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sacred harp – „musique concrète“

Vor einem Jahr passierte es: Ich traf bei einem All Day Singing in Delmenhorst (organisiert von Bremer Sängern) auf die Tradition der „Sacred Harp“. Ich sage nicht „die Musik der Sacred Harp“, weil es bei Sacred Harp nicht um Musik als einer Vorführ-Kunst geht, sondern um die Interaktion, die mit dem Gesangbuch „The Sacred Harp“ verknüpft ist. (Für den Feuilleton-Jargon meiner Studentenzeit, der hier jetzt folgt, entschuldige ich mich aufrichtig, aber ich kann nicht anders!)

Immer noch wird Musik, vielleicht wegen ihrer „luftigen“ Existenz, als etwas Unkonkretes, ja, als etwas Vor-Eschatologisches gesehen, was nur verweist auf ein Noch-Nicht. Ich denke an die Deutung der Musik Ernst Blochs als einen „Ruf ins Entbehrte“: Er nimmt den Mythos vom Gott Pan, der in Liebe entbrannt einer Nymphe nachstellt; sie wird dadurch gerettet, indem sie in ein Schilfgewächs verwandelt wird; er findet Trost als er aus einem Schilfrohr eine Flöte schnitzt. Musik wird hier erfunden als ein Sehnsuchtsruf. Oft beachtet man in dieser Deutung der Musik nicht, dass, auch wenn die Musik sich nach dem ausstreckt, was nicht verfügbar ist, sie selbst konkret da ist. Sie ist eben nicht weit weg, sondern ganz nah. Es mag sein, dass das Flötenspiel des Gottes die Angebetete vergegenwärtig. Würde er doch das Objekt der Begierde vergessen und der Musik selbst begegnen!

Der Zusatz „concrète“ erscheint redundant in dem Begriff „musique concrète“, wie Musikcollagen aus Tonbändern mit Geräuschen in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts genannt wurden. Musik ist immer nur konkret. Freilich, zu lange war sie bloß die zweite Wahl: Kriegste die Nymphe nicht, tröstet dich immerhin dein Flötenspiel. Wie viele Musik gibt es, die auf das Utopische bloß verweisen! Dankbar setzen Religionen und Diktaturen Verweis-Musik ein. Die Musik suggeriert das Paradies und soll es vorwegnehmen.

Nimmt man die vertonte fromme Lyrik in der Sacred Harp bewusster in den Mund, wird scheinbar daran angeknüpft: Wenn man micht gerade vom Sehnsuchtsland „Canaan’s Land“, das jenseits des Jordan liegt, singt, beschreibt man voller Zagen das Reich des Todes und der Hölle: „a land of deepest shade“. Trotzdem kann behauptet werden, Sacred Harp ist par excellence „musique concrète“. Sie ist präsent, sie wartet nicht auf etwas anderes, sie ist nie nur Dienstmagd einer Utopie, die verkündet werden muss. Warum und wie ist sie die konkrete, selbstgenügsame Erfahrung, der nichts fehlt?

Viel liegt an ihrer Körperlichkeit. Der Körper wird zum Beispiel durch das typische Taktschlagen involviert, manchmal erweitert sich das durch ein unwillkürliches Stampfen mit dem Fuß. Körperlichkeit ist auch durch die Lautstärke herausgefordert: Einerseits braucht es erheblichen körperlichen Einsatz um das kräftige Singen zu erzeugen, andererseits spürt man die durch die Schallwellen bewegte Luft ganz direkt auf der eigenen Haut. Auch das Setting spielt eine Rolle: Sacred Harp ist keine Aufführungsmusik, sondern eine Mitmachmusik. Es wird nicht an Phrasierung und Lautstärke geübt, nicht an Intonation gefeilt – das Mitmachen erfolgt immer sofort durch das Absingen der Shapes und den darauffolgenden Strophen. Dies geschieht im Rahmen z.B. eines All Day Singings oder einer Convention (zwei Tage) das nach geregeltem Protokoll abläuft. Auch dieses durchgehende Singen einen ganzen Tag lang fordert den Körper bis zu einem gewissen Grad der Erschöpfung heraus.

Der Körper ist das was er ist, er verweist nicht auf etwas anderes. In kaum einer anderen Musiktradition wird ihm Gelegenheit geboten, sich selbst als sich selbst zu erfahren.

Aber Sacred Harp ist eigentlich vor allem das Drumherum. Die kleine Hamburger Gruppe, die es seit letzten Sommer gibt, bekommt das jetzt freudig zu spüren, da jetzt Ende Mai die erste Sacred Harp Convention in Deutschland stattfinden soll. Es sind vor allem Sängerinnen und Sänger von der Bremer und Frankfurter Gruppe federführend beim Organisieren mit dabei. Und wir hier in Hamburg haben Unterkünfte gesucht und bitten um Mithilfe beim Mittagsbüffet, um unsere Gäste aus England, Irland, Polen, Schweden, Norwegen und den USA u.a. willkommen zu heißen!

Gesungen wird in der Kapelle des Ökumenischen Forums Hafencity/Hamburg. Kommt einfach vorbei! 31. Mai und 1. Juni 2014. Details gibt es hier.

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and am i born to die – ein würmermahl der leib

Ein Würmermahl der Leib,
geboren für die Gruft –
ist Tod denn alles, was mir bleibt?
Ich bebe, weil er ruft.

Nur taube Schemen wehn
im jenseits-dunklen Land,
wo Schatten hausen, ungesehn,
wo Namen unbekannt.

Was wird aus mir, wenn bald
mein Geist dem Leib entflieht?
Mein Los – ist’s strafende Gewalt,
ist’s Gnade, die mich sieht?

Und weckt Posaunenton
mich auf, vor ihm zu stehn,
dann seh ich vor dem Flammenthron
die Himmel untergehn.

Yotin Tiewtrakul 2013
nach Charles Wesley 1763

Was singt man da eigentlich die ganze Zeit bei Sacred Harp? Wichtige Textquellen sind offensichtlich die Gedichte von Isaac Watts und den Wesley-Brüdern, die in Deutschland niemand kennt (es sei denn, man gehört zu so einer Minderheiten-Kirche wie den Baptisten oder so). Oben ist eine Übersetzung, eher: eine Übertragung von den vier Strophen von „And Am I Born To Die“ von Charles Wesley, die z.B. bei dem Lied „Idumea“ (Seite 47 unten) abgedruckt sind. Die Worte werden aber auch für „World Unknown“ (Seite 428) verwendet, was darauf hindeutet, dass das ein beliebter Text gewesen sein muss.

Kein Mensch dichtet mehr solche Höllenangst-Kirchenlieder. Der Geschmack hat sich geändert. Ich glaube, heutige Kirchenlieder müssen den Blick noch mehr auf gegenwärtigen Aufgaben lenken, anstatt sich in Himmel- oder Höllenphantasien zu ergehen. Trotzdem ernst zu nehmen ist, dass viele Menschen Angst vor dem haben, was nach dem Tod sein soll. Der Tod ist nicht nur ein Symbol für das, was wir nicht kennen, er ist nicht nur eine Metapher für das absolut Unbekannte, sondern möglicherweise eine reale „Erfahrung“ von Nicht-Bewusstsein – und natürlich ist das erschreckend! Der Tod ist wirklich das Unvorstellbare. Durch Singen wird die Angst vor dem Unvorstellbaren aber gedämpft. Die Menschheit singt seit jeher gegen den Tod an. Ob das was hilft, ist eine andere Frage. Aber es ist auf jeden Fall ehrlicher als das Gesinge von schönen Paradies-Gärten oder Bei-Jesus-sein-Blabla.

  • Noch mehr Strophen von dem Wesley-Gedicht im Original bei hymnary.org.
  • Und ach, kommt doch zum Sacred Harp Workshop mit Michael Walker am Samstag, 28. September 2013, 10.00-16.30 Uhr in der Anglican Church of St Thomas Becket in Hamburg (Zeughausmarkt 22, 20459 Hamburg). Er kostet nichts! Flyer / Facebook-Event
  • Falls ihr an dem Tag nicht könnt. Die Hamburger Gruppe trifft sich jeden Dienstag am selben Ort zum Singen: sacredharphamburg.weebly.com
  • Offensichtlich macht der Bremer Gruppe die deutsche Version Spaß, hier ein Audio vom letzten Samstag während der Nacht der Kirchen in Hamburg. Danke, dass ihr gekommen seid, um was von der Sacred Harp zu zeigen und davon zu erzählen!

„sacred harp“ ist irgendwie vintage und deshalb cool

Ja, ich mach eigentlich tatsächlich nur coole Sachen: Evensong mit Musik aus der Tudor-Zeit, meditieren in Sankt Peter in Köln und Fliege tragen. Einer uncoolen Gewohnheit gehe ich nur noch selten nach: Bloggen ist inzwischen irgendwie gähn. Das macht doch auch echt keiner mehr.

Die Frage ist, wie alt Sachen erst werden müssen, um dann wieder cool zu sein. Bei Sacred Harp, dessen Anfänge vielleicht im Neuengland von vor 200 Jahren liegt, kann man sagen: Jou, kann man wieder machen.

Sacred Harp ist keine Musik zum Zuhören, sondern zum Selbermachen. Die vier Stimmgruppen (Treble, Alto, Tenor, Bass) sitzen einander im sogenannten „Square“ gegenüber. Es gibt keinen Chorleiter, abwechselnd treten Menschen in den Square, sagen eine Seite an, jemand bestimmt die Anfangstöne und dann geht es los: „sol, la, fa, sol, la, fa, la, sol, la, sol, fa …“ In der Liedersammlung mit dem Titel „Sacred Harp“ sind die Noten in verschiedenen Formen („Shapes“ genannt) gedruckt, die mit vier verschiedenen Tonsilben gesungen werden. Erst nach diesem Durchgang werden dann eine oder mehrere Strophen gesungen. Volksmelodien mischen da mit Kirchenmelodien, durchweg werden gestapelte Akkorde präferiert, so dass ein robuster, archaischer Sound bei rum kommt. Musiksatztechnisch ist da so gut wie alles falsch. Wahnsinnig viele Infos hat die Homepage der Bremer Sacred Harp Gruppe.

Ich freue mich, dass Fynn nach Hamburg kommt, um einen Workshop dazu zu machen. Jeder kann da einsteigen. Wenn die Harmonien schon alle falsch gesetzt sind, kann man auch nicht wirklich noch falscher singen. Würde mich freuen, viele dabei zu haben:

Samstag, 17. August 2013, 10-17 Uhr
Singing from the „Sacred Harp“
Workshop mit Fynn Titford-Mock (Norwich/UK)

Anglikanische Kirche St Thomas Becket
Zeughausmarkt 22
20459 Hamburg
(U-Bahn „St. Pauli“, U-/S-Bahn „Landungsbrücken“)

Und ey, ihr Hosenträger-Hipster mit euren Herschel Supply Rucksäcken: Sacred Harp ist eure Musik! Ihr kennt das ja aus dem Manufactum-Katalog: „Es gibt sie noch, die guten Dinge.“