erfahrung des Ganz-Werdens zu machen, reicht – und ich behaupte nicht, dass das einfach ist – dass man bei der Tätigkeit anwesend ist, die gerade zu tun ist. Daher ist es ziemlich egal was man macht und wieviel Zeit man für irgendetwas aufbringt, so lange man versucht, schlicht „dabei zu sein“. Okay, und durch Küssen, Beten und Meditieren kann man das eben gut üben. Daher sind das schon wichtige Tätigkeiten, allerdings dann auch nicht so wahnsinnig wichtige. Aber wenn Sie Buddhist sind, wussten Sie das vielleicht schon.